Writersblog von Thomas Kapielski.
23. Juli 2010
Zürich. Von Hamburg nach Zürich im Zeugflug - auch neu; die ganze Besatzung aber wie sonst: Mütter mit Kindern, Messenomaden, papprollentragende Kreative, reisefrohe Ehepaare, ein Preislesereisender, allesamt an Tomatensaft. Die ganz zyklopischen (homerisch-vulkanischen) Geschäftsleute, die dicken Onkels (dem Stalin seine Klassenfeinde), die sollen unterdes mit dicken Luxusdampfern den Rhein hochjubeln, tätowierte Mätressen kitzeln und gedehnt „Boni" verprassen. Im Schneckentempo trifft auch der Laudator Gärtner nach mir qua Holzklasse im Hotel Kindli ein, ein gut währschaft Haus. Ich luchse ihm mit Laudationes auf seine Lederreisetasche dieselbe auf demnächst ab, denn sie ist famos, heute kann keiner mehr solch nobles Kummet täschnern, und er, Laudator Gärtner, braucht sie eigentlich nicht. Dann hurtig hin zur Rheinfelder Bierhalle, eine gut währschaft Stuben, dort Essen und einige Stangen zu nehmen. Das Literaturhaus keimte 1834 aus der Zürcher Kaufmännischen Lesegesellschaft und amtiert jetzt als „Museumsgesellschaft", die eine gute Bibliothek und Zeitschriften führt und das Literaturhaus beheimatet. Im 135 Jahre alten Institut amtieren mir zur Freude sogar ein Quästor Tödtli – ob er zu den quaestores consulis zählt oder hier einfach den Kassenwart schiebt, erschließt sich mir nicht - als auch ein Aktuar Horlacher, ein Schreiber also, wenn nicht sogar Schnellschreiber und Schriftführer. Vor mir lasen hier Gottfried Keller, Lenin, Thomas Mann, Ricarda Huch. Und vor mir entwickelte der Laudator Gärtner feinste, steilste Bildhermeneutik, mein Werk, eigens die Wandsäfeabdeckung betreffend. Feine, gut amüsierte Versammlung, die Damen des Hauses Stoll und Gubler, dann Haemmerli da, David Weiss, Schwertfeger, Virchow, ah!, und Marlene Frei natürlich und noch allerlei schräg laufende Zürcher Boheme und sonstwer. Auch eine etwas dubiose Dame hauchte mir guten Cognac zu. Kronenhalle obligat. Anderntags feiner Abend im Oberhof mit Virchow noch, dann Großmünster, Polke-Fenster gucken und Peter Noll gedenken und der Dub seinetwegen auch eine Fürbitte. Dann Erwerb einer Schweizer Mooseinlegesohle auf der ich noch heute durch die Gassen schwebe. Dann im Kriechgang mit unlenksamem Hochwürden Laudator und Hegelianer Gärtner ins Airport-Migros und zurück auf Moos im Zeugflug nach Berlin ins Hoeck.
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