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Writersblog von Thomas Kapielski.
23. Juli 2010
LHT 9 - Zürich
Zürich. Von Hamburg nach Zürich im Zeugflug - auch neu; die ganze Besatzung aber wie sonst: Mütter mit Kindern, Messenomaden, papprollentragende Kreative, reisefrohe Ehepaare, ein Preislesereisender, allesamt an Tomatensaft. Die ganz zyklopischen (homerisch-vulkanischen) Geschäftsleute, die dicken Onkels (dem Stalin seine Klassenfeinde), die sollen unterdes mit dicken Luxusdampfern den Rhein hochjubeln, tätowierte Mätressen kitzeln und gedehnt „Boni" verprassen. Im Schneckentempo trifft auch der Laudator Gärtner nach mir qua Holzklasse im Hotel Kindli ein, ein gut währschaft Haus. Ich luchse ihm mit Laudationes auf seine Lederreisetasche dieselbe auf demnächst ab, denn sie ist famos, heute kann keiner mehr solch nobles Kummet täschnern, und er, Laudator Gärtner, braucht sie eigentlich nicht. Dann hurtig hin zur Rheinfelder Bierhalle, eine gut währschaft Stuben, dort Essen und einige Stangen zu nehmen. Das Literaturhaus keimte 1834 aus der Zürcher Kaufmännischen Lesegesellschaft und amtiert jetzt als „Museumsgesellschaft", die eine gute Bibliothek und Zeitschriften führt und das Literaturhaus beheimatet. Im 135 Jahre alten Institut amtieren mir zur Freude sogar ein Quästor Tödtli – ob er zu den quaestores consulis zählt oder hier einfach den Kassenwart schiebt, erschließt sich mir nicht - als auch ein Aktuar Horlacher, ein Schreiber also, wenn nicht sogar Schnellschreiber und Schriftführer. Vor mir lasen hier Gottfried Keller, Lenin, Thomas Mann, Ricarda Huch. Und vor mir entwickelte der Laudator Gärtner feinste, steilste Bildhermeneutik, mein Werk, eigens die Wandsäfeabdeckung betreffend. Feine, gut amüsierte Versammlung, die Damen des Hauses Stoll und Gubler, dann Haemmerli da, David Weiss, Schwertfeger, Virchow, ah!, und Marlene Frei natürlich und noch allerlei schräg laufende Zürcher Boheme und sonstwer. Auch eine etwas dubiose Dame hauchte mir guten Cognac zu. Kronenhalle obligat. Anderntags feiner Abend im Oberhof mit Virchow noch, dann Großmünster, Polke-Fenster gucken und Peter Noll gedenken und der Dub seinetwegen auch eine Fürbitte. Dann Erwerb einer Schweizer Mooseinlegesohle auf der ich noch heute durch die Gassen schwebe. Dann im Kriechgang mit unlenksamem Hochwürden Laudator und Hegelianer Gärtner ins Airport-Migros und zurück auf Moos im Zeugflug nach Berlin ins Hoeck.
8. Juli 2010
LHT 8 - Hamburg
Hamburg. Schöne Alster; darum aber hetzt der Irrsinn: Todflüchtige, an zu hohen Zielen aufgeriebene (gegen Augenringe pflege ich Hämorridensalbe anzuraten), wie Pferde schwitzende Jogger, die ich gleichwohl im Spaziergang zu überholen vermag; zwei um 50, auf dem Rücken liegend, lassen Drachen steigen - „Das Himmelspfand in unseren Händen / Ist eines Himmels wert zu sein"; auf See Segelbötchen, darauf Hinundher- und -herumfahrer, sie alle „pflügen mit des Schiffes eilendem Kiele" ihrem Vöslauer Prosecco in der Alsterperle zu; doof and young (and yin) for ever; ganz übelgesinnte, haßschweißschwitzende Radfahrer, behelmte (Modell Styroporpflaume) Krieger in Wolfskin, die sich ökologisch salviert wie Böse Opelz die Bahn freibrüllen, alles schön doppeldoof (Lufthuzenärsche); und allesamt natürlich (!) grausam gekleidet, als tagte die endlose Freizeit- und Bergsteigermesse zu Hamburg; Kind reißt einer Weide (einer nun ganz traurigen) einen Arm ab, der Vater, vermutlich bei Attac und Amnesty und Friends & Freunds & Cheese engagiert, betont die Entfaltung der Identität seiner erbarmungslosen Göre (so früh schon der Schatten des Körpers des Schuftes!) und ermutigt, das nächste Geäst zu kupieren. Im Literaturhaus eine andere Welt, alles fein, wie immer. Anschließend kleine Runde. Harry auch kurz dabei. Kunstsammler und Urologe („Das waren alle meine Patienten!") Reiner Speck, soignierter Herr, scharmant, erfreulich („Wenn jetzt hier Witze erzählt werden, verschwinde ich sofort!"), leicht freilich schon schwebend (claritudo?), hat auch feine Twomblys! (Wie Weiners und er selbst aussehen, weiß ich schon, und weiß auch einiges noch von ihm, Weiner, das ich später mal verrate.) Anderntags aus der S-Bahn ein schroffer Blick auf den Friedhof Ohlsdorf, auf die große Uhr, worein ein Dornenkranz geflochten, oben am Portalturm; darunter steht: „EINE VON DIESEN".
27. Juni 2010
LHT 7 - Leipzig
Leipzig. Haus des Buches. Fast wie ein Klassentreffen: Dr. Ulrich Schneider, Leiter der Universitätsbibliothek (aus ihm ist was geworden!) und die ganzen anderen verhinderten Doctores (comme moi) in den Kunstwissenschaften (comme moi pas). Abends beim Essen der Blutwurst platzte mir die Nase, so wie der daraus sprengende Blutschwall schwoll! - Ursache ein Hämangiom; alle Jahre (müßte genauer bestimmt werden) bricht es auf und die Blutung ist schwer zu stoppen und zu fassen: wie kann sich aus so einer winzigen Körperöffnung derartiger Blutguß ergießen? (Ein Arzt, wüßte er denn von mir, wüßte es vielleicht und auch zu heilen!?) Leipzig ist schön; hier täte ich, jung noch, studieren! Dann früh im Zug nach Hamburg, gern um Berlin herum, aber durch Berlin hindurch, kurz daheim, dann weiter.
24. Juni 2010
Die Nils Krügersche Mutung.
Mein Freund Nils Krüger, der Erfinder und Instrumentenbauer des Tonkneters, der mathematische Tüftler und Denker am Muster, hat folgende These in die Welt gesetzt – und nun möge sie einer, so er kann, falsifizieren oder andernfalls prämieren, von mir aus mit dem Nobelpreis für Mathematik. (Den für Chemie hat ja der Denker und Zeichner Tomas Schmit schon beizeiten dem Calciumcarbonat zugedacht, und das war schon weise!) Sodenn: „Hier etwas Schlichtes von mir [- Nils Krüger nämlich, und so aus einer Post an mich:]. Problem : wie lassen sich gerade und ungerade Zahlen prozederal entmischen ? Lösung: ich stelle normale Zahlen binär dar, spiegele sie, betrachte die Reihe der gespiegelten Binärzahlen und siehe, gerade wie ungerade Zahlen sind entmischt. Beispiel: (von 1-8 siehe senkrecht) 1 000 <-> 000 1 2 001 <-> 100 5 3 010 <-> 010 3 4 011 <-> 110 7 5 100 <-> 001 2 6 101 <-> 101 6 7 110 <-> 011 4 8 111 <-> 111 8 Dieses Verfahren funktioniert bis ins Unendliche. So kann sich, wenn man Freude daran hat bis zur Äscherung, trefflich autistisch, Leere im Geiste zur Fülle wandeln." Nun das walte!
22. Juni 2010
LHT 6 - Köln
Köln: Dom, Bahnhof, Böhm (holt stets vom Bahnhof ab, freue ich mich immer, und dann geht es gleich rüber ins Früh:), Kölsche Kaviar, deuxième petit-déjeuner, pemier dîner; dann noch in den Dom, wo mir Thomas Böhm vom förderlichen Einfluß Goethes auf den Bau berichtet und auch sonst noch Einiges, gut zu wissen. Abends nach getaner Arbeit dann abermals Früh mit Flöns (au souper). In Köln ist mir stets wohl! Anderntags mit Laudator und Schofför Lawo anstrengende, langgezogene Autofahrt (ob- und gleichwohl durch schöne Landschaft von Köln nach Leipzig nördlich des Vogelsberges durch Hessen (Hessenwurstkauf in „Wagners Wurstkammer" (- gesunder Genitiv!) in Herleshausen), dann an der offenen thüringischen Perlenkette: an Eisenach, Gotha, Erfurt, Weimar und Jena vorbei, einmal um Leipzig noch herum, wiedebum! im Auto Heinz-Werner Lawos; der knallgelbe Kleinwagen brüllte ab 120 km/h vor Schmerz und Überanstrengung und war doch am Ende nicht halb so erschöpft wie ich; er schlief in einer „Parkbox" des feinen Hotels Seaside Park (mit ohne See) zu Leipzig, wo ich mir zu allererst ein frisches Seaside-schickliches Hemdchen bei Charme & Anmuth gönnte (mir zu gönnen mich genötigt sah).
18. Juni 2010
LTH 5 - Salzburg
Salzburg. Riesiger Bahnhofsumbau, den man – obgleich man wenig weiß – aufs erste für Unfug hält; ich kenne den alten, er war unberühmt doch zureichend – eben ein Bahnhof. Wird später bestätigt. An der Bauwunde entlang und rechts runter Zum Hirschen. Rosa Pock, die Freundin und avisierte Laudatorin, auch schon da, Freude! (Man sieht sich so selten; also war meine Idee, als Laudatoren auch die zu selten Gesehenen zu erkiesen.) Gleich runter in die Gaststube: Beuschel fassen und Gulasch zum Bier, hervorragend! Tomas Friedmann, Literaturhausleiter zu Salzburg, kommt hinzu und erzählt beschwingt seine familiäre Glücksgeschichte; ich bringe raunend meine familiäre Unglücksgeschichte bei. Anderntags Magengrimm zweier törichter, unnötiger nächtlicher Tatarhälften wegen. Früh lieber gleich los. Elfjährige Fußballspieler, ganze Mannschaft mit Trainer, neben mir im Zug nach Rosenheim; ruhiger, wohltemperierter als unsere Kinder in den Bezirken, aber auch: Nintendo, x-box, der ganze Abfall. München, du nun wieder! Marienplatz, Donisl, Filze Johanna Daimer, Weißwurst geht nicht (Ingrimm des Pansens). Ewig am Flughafen. Ach, was heißt schon ewig? Ewig, eben das Ewig, nur das ist so lang, nur das.
10. Juni 2010
LTH 4 - Graz
Graz. Flughafen. Taxi, sofort erst zum Mohrenwirt; Hirn mit Ei („Immer noch nicht verboten?" – „Wos Brüssel mocht unt Wiean, scherts uns in da Schdaiamoak an Dreck!"), 2 Bier, 1 Kronen-Zeitung. An der blauen Kunstgänsekeule vorbei, über die nachdrückliche Mur, geradezu hochlaufen; in den Dom. (Ad Dub.) Weiter zum Parkhotel. Hier war ich doch schon mal! Da stand ich damals mit dem Gusenbauer im Fahrstuhl vor Jahren beim Steirischen Herbst; wir schwiegen uns staatsmännisch an. Die Schuhe schmerzen heuer den Autoren – zum Ausgleich für die allzu gütlich überlebte Münchener Senkelkrise? Und auch wieder Regen (running rain gag). Vorlesen. Paul Jandl Laudatio. Essen mit den angenehmen Damen Altziebler (schöner Name) und Winter und Jandl. Von einer Dame umschwirrt, die die unfängliche Speisekarte auswendig hersagt, und wir verstehen nur Martin Opitz. Erquickliche Runde somit. Hotelillustrierte: falsch Nasenflöten aus Ahorn, Eibe und Obst von Handler aus der Steiermark; zu holzig, zu ökoauthetisch, kommen nicht in Frage! Das fassungslose Morgengrauen nach gutem Traume (schlechte Träume wandeln eine reale Unerträglichkeit zur erträglichen; gute Träume potenzieren das wache Entsetzen), wachliegen, alles grau, unverschämte, „ausgeschamte" Steyerer Vogelschar (vulgo: Fögl) am frühbrüllen vor dem Fenster. Frühstück mit Jandl, angenehm. Dann die schön dahingleitende Fahrt durch die Alpen, glitzernde Schneegipfel. Die Eisenbahn erinnert an die alte, Fernster lassen sich öffnen, viel Zeit geht dahin, eine Verspätung wird die Berge wie den Reisenden nicht bekümmern, Schiene und Zug schmiegen sich in die Landschaft, zwei Loks ziehen uns duldsam hinauf und hindurch und dann gleiten wir hinunter in einen zerschredderten, vor Schmerz wackelnden Bahnhof Salzburg.
3. Juni 2010
LTH 3 - Stuttgart
Stuttgart. Kleine Großstadtmetamorphose: U-Bahn wird zur Straßenbahn sobald sie dem Hauptbahnhof entkommt. Ich stehe hilflos im Regen und sehe mich um; wat nu? Seltsam: Was steht da drüben? -: „Literaturhaus". (Darf man bingo! sagen? – Nein! Also: bongo!) Hotel Maritim. Erst runter, dann geradeaus, dann wieder hoch. Labyrinth. Mein Zimmer: Zimmer? - was heißt Zimmer? Es ist eine Wohnung, größer als die meinen je waren! – sieht aus wie der Zweitnobelsitz einer älteren, sehr reichen Dame in Miami, die hauptamtlich am Tegernsee und sommers in Davos haust bzw. villat oder domizilt. Wenigstens 100 Quadrat. Cremefarbene Couch, Sessel, Glastische, Eßtisch, Tanzfläche, Fechtboden. 2 TVs. Klimaanlage. Schrankwände. Ich öffne eine neuerliche Schrankwand und wundere mich: das Bad sah eben noch anders aus!? Blick auf Stuttgart – was heißt Stuttgart? Es ist ein Center worin das Hotel einige Gebäude füllt, so eine Art Shop-Nobeldisco-Arkaden-Katarakt, ein ehemaliges Betriebsgelände, nun heißt es Bosch-Areal. (Die Bosch-Verwaltung und ihre Direktoren residierten hier einst im Literaturhaustrakt. Erinnere mich gern an Marcus Bierich, war oberster Direktor bei Bosch, feiner, kunstsinniger Mann, promovierte zu Russells Grundlagen der Mathematik; ich plauderte mit ihm einst über Frege und Hilbert, Landauer und Benn. Von allen besaß er Briefe, Autographen.) Stuttgarter Regen, dazu Schwäbischer Regen. Laufe da in der Suite herum und mache Türen auf. Das Bad sah doch eben noch wieder anders aus? Nein, zwei Bäder gibt es hier, und Bidets. 1 Wohnzimmer, 1 Schlafzimmer, 2 Betten, 9 Wandschränke. 2 Regenschirme, unter einem ab nach draußen. Literaturhaus. Höllerer zeigt mir den alten Bosch-Wandsafe. Kein Schnaps, nur Akten. Schöne Bücherverkäuferin steht vor meinem Werk und ziert es als auch einen Haufen Zweitausendeinstüten aus denen ich scharmant herausgucke und rückwärts einen flotten Spruch präge. Frieder Butzmann; Hymnen (uff mir!), Fisch-, Wurm-Lied, Drachenhymne. (Abakadabra: schon im Netz, Stichworte: Kapielski, Literaturhaus Stuttgart, Butzmann. Bongo!) Jochen Schlöder - erwartet, freue mich. Britta! - Stuttgartstammtisch zu Berlin mit der Stolterfoht-Verwandtschaft und -Bekanntschaft. In der S-Bahn S2 zum Flughafen ein manischer Irrer mit Polnischsimulationen: „Dring, dring, dring! Rodzaj m?ski ?ywotny nieosobowy!" Dann betritt ein blutiger Verband überm Nasenbruch den Zug – wer hat den so verhauen? Ein „Südländer"? Ein Mann aus Graz also, oder Salzburg? Und Stuttgart auch schon wirr und irr?
27. Mai 2010
LTH 2 - Frankfurt am Main
Frankfurt am Main. Steigenberger. Vis-à-vis ein Krankenhaus; Blick von Krankenhaus zu Krankenhaus: Dritte Etage, Fenster nach Osten, hüben das Sanatorium Steigenberger (für Heimatvertriebene), drüben das Krankenhaus Zum Heiligen Geist für Mütter und Säuglinge (– eher also ein Gesundhaus. Die Entbindungsklinik in der ich die Welt einst erst schaute ist heute eine noble Seniorenresidenz, die ich mir für den letzten Blick nicht werde leisten können...) und rechterhand liegt noch das Städtische Literaturhaus und ums Eck, Schöne Aussicht 16, lag das nun abgebrochene Schopenhauerhaus, wo ein neuerliches Krankenhaus entstehen wird, auf daß ganz Frankfurt noch zum Siechenhaus werde. Dom; Kerzen und Fürbitten für Dub. (Ich werde alles tun, was ihr helfen könnte.) Rindswurst im Dauth-Schneider. (Hilft das? - Wohl eher mir.) Leichter Regen. Dienst. Dann im Raucherkabinett des Hauses; Rochus Kowallek rempelt Lorenz Jäger und Jürgen Kaube - zärtlich. Orban loht auf nach einigem Bier; ich habe ihn gern so. Jürgen Roth, der Freund und heute auch Laudator - cum laude. Feiner Abend. Polnischer Abgang. Starker Regen. Nanu!?: anderntags eine Eintrittskarte auf der „Eintrittskarte" steht mit perforiertem Abreißeckchen im Notizheft: woher, wofür nur? Wieder der Dom; einst hier Gekrönte längst zu Staub. Kerzen für Dub. Denke an den IC, die genante Blumenkohlesserin. Voller Zug. Weinheim, Heidelberg. Stuttgart, eine Schale zwischen den Hügeln worüber starker Regen wohnt.
25. Mai 2010
LHT 1 - München
München. Flughafen Tegel (- der überlegt entworfene, schnellste, übersichtlichste, fast bescheidene – da muß er nach grünem Wesen genesen, also in Gestalt eines Megaair ganz weit draußen und teuer neu gebaut werden und nachts ins Bett. Fiat utopia et pereat mundus. Am lieblichsten wollte mir das Flugfeld Tempelhof gefallen; konnte ich gleich gegenüber ums Eck beim Fleischer noch einen Leberkäse unter den Hierbleibenden speisen, und niemals werde ich den lebensklugen Penner vergessen, der sich in den weitläufigen Toiletten des Flughafens verschämt die Füße mit dem dort verfügbaren warmen Wasser wusch und auch einiges noch einweichte; ich nickte ihm solidarisch zu: Bloß nicht weitersagen am Bahnhof Zoo! – Auf keinen Fall!). Schürsenkel nachzurren; er reißt, was sonst? – Doch auch ein Fluchhafen?! München, leichter Regen. Die ruhlosen Geister des Halbergmoos sind vom weit draußen zwischen den Feldern protzenden Flughafen vertrieben in den S-Bahntunnel verzogen, wo sie ächzen und jaulen und den Niesel einsaugen. Auf dem Weg die Thierschstraße entlang zum Hotel: ein Schuhmacher mit feinstfesten Senkeln. Alles wird gut! (Die Waagschalen stehen wieder eben ein.) Hotel Dollmann, kleines Zimmer. Vornehmer Gilb. Unten im Salon lesen ältere Herren großformatig Zeitung. Fleischkäse und Brezel im Donisl. Doppelespresso in doppeldoofem Kaffeegetueladen an fünf Sorten Biokaffee. Drei lahmarschige Kräfte bedienen umständlich einen komplizierten Gast; wahrscheinlich alle Vegetarier: träge, reflexarm, mangelnde Übersicht, schlaff, anämisch. Viertel Stunde später Kaffeetremor, furchtbar. Vertrage den Mist nicht mehr, schmeckt aber und immerhin ein Bio-Tremor! (Der Bio-Gott ist ein zorniger und gebieterischer!) Wittmann, Leiter des Literaturhauses, muß mir während des Studiums in Berlin mal über den Weg gelaufen sein; aber ich hielt mich damals schon strickt abseits und einsam. (Aversion gegen gelebten Sozialismus und „Teams".) Isfort Laudator. Gut; auch wieder interessant, was er so anmerkt, was ich gar nicht mehr merke. (In einem Monat wird man fortan 12 mal ganz unterschiedlich belobigt und residiert in feinen Hotels – wie wird mich das colorieren?!) Berichte dem Isfort von meinem Annäherungsversuch an die AZ in den Jugendjahren, als es mich mal eine kurze Strecke lang nach Unterhaching gepustet hatte; er ist ja derzeit Kulturredakteur dort bei der AZ. (Würde er mich heute anstellen? – Na, ich würde es nun gar nicht mehr erstreben.) Gut besuchte Lesung, holla. Von Kobelinsky taucht auf mit Fotoalbum; ich fünfzehn, er zehn, zwölf. Wir haben uns 45 Jahre nicht gesehen und kennen uns schon 50! Den Dabeisitzenden verdeutlichte ich: „Wir, der Jörg und ich, haben uns 60 Jahre nicht gesehen! Wir kennen uns aber schon seit über 50 Jahren! Unglaublich!" Nachtmahl töricht verweigert, nur etwas Bier. Gleichwohl oder darum schlecht geschlafen. Mit mir wäre ich früher nicht gereist: abends kaum Bier (in München!) und früh Früchte mit Haferflocken und Joghurt. Na ja, nicht ganz schlimm: Die Mirweißwurstverkäuferin am Viktualienmarkt stammte aus Sachsen und erzählte ungefragt, sie habe jetzt 8 Dioptrien und jedes Jahr käme noch eine hinzu. Aha. (Sieht die mich?) Deshalb Weckwerf-Kontaktlinsen. Ah ja. Danach wolle sie „läsern" lassen. So!? (So, so! Sieht man ihr plötzlich ganz anders in die Augen. Komisch auch, daß der Laserstrahl im Gegensatz zu den anderen so ganz unbehelligt bleibt von Damnationen und Ängsten und dräuenden Verschwörungssehnsüchten.) Unterdes rühre ich die Wurst im süßen Senf und wende mich etwas ab und freue mich, daß ein Wurstkäufer eintritt und sie umständlich und aufs Gramm genau beschäftigt. 1 Bier im Donisl an AZ und FAZ. Eine Frau vor mir im Zug nach Frankfurt ißt ein Stück rohen Blumenkohl, und ich bekomme Hunger genau auf so etwas und beschließe: Mehr Gemüse! Mehr Obst! Esse aber Weißwurst und dann später Rindswurst im Frankfurt.
14. Mai 2010
Spekulatius
Es ist doch im Grunde so: Am Abstieg Herthas sind Spekulanten schuld! Die haben vorm halben Jahr, immerhin damals noch riskant (deshalb auch noch feige rückversichert) gewettet, daß Hertha absteigt, weil alle Experten sahen und analysierten, daß Hertha ungenügend geführt wird und mangelhaft spielt. Aber nicht deshalb, sondern der Spekulanten und Wettteufel wegen stieg nun Hertha wirklich ab - sagen die Verantwortlichen und, weil es so schön unterkomplex ist und auch als gute Ausrede taugt, ebenso nicht wenige enttäuschte, nach Erklärung darbende Fans. Das Bundesligapräsidium aber sollte nun endlich beschließen: Verbot oder wenigstens Kontrolle und Besteuerung der Wetten und kaltherzigen Experten, außerdem sofort zehn Punkte von Bayern an Hertha, und um die Umverteilung nachhaltig zu gestalten: Verbot des Abstiegs aus der Ersten Liga, außerdem Gleichbehandlung: Es kann doch nicht sein, daß die Guten immer gewinnen; alle haben Talente, alle sollen gleich sein, Chancen haben! Alle sollen in die Erste. (Und Abitur, Reichtum für alle.) Ich erinnere noch Schröder, Fischer und Eichel im Bundestag auf alle hinterletzten Trottel einquallen: Europa! Griechenland, die Wiege der Demokratie, blumm, bumm. Wer das nicht befürworte, sei ein kleinlicher, rückschrittlicher Sackpinscher oder sowas. Die damalige Opposition raunte zwar, etwas verzagt und ganz unpopulär, einiges von griechischem Wirtschaftsunvermögen und Bilanzunstimmigkeiten, wurde jedoch überstimmt. Nun ja. Wenn ich jetzt Politiker wäre, würde ich auf jeden Fall auch was von „Spekulanten" in die Trompete blasen. Was die machen, versteht sowieso keiner.
3. Mai 2010
Erstes Drehbuch, Krimi
Großer Lagerraum einer Firma für 'Weisse Ware'. Buchhalter Kuhfarz steht im Grauen Kittel mit einer Liste und zählt stirnrunzelnd Waschmaschinenkartons durch. Im Hintergrund schleppen die zwei Lagerarbeiter Gottschalk und Meiser müd und zu zweit dergleichen Kartons durchs Bild. Kuhfarz: "Halt mal! Gottschalk, haben Sie die Truhe >L drei zwo zwo< irgendwo rumstehen sehen?" Gottschalk: "Nee, Herr Kuhfarz." Kuhfarz: "Die stand doch hier! – Meiser!: Sie auch nicht?" Meiser: "Ick mach nur, wat man mir saren tut. Sons janüscht. Aber dit mach ich denn och, Herr Kuhfarz." Kuhfarz: "Ja, ja, is gut. Machen Se weiter." Ab. Kuhfarz kopfschüttelnd. Turnt waghalsig über Kisten, lukend. # Ehepaar sieht sich unsicher vorn im riesigen Verkaufsraum um. Kein Verkäufer weit und breit. Ein kleines Hinterzimmer, unter den Mitarbeitern 'Das Kabuff' genannt. Die Verkäufer Müller, Kant und Zeisig in weißen Kitteln mit großen Namensschildern heiter beim Trudeln. Kaffeepötte stehen rum. Volle Aschenbecher. Müller schaut beiläufig durch einen Vorhang in den Verkaufsraum, trudelt weiter und sagt dann: "Scheiße! -: Kunden." Kant: "Wer geht?" Zeisig: "Kant is dran!" Kant: " Ja, Zeisig du Zausel. Kant, also icke, war heute bekanntlich schon dran." Müller: "Dann trudeln wir das kurz mal aus." Kant wirft: "Jawollo! -: Pasch mit Soße! Ha!" Zeisig, der älteste, verliert: "Jut, ick marschier ja schon. Gebt ma erstmal noch paar Mundtropfen." Kant holt eine Flasche mit Schnapstülle aus einem Umkleidespind und gießt dem sitzenden Zeisig direkt ins hochstehende Vogelmaul. Zeisig spült, schluckt, schüttelt sich: "Ahhh! Mundfrisch!" und geht in den Verkaufsraum. # Sekretärin Frau Bölzke pustet Luftballons auf. Telefon klingelt. Schwierig abzunehmen. Sie hebt den Hörer ab, dabei pfeift ihr der Ballon aus der Hand am Telefon vorbei. Der Chef, Herr Dudenhofen, starrt im Chefzeimmer in den Telefonhörer. Daraus hört man einen schnarrenden Pfiff. "Sagen Sie mal, Frau Bölzke, was machen Sie denn da?" Bölzke: "Ich blase Luftballons für heut nachmittag auf, Herr Dudenhofen." Dudenhofen: "MachenSe keinen Quatsch, Frau Bölzke, schickenSe mir mal den Kuhfarz rein." Bölzke: "Kuhfarz ist noch unten im Lager." Dudenhofen: "Ja Frau Bölzke, denn holen Sien rauf und Schicken Sen rein. Machen Se doch nich soviel Quatsch da wieder, Frau Bölzke!!" Telefongebrülle; jetzt schaut Frau Bölzke ganz entgeistert in den Hörer. Wer ist der Mörder?
21. April 2010
Alle herzten sich.
Auf mich aber dachte beinahe niemand. Doch! Einer doch. Darf ich den jetzt so schüchtern wie eitel vorstellen: http://www.blackmagazin.com/?p=2901
20. April 2010
Seit 50 Jahren: Winster wider Zese
Wie maliziös so einige Dumpfleute derzeit wieder ihre gleichschwingenden Ressentiments und vorgestrigen Vorvorurteile in Anschlag auf den Maler Neo Rauch bringen, dieses Mal zum Gedenken seines fünfzigsten Geburtstages, ist so verdrießlich wie aberwitzig. Zornige, in der Sache Ahnungslose hauen ihren karrierefesten Blödsinn in die Schlepptops und pumpen den Seim hinauf in den Redaktionsmuff der gleichstimmigen Denkungsart und belieben also akut an Rauchs Bildern rumzumäkeln; dabei vermögen sie selbst nicht mal gegenständlich zu schreiben und sind natürlich eingeschnappt, wenn sie das hier lesen. Was entfacht solche Bosheit, solch geflissentliche Tücke? (Zunächst auch: daß diese Leute aus bislang sicheren Bollwerken feuern.) Eine seltsame Sache: Dem Beuys, der soviel Pappe daherplauderte und Blech bastelte, beliebten sie einst den Genius geradenach anzuschwatzen. Daß er Sonne statt Reagan herbeizurappen sich mühte, ließ ihn sogar die Sesammühlen, Windwirte und KP/ML/AOs für sich einnehmen. Oder etwa auch am Meese deuten die Quoten einvernehmlich Hohes, ja Hehres, wohl weil unter seinem verwirrten Zetteltremor hin und wieder Worte aufhuschen wie: „Mao", „Nietzsche", „de Sade" oder „Gelee" . Das geht durch, da muß was dran sein, das ist Kunst. Der ist GUT, selbst wenn er böse Sachen (und Heilhitler) tut! – Warum? – Weil er GUT ist. Darum. Bei Rauch freilich wird gekratzt, bis brauner Verdacht anzukeimen verspricht. Er liest Jünger, wie schrecklich! Wer heute etwas niederhalten oder beseitigen möchte, brennt seinem verhaßten Gegenstande billig und ohne viel Geistesmühe den Anwurf des Reaktionären oder Rechten auf. (Wie lange wird das eigentlich noch glattgehen?) Ich schrieb es schon einige Male: Mich berücken die Bilder Rauchs. Anfangs schaute ich sie noch mit Bedenken; nun freilich hat sich das Feld, auf dem sich diese Malerei verorten läßt, geläutert und die Unterschiede im Können liegen klar vor Augen - und ihn befinde ich für gut. (Warum? – Woher soll ich das wissen? Ich weiß es eben.) Die Verächter Rauchs kommen mir unlauter vor. Zunächst kamen sie aus den Reihen der künstlerischen Konkurrenz, der ungegenständlichen, ‚abstrakten', noch herrschenden Gesellschaft, welche, ob des Frischen aus dem Osten, rasch etwas Reaktionäres zu wittern vorgab und hierbei ihren Mangel an Distinktion bezeugte, denn es ging im Grunde doch um Richtung, um Neid, Geld, um Verteidigung der Posten – und eben wenig um legitime Fragen des Geschmacks und der Wertschätzung. (Schauerlich, wie sich jede Zeit der dienlichsten Munition, des tödlichsten Anwurfs wider den Gegner zu bedienen weiß.) Sobald nun aber ganz sacht noch von fern der Verdacht aufkommt, werden die winsteren Sittenwächter hellhörig, und schriftbissig - sofern der Gegner unverfänglich; denn der achtsame und bange Mut dieser Leute erkühnt sich nur aufzutreiben, wenn er nichts riskiert.
5. April 2010
Eier
Das weltgrößte Osterei, 9,27 Meter hoch, Durchmesser 5,71 Meter, steht in Betzdorf neben dem Rathaus. (Ich hab es gesehen!) Bei den Aramäern färbte man dem Bräutigam vor der Hochzeitsnacht die Hoden mit Henna zur Steigerung der Zeugungskraft rot. Kaiser Maximilian I. von Habsburg („Ritter Thewerdank" = K.M.E.Z.O.V.B. = Kaiser Maximilian Erzherzog zu Österreich und Burgund) schenkte seiner Gemahlin Maria von Burgund („Fräulein Erenreich" = H. M. V. B. = Herzogin Maria von Burgund), die ihn nicht wollte, 1477 ein fünfzig Pfund schweres Osterei. Da endlich durfte er sie bespringen. Am 27. März 1482, drei Wochen nach einem Sturz vom Pferd bei der Falkenjagd starb Maria, das hübsche Fräulein Erenreich [mit der Stupsnase – schauet: Michael Pachers Portrait von 1479], bei einer Fehlgeburt. Bella gerant alii, tu felix Austria nube: Nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus. – Kriege mögen andere führen! - du, glückliches Österreich, heirate: denn die Königreiche, die andern Mars gibt, schenkt dir Venus. Ludwig IV. schenkte seiner Maitresse Françoise-Athénaïs de Rochechouart de Mortemart, Marquise de Montespan, ein Schokoladenei, so groß, daß es vier Pferde ziehen mußten. Auch dieses Vorspiel zeitigte Erfolg! Beide zeugten oder „dutschten" sieben Sprosse. [Gucki, gucki: Martin Kippenberger, Der Eiermann und seine Ausleger, Mönchengladbach 1997: „Eiermann aus Köln"] Das Antlaßei, oder Ablaßei, so man es Gründonnerstag ißt, schützt vor dem Verirren und Verlaufen, erleichtert das Finden, stärkt die Intuition bei der Orientierung in der Fremde. Das Antlaßei diente ehedem, vielfach bezeugt, wie ein verläßliches modernes Positionierungssystem (allerdings nicht global); seit es Funktelefone und dergleichen mit eingenähter Satellitenortung gibt, ist die Macht, die potestas, der Eier außer Kraft gesetzt. Allein das Wilde Heer arbeitet bis dato an Karfreitag noch mit Antlaßeiern, um seine Jagdschneisen, Hausschluchten und Durchlässe nicht zu verfehlen. (Kar-Freitag, kara, ahd. ? Klage, Kummer, Trauer) [Audi: Heinrich Ignaz Franz Biber (*1644 – †1704), Die fünf schmerzhaften Mysterien, aus: Fünfzehn Sonaten über die Mysterien des Rosenkranzes für Violine und Basso Continuo, 1670]
24. März 2010
Preis verabreicht
War jetzt zu Leipzig auf der Buchmesse, wo mir der Preis der Literaturhäuser überreicht wurde. Ich stellte meine neuen 8,3 Regalzentimeter aus dem Jahre 9 vor: Neuauflage der GOTTESBEWEISE hier bei Zweitausendeins; MISCHWALD bei Suhrkamp; ORTKUNDE bei Urs Engeler; ZEITBEHÄLTER bei Merve. (Letztlich zu viel für ein Jahr!) In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist das alles sachlich und straff bekannt gegeben worden. Darum kaufe ich sie auch täglich. Die Süddeutsche Zeitung (vulgo „SZ") aber, die mir ohnehin anschwellend Kummer bereitet, taxiert mich auf „bald siebzigjährig", schmälert die 8,3 cm auf schnöde 8, mißversteht die Anspielung auf Bräkers armen Mann aus Tockenburg und verzapft noch einigen Unfug. Darum lese ich sie kaum noch. Und eben mehr im Netz, wo die Parrhesia Atem holt; dort steht zwar auch viel Blech, aber nebenan glänzt es dann wieder gülden und wiegt auf. Abends ein sehr angenehmes Preisessen in einem Restaurant Heine. Alle Literaturhausleute ausnahmslos nette Menschen! (Meine Frau, die beruflich einem großen „Kollegium" angehört, konnte es gar nicht fassen.) Neben Herrn Kölmel und Gattin sitzend aßen wir kleine Sepiageleewürfel und amüsierten uns prächtig. Unterdes hielt uns mein Burschi eine Kröte draußen ans Fenster. Im Mai geht es dann auf die Tour durch 11 Literaturhäuser; da sind sie aufgelistet: http://www.kapielski.de/preis-verabreicht.html
Monschau
Eine Kostprobe aus der ORTSKUNDE, Edition Urs Engeler, 2009: Monschau. Was ist los da? Jede Menge Spastiker, Rachitis ohne Ende! Buckel (Malum potti), Malum pedis perforati, Herpesencephalitis, Dystrophie. - Das ist der Wahnsinn! Blinde, Blasenbilharziose, disjugierte Blicklähmungen, Blow-out-Frakturen vermittelst regressiver Assimilation. - Warum? Was hat man sich in Monschau zu Schulden kommen lassen? Massenhaft Scheuermänner. Warzen. Spulwürmer, Band- und Hakenwurm, Blasenpärchenegel. Krampfadern, meterweise. Podagra. Huster, allerorten. - Warum straft der Herrgott Monschau, den zauberhaften Eifelschatz? - - Haha! Aus und vorbei! in 2003, nach Einführung der „Grauen Reststofftonne", waren sie - ratzefatz! - alle auf einen Schlag geheilt und gesundet in Monschau; alles wie frisch ausgeräuchert, entkeimt und sterilisiert dort; der ganze grauenerregende Krankheitszustand Monschaus über Nacht beendet, ein für alle Mal! Jetzt springen und quieken sie nur noch herum da!
18. März 2010
Zwei Vorspiele
M u s i k s c h u l e in Berlin. Vorspiel einer Klasse: Klavier, Blockflöte, Klarinette. (Alle Musiker tüchtig, zwei brillieren!) Im Publikum die Eltern, Großeltern, Mittel-, Oberschicht, preußischer und hugenottischer Adel. Auf dem Programmzettel die Namen der kindlichen und jungendlichen Musiker. Ein blasses Mädchen trägt den Zweitnamen Dao. (Nichts gegen den Daoismus, die entspannteste, frischatmendste aller Konfessionen! Muß ich nun aber darum Erwin Dao Mentz heißen? Eben gerade nicht, sagt das Dao.) Und überhaupt, diese Eltern: Gereizte Ehefrequenzen, brutblinde Ultramütter, Tofublässe an i-phone, der Mittelbau wie Berfexe in „Wolfskin" gekleidet, seimige Dauerfreundlichkeit untereinander - mit gebleckten Zähnen, und beim Vorspiel im Grunde nur die eigene Brut im Blick. Wenig sympathische Leute darunter; eher die Alten, die Großeltern. Und wie sie beinahe allesamt ihren Kindern gehorchen, sich von den Kleintyrannen, die machen und zu machen erzwingen was sie wollen, in dämliche Diskussionen verstricken lassen („Schau, Undine, wir haben doch besprochen, daß du heute vorspielst." – „Ich mag aber nicht!"); alles gestandene und studierte Eltern, Erwachsene, Anwälte, Mediziner, Wirtschaftsleute, die nicht Basta! rufen und Basta! meinen können. Ein beinahe nihilistischer Hedonismus, ein crowleysches „Do what thou wilt!" zermürbt die Familien, die Gesittung, die Richtigkeiten, das wirklich Notwenige. Zeitigen wir so eine kommende Generation, deren Bodensatz und Oberschicht macht und zu machen beansprucht, was sie wollen? ein permissives Irrenhaus? Und was dazwischen wohnt, geht – noch! - treulich zum Schichtdienst, zahlt pünktlich, pflegt Alte, fährt Busse – und bestrebt alsbald dann auch das wilde, naturwüchsige, launische Leben. - Den Behemoth! O p e l - P e t e r erklärt der verblüfften Hausmeister-Moni am Montagsstammtisch die Einzelvorzüge und Nachteile des „Swinger-Clubs"; ihr Mann Erwin begreift noch nicht recht. Opel-Peter wird genauer: „Wenn de wegen de Operation oder wat keen mehr hoch kriegst, Erwin, - kann ja sein, wa!? - denn jehste mit deine Frau dahin, daß se noch wat hat vom Leben." „Und wat machst du denn dabei?" möchte Erwin wissen. „Ick kieke denn zu." Da sagt Moni zu ihrem Ehemann Erwin in redundanter Absicht: „Haste jehört wie det jeht? Da jehste mit deine Frau hin und die macht det mit een andern." Erwin empört: „Wat?! – Soll ick zukieken, wie der dir vögelt?" „Na dafür kannst du doch mit den seine Frau!" „Na Mensch, eben nich!" „Wieso denn nich?" „Na wegen den Operation!"
4. März 2010
Latte macabrio?
Hm. Man wäge selbst: Jüngst, im schneeumtosten, frostigen Februar des Jahres 10, unterbrach die Polizei die Eilfahrt eines Lastwagens mit Anhänger, da der pressante Chauffeur Gas- und Bremspedal des Kraftzuges vermittelst Holzlatten, eines Ziegels und eines Fixierkeils bediente. Der 27 Jahre alte Ukrainer Fuhrwerk erklärte, eines Fußgebrechens wegen nicht anders kutschieren zu können. Doch aber könne er es ja! Er sei ja schließlich auch unbeschadet und ganz einwandfrei aus dem Gebiet (Oblast) Charkiw, ganz weit im Osten, bis hier auf die A2 nahe Bönen (Kreis Arnsberg) vorgedrungen und Rotterdam käme sowieso gleich bald, und das zöge er am liebsten jetzt auch gleich noch durch. Dann könne man ja weitersehen. Die Beamten beharrten nach StVG auf Paragraph soundso (da wo es steht) und zogen den genialen Maschinisten nebst Hebelwerk und Hänger aus dem Verkehr. Ist das richtig so? Darf uns ein russischer Lattenbau die heimische Seelenruhe unseres Schnellfernverkehrs stören? Oder: Steht und geht ein Dreiachser nicht auch geradewegs auf zweien? Also was soll's? Kurzum, man wende und wäge es, wie man wolle, mit der hiesigen polizeilichen Einstellung wird unsere Ordnung in Zeiten der Wirre und des Mangels nicht halb so weit kommen wie jener Charkower Droschkenkerl! Denn: „Ein gelassener Mensch, so sich der in Inburgheit setzet (sich in der inneren Burg seiner Seele sammelt) mit eingeführten Sinnen" (so Heinrich Seuse, Deutsche Schriften, 169,30), der kommt einfach besser und geschwinder durch. Egal wo und wann. Wie und warum. Ich aber starre ja eben doch wie entgeistert als habitueller Beifahrer beim Überholen rechts aus dem Fenster unseres Kleinwagens auf die mich ganz dicht und hoch überragenden Reifen eines elend erschöpften und kranken Fernlastverkehrs und bete um Jacobus Beistand: „Heiliger Jakobus, Erzapostel auf dem Berg der Verklärung und am Ölberg, ?Führer von Herberge zu Herberge und doch immer zu Hause, Träger des Mantels und der Leuchte, des Ölkrugs und der Muschel. Großer Apostel des Firmaments, mit Deinem Jakobstab im Orion führst Du das Gottesvolk durch alle Weltenräume, Geleite auch mich (uns). Amen.") Oder ich lasse (lassen wir) den ganzen Irrsinn doch lieber ganz und gar bleiben und fahren Bahn? (Auch schon angekränkelt. Schwierige Sache, das.)
28. Februar 2010
Satt und schlaffmatt
„Dance and sport the hours away." (Händel, Acis and Galatea) Das englische Verb: to sport -: sich tummeln, vergnügen, zerstreuen und scherzen (Wurzeln: altfr. se desporter, lat. deportare). Als Substantiv, dt.: „Eine stinkende, obszöne Angelegenheit!" (Brigitta Restorff) Und Sport ist ja nicht nur der Bruder der Arbeit (und Kunst die Cousine der Arbeitslosigkeit), er, der Sport, ist ja auch der Bastard des Krieges: in Gestalt der Sportskanone. Dazu eine verkappte Hundezüchtermentalität. Wo früher so eine Zuchtfummelei am soldatisch sportlichen Mann und seiner Mutterkuh inmitten manierlich folgsamer Kinderschar stattfand, da ist das eugenisch-chemische Programm jetzt in die hormonelle Werbefotografie und ihre realen Ausleger gerutscht. Genfummelei, Mast, kein Wachstum mehr unter zwei Meter, Korbballmaß. Die Wirklichkeit aber: Man geht vergnügt, lustwandelt ( to sport) und dann kommen einem derart Gequälte (Jogger, "noddän" walker, nordische Kombinierer) entgegen und schleppen ihre geplagten Körper einer vorgeblichen Gesundheit entgegen, und es ist doch nur die banal, mit Efeu bewachsene Urnenstelle ('Urnenhain'), weil sich die Lüge konzentrisch um den Tod wickelt. Der Tod besitzt von allen Lebendigkeiten die allergrößte Kondition; sein Werk allein ist unsterblich, unerschöpflich, unendlich! (Allerdings: "Selbst dem affirmativen Gebrauch von „unendlich" bleibt im negativen Präfix „un-" der Index negativer Vermittlung erhalten." (Hochstaffl, Negative Theologie)) Des Dauerlaufens Beweggrund ist die Todesangst. Auch diese idiotenhaft ewigen Aktivitäten: Surfbrett rein, Surfbrett raus, Segel hoch, Segel runter, mit dem Rad zum Schwimmen, zu Fuß zurück (Poloisches Triathlon). Manchmal kommen sie ja beim vergnügten Waldspaziergang, die Todesflüchtlinge, von hinten - und überholen gar! Sind aber kaum schneller als der Müßiggänger. Dieser schaut entgeistert den überanstrengt Schlaffen nach, wie sie sich ewig mühen, um außer Sicht zu gelangen. Dabei ist es doch so: "Ein Gems auf dem Stein, / Ein Vogel im Flug, / Ein Mädel, das klug. / Kein Bursch holt die ein!" (Eichendorff, Übermut) Es umgibt uns der lichte Wald, worin die scheuen Tierchen sich tummeln. Von Wipfeln hoch scherzet und jauchzet die Schar der zierlichen Vögel. Und vor dir schnauft ein Schlaffarsch nach Nirgendwo, zumeist befremdlich grell gekleidet und als brutal optische Anknallerei durch's schlichte Gehölz gellend, der eigenen Gattung peinvoll verwandt. Alles was einmal zu recht als sublim, vornehm, maßvoll galt, verwirft der Mensch im Wahne seiner olympischen Räude. „>Vorwärts und folget mir mit diesem Toten.< Trompeten. Vorhang." (Hofmannsthal, Der Turm)
11. Februar 2010
REVBAU
Das Jahr 1967 lud uns neben vielen unnötigen Neuerungen auch die radikalen Vereinfachungen und Verweigerungen der Künstlergruppe BMPT (was nichts mit dem russischen Schützenpanzer, sondern mit den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der radikal vereinfachenden Künstler zu tun hat) auf die Waagschalen des Gemüts und den Kleiderständer des Geschmacksapparats. Selbstverständlich trat man als Gleiche auf und wollte NICHTS. Aber wie es so ist, ist es NICHT so gekommen, sondern so: Olivier „M" Mosset versuchte es erfolglos mit Kreisen; jetzt versucht er es mit Klaviertasten im kleinen Querformat. (Die finde ich recht ansehnlich, habe ja auch schon drei (3) Klaviertasten für den „Dreitastenschmalflügel" mit Klavierlack gemalt, was richtig Spaß machte! Also sollte ich mal wieder? Ach was, das tut doch jetzt Mosset - und zwar reichlich!) Man hegt aber den Verdacht, er würde aus Verdruß es dem erfolgreichen "B" mit Streifen nachtun. Niele „T" Toroni setzte ohne Erfolg auf kleine Quadrate, aber er bleibt wenigstens dabei und malt ausschließlich Karrees, die er empreintes (frz.: Abdrücke) nennt, mit dem immergleichen Pinselmodell Nr. 50 in ewiggleichen Abständen (30 cm) auf weiße Leinwand oder Ewiggleichschlichtes. Michel „P" Parmentier heischte mit waagerechten Streifen und angelegentlich wildem (verzeifeltem?) Gezacke wiederum recht wirklos um Gunst, Geld und Ruhm. Der von allen Minimalisten und Bildstürmern einst verdammte Hauptgewinn fiel allein an Daniel „B" Buren, der auf senkrechte, 8,7 cm breite Streifen tippte, schieren Markisenstoff also auf Rahmen kloppte, und allso den Pott knackte. Warum er, Buren? Auf jeder Documenta, überall, sogar am Bahnhof Wolfsburg die Streifen. Wenn man es wüßte? Vielleicht war der Burensche Markisenstoff dem Publikum, das damals einiges zu verkraften hatte, als längst Vertrautes das Vertrauenswürdigste. Und auf jeder Documenta ist es auch das Vertrauteste und Altbekannte. Eben: res, ens, verum, bonum, aeternam, unum – gegenständlich, seiend, wahr, gut, ewig und einzig.
29. Januar 2010
Fremdländisch Waidlöffel
Übersetzungen lese ich kaum; entweder ich mühe mich, den Lecker, Graser oder Waidlöffel des fremdländischen Autors zu kapieren, oder ich lutsche mich doch wieder fügsam durch den Nachsommer und dergleichen Hauskost. Das schmeckt ja auch vertraut befremdlich. Mein Lieblingssatz in Stifters geht so: „Ich antwortete auf diese Rede nicht, um ihm seine Zeitrechnung in Hinsicht der Cactuspflege in Europa nicht zu stören."
21. Januar 2010
1 : 100
1931 gaben Israel, Ruckhaber und Weinmann im R. Voigtländers Verlag Leipzig die Schrift „Hundert Autoren gegen Einstein" heraus, die die Relativitätstheorie von Einstein, Minkowski und von Laue anfocht. Darüber wuchs sich eine quasireligiöse Position aus, die, ähnlich wie die vom Klimawandel, wenig mit Wissenschaft zu tun hatte, welche stets gehalten ist, sich unbefangen jeder Kritik, jedem Zweifel zu stellen und Thesen, Theorien niemals sakrosankt zu halten. Und gäbe auch nur der leiseste Einwand eines einzigen Menschen Grund zu zweifeln, es gälte ihn ernst zu nehmen, ihn zu widerlegen, zu falsifizieren! Einstein kommentierte seinerzeit in diesem Sinne die Schrift „Hundert Autoren gegen Einstein" mit den treffenden Worten: „Warum denn hundert? Wenn ich unrecht hätte, würde einer genügen!"
9. Januar 2010
Lauschi's Langholz
Kommt ein ganz langes Vehikel, ein ewig langer Lastwagen vorbeigerauscht, und es steht die ganze Flanke hin: „Lauschi's Agrarproduktefachspezialitäten" Es könnte aber sein, daß es sogar noch länger: „Lauschi's Agrarproduktefischspezialitäten" hieß, so schnell war der Truck und so lang mußte er sein!
4. Januar 2010
Res religiosae
Und einige Neujahrsandachten: Wenn ich so den Worten meiner neuen Chefin in evangelischen, all so auch meinen (Steuererklärung Zeile 11, Religionsschlüssel: EV) Kirchenangelegenheiten Gehör schenke oder auch einem der Hauptprediger meiner Taufkirche Epiphanien lausche, drängt sich mir das leicht flektierte „Si tacuisses, theologus mansisses" in den Sinn und ich kann wohl froh und fast sicher sein, daß diese modernen, ja gleißenden Theologen mich gar nicht verstehen, sintemalen ich also wieder einmal (jetzt aber auf deutsch) dräue: Wenn Du, Schwester Käßmann (Ratsvorsitzende der EKD, Präsidentin der Zentralstelle KDV, nach 26 Ehejahren, unterdessen vier Kinder knospten, vom Ehemann, selbst Pfarrer, geschieden, wozu Du gleichwohl einiges von Gottgefälligkeit trompetetest) und Du, gezierter Bruder Bings, in so mancher Hinsicht mehr geschwiegen als geschwätzt hättest, wärest Du ein Gotteslehrer geblieben und hättest Deine Unwissenheit nicht verraten. Und leider, leider schmeißen sich ja die Evangelischen immer besonders einsatzfreudig wie Flaggen in die törichten Böen der je hinfälligen Jetztzeiten. Der neueste gepredigte Unfug betrifft den Pazifismus; es ist dieser spezielle aber eben ein ganz schwächlicher, defätistischer, lebensmüder (mutmaßlich gutmeinend auf Mt 5-7 fußend). Ich aber (einmal geschieden) sage Euch mit Luthers Worten (und Röm 13) über die zwei Reiche von 1523: „Die Welt kann und vermag der notwendigen Gewalt nicht entraten." Gäbe es da nicht die himmlische Kantoristin Anja Schumacher an einer transirdischen, epiphanischen Orgel (mit feinem Autobahnhintergrundgeräusch, ja mein Gott, was soll's!), und gäbe es nicht meine Besorgnisse hinsichtlich banaler Res religiosae, meiner Grablegeangelegenheiten etwan, ich täte wohl nur noch bei den Katholiken, zu denen auch meine Frau gehört, weswegen sie sich in Epiphanien, Berlin-Charlottenburg, als Katholikin nicht gern kränken läßt, also ich täte balde nur noch in St. Afra im Wedding rumhängen. Da ermangelt es ganz der Häresie der Formlosigkeiten (weshalb mich der Mosebach auch hinempfahl), sie schwadronieren nicht und kommen zum Wesentlichen: Geburt, Leben, Liebe, Schmerz, Zuversicht, Hoffnung, Mut, Kummer, Tod. (Mein Gott, was man so für Sorgen Marke „außerdem noch" immer haben muß!)
8. Dezember 2009
Der Fuchs ist genauso doof wie der Baecker
Wie bitte? – Ja, doch eben nicht! Beide, Peter Fuchs und Dirk Baecker, sind kluge, eigenwillige, humorvolle Denker, lottiefe Theoretiker, haargenaue Horch- und Beobachtungsposten, und ich säume nie, ihre Neuheiten zu begutachten. Für mich gehören sie zu den Besten, die wir haben. Zwei systemakrobatische Sauhunde! Ich habe beiden einiges zu verdanken. (Da können Slot. und Thew. und die alle mir kein Wasser nicht enttrüben. Aber ich prüfe auch sie und sauge durchaus Jus heraus. Jedem, jedem Text entwinde ich Arkana!) Dirk Baecker ist ja Verlagskollege von mir (Merve) und ich habe ihn angelegentlich schon kennenlernen dürfen. Wer sein Vademecum Postheroisches Management nicht kennt, sollte von mir aus einen Familienbetrieb gründen, aber dann muß er eben auch noch Baeckers Vom Nutzen ungelöster Probleme durchnehmen. Peter Fuchs kenne ich nicht persönlich. Beide sind ja Luhmannableger und schwingen sich bisweilen in schwer nachsteigbare Reflexionshöhen. Ich erklimme diese Anhöhen eines gewissen mit hinaufgetragenen Glücksgefühls wegen, das mir ebenfalls aufkeimt, wenn ich mathematischen Beweisen folge, immer wieder gern. Ganz oben empfängt und umfängt einen die schönste Aussicht. Zum älteren, ferneren, fast schon titanischen Bruder im Geiste (und auch Glauben!) erkor ich keck mir Peter Fuchs, nachdem ich die Interviews mit ihm gelesen hatte. Der Band trägt den weisen wie fetzigen Titel: Das Gehirn ist genauso doof wie die Milz. Seine, des Titels, Doppelbödigkeit und grobschlächtige Feinironie gewährten mir die Ungezogenheit zu einer maliziösen Überschrift, die als Kern eine hohe Ehrenbezeugung verkleidet, und den folgenden Zeilen freundlicher auch so anstünde: Der Fuchs ist genauso doof wie der Baecker und der Kapielski ist noch döfer Und es ist ja auch so: Wir Leiber mit unseren doofen und hoffentlich immer gut schnurrenden Organen sind insgesamt eigentlich nur doll doof und wackeln mit de Beene, wenn nich mit'n Kopp. Dann allerdings kommt etwas hinzu: der Intellekt, das Denken, Sprechen, womöglich auch die Seele kommen mit ins Spiel, und das hat dann was mit diesem einen, vielfaltigen, einfältigen Leib zu tun und eben doch überhaupt ganz und gar nicht! Das ist es ja eben! Die Sprache spricht und das Denken denkt und die Seele beseelt – sich. Mein Sohn (13) ist Erz-Fan des Musikers Peter Fox. Er hörte neulich neuerlich und abermals und wieder mal sein signiertes (!) Peter Fox-Album Stadtaffe, unterdes ich standhaft Peter Fuchs' Der Sinn der Beobachtung las. Das mache mir einer nach! Eisharter Stoff! Dabei knospte mir eine Mutmaßung aus dem Knäuel der Nebengedanken mit Hintergrundmusik: Es gälte herauszufinden, ob der gar nicht unintellektuelle Musiker Peter Fox, der mal Lehrer für Behinderte zu werden beabsichtigte, nicht auch ehrenhalber künstlernamentlich sich an Peter Fuchs lehnte, der gelehrter Behindertenpfleger war bevor er systemtheoretisch promovierte und habilitierte. Ich werde den Sohn, der bei Fox- und Seeed-Konzerten Zugang zum VIP-Bereich genießt, beauftragen, Klarheit zu schaffen.
25. November 2009
Neo Rauch
Mich wollen die Bilder Rauchs, nachdem ich sie lange argwöhnisch, ja, vorurteilsbehaftet schaute, zunehmend bestricken; seine Verächter indes kommen mir anschwellend anrüchig und unlauter vor. Meist kommen sie aus den Reihen der Konkurrenz, der noch herrschenden, ungegenständlichen Gesellschaft, welcher es gelegentlich an Vornehmheit mangelt; da geht es besten Falls um Richtung, ansonsten um Neid, Posten, Geld. Das böse Urteil über Neo Rauchs Werk, es sei „neokonservativ", ist so billig wie die Mutmaßung, Neo Rauch werde alsbald und hoffentlich „verrauchen". Bäh! Da geht es nicht um Kritik, sondern um Weltanschauung, Ranküne, Tugendwacht. Gesinnungsurteile müssen allweil achtsam stimmen! Wer Künstler, Biermarken, Moden, Zeitschriften oder Imbißketten wohlfeil niederhalten oder beseitigen möchte, wird heute zuallererst untersuchen oder einfach forsch proben, ob den ausgesuchten Feinden der Tadel des Konservativen, Reaktionären oder gar Rechten anzuhaften sei. Das klappt meist ganz gut und macht wenig Geistesmühe. Jüngst bat die Frankfurter Verlagsanstalt Rauch, sechs Bände ihres Herbstprogramms 9 zu gestalten. Er hat dies auf seine eigentümliche Weise gut und bedacht getan - also auch gelesen! Für die Schrift der Namen der Autoren auf der von ihm besorgten Buchreihe wählte Rauch eine serifenlose Antiqua (Helvetica), für die Buchtitel meist eine gotische Textur. Hier wähnte der Sittenwächter schon altdeutsche Reaktion. Und irrt gewaltig: Die gotische oder deutsche Schrift, die altherkömmliche, von Kleist, Kant, Goethe und Marx gebrauchte und genau „gebrochene Schrift" heißende, handgeschrieben genau „Kurrentschrift" (falsch „Sütterlin") und im Satz meist „Fraktur" genannte Schrift, wurde am 3. Januar 1941 auf Befehl Hitlers per Erlaß Martin Bormanns als „Schwabacher Judenletter" verleumdet und verboten. Angeordnet wurde, anstelle der gebrochenen künftig runde Schriften zu benutzen: als „Normalschrift" habe fortan die Antiqua zu gelten. An diesen Befehl halten wir uns noch heute, nutzen beharrlich Helvetica, Times, Garamond und wähnen uns sittsam modern, wenn wir die Fraktur oder selbst die maßvolle Rotunda meiden! Noch Rudolf Koch, großer Typograph der Schriftgießerei Gebr. Klingspor, hat sie 1910 so besungen: „Wie dunkler Tannen würziger Harzduft, wie wenn die Amsel weithin durch den Abend ruft, wie des Wiesengrases leichtschwankende Zierlichkeit..." sei sie, die gebrochene, deutsche Schrift - welche eines Tages wohl noch die FAZ tilgen wird. Rauch hegt und schaut eben die Schönheit einer alten, ideologisch gedemütigten Schrift.
13. November 2009
Buttermarken
Ich nahm kürzlich an einer Butterfahrt zum „bedingungslosen Grundeinkommen" im fontaneschen Birnenschloß Ribbeck teil. (Feiner Ort, hübsches Schloß, original Birnbaum und Standesamt vorhanden, und unten: bedingter (ca. 17 Euro) Hirschbraten, oben: bedingungsloses Grundeinkommen.) Die fiebrigsten Verfechter des „bedingungslosen Grundeinkommens" waren seltsam viele nicht sehr bedürftig aussehende Leute. Sogar ehemals Kunst- und Kulturinstanz und meuternde Freidemokraten – gut, solchen trauen wir einiges zu, sie suchen ihre Karrierenischen. Gleichwohl irritierend – was treibt diese Verbeamteten und Versicherten so glückverheißend im Populus um? (Daß erfolglose Künstler, Germanistikstudenten und Automatenspieler es gern hätten, das „bG", leuchtet mir ja noch ein, und unsere Kinder wollen so was auch, klar: höchstmögend Taschengeld.) In letzter Zeit habe ich selten so zelotisch eifern erlebt, wie übers bG. Es soll und MUSS, über den großzügigen Daumen gepeilt, 1000 Eumel für alle locker gemacht werden, dann wird ALLES gut, mindest besser. Für Alle! Problemlos. Und da nun sogar auch die Kanzlerin, Schäuble, die Aldi-Brothers e.a. es auch bekommen sollen, sie gehören ja mit zu „alle" und „Alle", werden wir das Geschenk also, tippe ich mal keck, ohne große Umstände demnächst erwarten und in Empfang nehmen dürfen. - Und ich Idiot will es nicht! (Auf einer 1.Maikundgebung Ende 70 – erinnere ich - lief mal ein Trupp mit dem eschatologischen Forderungsversprechen „1000 Mark mehr für alle!" herum, und selbst die anderen gönnerhaft fordernden Splitterungen – vom Volk ganz zu schweigen! – belachten das augenrollend. Damals war der Sozialist noch geerdet! Und 1000 Mark 500 Oblonen.) Ich war nun also dort auf diese ribbecksche Birnbaum-Veranstaltung bestellt (der olle Ribbeck war ja tatsächlich noch so ein großer, freimütiger Euerget!), um ein wenig Widerwort zu äußern. Bzw. ich halte von diesem neuerlichen Schwachmatismus aus der herzkranken Sozialstation so und so nichts. Also sprach ich wie folgt und mahnend: „Genossen Bürger, Bürgerinnen, Kinder und KinnErs! Wenn man sich kundig macht über das Grundeinkommen, das sogar „bedingungslos" sein soll oder will und ja doch mannigfach und unberechenbar bedingt ist, befürchte ich mal wieder eine Kraft, die das Gute will und wahrscheinlich doch wieder Übel schafft. Ich will hier, meine Damen und Herren, nur von mir reden. In Weltverbesserungabsicht für andere zu reden, mißhagt mir ganz. Und da bekenne ich gleich eingangs ganz unumwunden und für mich: Ich will kein Grundeinkommen! Mögen Sie, verehrte Bedürftige, es nur alle nehmen, Sie erflehen es ja hier mehrheitlich und so inständig, daß ich vermute, Sie sind dieses Zustupfs bedürftig. - Ich freilich bekümmere mich lieber um mich selbst! Und dabei bin ich nicht reich, ich hätte wohl was von, von diesem Taschengeldglück. Allein, mir geht es dabei um so etwas wie Stolz. Ich verdiene mein Geld selbst! Ich will keine Fürsorge. Ich will wenig Staat. Eher bedrückt mich seine Steuerlast als mangelnde Zuwendung. Als Kind war ich durch die Eltern voll alimentiert. Mit 17 bestrebte ich mit aller Kraft und mit 18 verwirklichte ich dann mit Geld, das ich als Postbote verdiente, die Beendigung des Zustandes der Bevormundung durch die Eltern. Ich will, da ich mein Leben seither selbständig führe, nun nicht neuerlich vom Staat und seinen Ämtern bevormundet und zu alimentiert werden. Ich käme mir vor, wie ein Haustier, wie ein Leibeigener eines fürsorgenden und damit auch anordnenden Staats." Dann schob ich Kant ins Gefecht: „Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d.i. eine väterliche Regierung (imperium paternale), wo also die Untertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind, ist der größte denkbare Despotismus (Verfassung, die alle Freiheit der Untertanen, die alsdann gar keine Rechte haben, aufhebt)." Und weiter grollend: „Das ist eben auch der fürsorgende Staat: Er weiß, was gut und schlecht für uns ist, das Rauchen, Trinken, welche Worte wir benutzen, welche Seiten wir lesen. Wie fett wir essen. Welche Krümmung der Gurke zu eignen habe. Er macht uns zu unselbständigen, abhängigen Trotteln. Mir sagte mal einer vom Dorf, der einiges wußte: Wenn man einem heimatlosen, armen Hund Freundlichkeit bezeigt, ihm Heimstatt und Nahrung schenkt, dann beißt er einen nicht. Mit Menschen ist das anders. - Ich hege die Vermutung, daß Wohlfahrt und Fürsorge den Menschen nicht glückselig, zufrieden und milde machen. Der Mensch kann das Ausgehaltenwerden doch nur ertragen, indem er giftig wird und feindselig. Oder ganz lethargisch, dumpf." Da ohnehin schon ein ganzes Drittel der deutschen Bevölkerung von den anderen zweien gefüttert wird, sah ich mich zu kleinem Ausschweif veranlaßt: „Historiker schätzen, daß etwa 2% der Bevölkerung im Feudalismus zum Ersten Stand gehörten. 98% der Menschen verteilten sich auf die anderen Stände und alimentierten den Ersten. Das fand man ungerecht, Revolutionen haben den Adel abgeschafft, gestutzt. Hat sich das gelohnt, wenn heute ein Teil der Bevölkerung den anderen aushält? Ich höre, freie Bürger!, für meinen Geschmack zuviel vom Mangel, vom Brauchen, vom Habenhabenwollen, Beantragen und Ansprüchen. Das Möchten ist gewiß eine weiche Forderung, sturer jedoch als das Bitten. Das Wollen ist schon suspekt. Säuglinge wollen, Kinder und Unerwachsene; eben Ansucher, welche weder ersuchen noch erbitten, wie die Bittsteller, sondern beanspruchen, verlangen, fordern. Wer fordert, braucht jemanden, der gibt. (Mutti, Oma, Staat.) Und es muß überhaupt geben, wonach verlangt wird. Ein Eigenständiger weiß, daß er selbst machen, Autarkie bestreben muß. Nicht fordern - machen! Machenmüssen. Auf die Worte und Ideen der fordernden Fürsorger zu horchen, ist wohlfeil; es sind Taten die uns ansprechen! Des Barden Frank Zander jährlicher Freitisch mit Gänsebraten und Festbier für die Obdachlosen Berlins will gefallen. So denke ich mir die Nächstenliebe. Ich meine keinesfalls die blasse, wohlfeile Liebe, die weichmütige und die delegierte, allein auf gute Absicht gegründete oder die durch andere finanzierte Nobelgeste der Zuwendung ohne eigene Aufbietung, ohne eigenes Risiko. (Übrigens sorgen die Fürsorger immer zunächst mal für das eigene, meist üppige Grundeinkommen.) Die Bürokraten des Wohlfahrtsstaats zielen auf Fron; ihre Legitimität beruht darauf, daß ihre Klienten nicht mehr für sich selbst sorgen. (Dafür und für sich sorgen sie schon!)" Jetzt war eine Klarstellung nötig und ich sah scharf über die Lesegläser hinweg ins linksbürgerliche Auditorium: „Soll man das Arbeitslosengeld und die Sozialhilfen also abschaffen? – Nein! Es soll, wie einst geplant, für gewiß Bedürftige bleiben, Alte, Kranke. Und welche, die tatsächlich keine neue Arbeit finden und also suchen. Dieser Gemeinschaftssinn sollte uns wie eine Kostbarkeit anmuten, wie eine Hochherzigkeit, ein knappes Gut, aber nicht wie ein billiger Anspruch!" Dann brachte ich ein kleines doofes Gleichnis und wollte schnell nach Hause (bedingter Hirschbraten, 17 Eu, unten zu teuer für 3 x 17 Familie): „Zum Schluß von den Tauben, verherte Darbende. Selbst wenn man sich früher den Tauben behutsam näherte, flogen sie geschwind davon. Oder wir rissen als Kinder die Hände in die Höhe, da hoben sie sich flugs hinweg, ein Fluchtreflex. Im Laufe der Jahre wurden diese Tiere, in den Städten nennt man sie ja derweil schon verächtlich Flugratten, immer abgestumpfter, immer träger und blöder. Sie sind jetzt wohl alle krank oder gemütskrank. Keine Ahnung. Derweil kann man sie mit dem Fuß anschubsen, sie mögen nicht mehr fliegen, laufen lieber beleidigt davon. Und leicht überfährt man eine. Und neuerdings beobachte ich ähnliches bei einigen Menschen. Man könnte täglich wenigstens drei mit dem Fahrrad überrollen; sie latschen ohne links und rechts zu gucken durch die Gegend, panzern so vor sich hin, mit einfältigem Blicke, ganz fatal. Und da meinte neulich der Pianist Schlippenbach: Ja, die fühlen sich alle ganz sicher, sind alle versichert, es kann nichts passieren. Alle im Grunde versorgt und versichert. Diese Dumpfheit komme bei den Menschen durch die Sekurität ins allgemeine Benehmen. Das muß man im Auge behalten. Danke!"
6. November 2009
Yorkschloß
Dasselbige amtiert hinter einem Diminutiv verborgen seit jeher in Berlin-Kreuzberg 61, und als ich einst in seiner Nähe wohnte amtierte auch ich beinahe täglich darin. Letztens traten wir mit dem Nasenflötenorchester dort auf; das Yorkschloß, oder vielmehr sein ehrenwerter Betreiber Olaf Dähmlow, pflegen die Jazz-Musik und eben bisweilen auch uns auf die Bühne zu stellen. Alle Monate versorgt uns, die Schloß-Entourage, Olaf Dähmlow mit Post über seine skurrilen Posteingänge. Die Deutschen, das wußte auch Nietzsche trefflich zu diagnostizieren, kreißen übermäßig Querulanten und allerlei Schrullitäten. Ich rate an, die Daähmlowsche Post zu abonnieren! Einige Proben aus seinem frischen Posteingang: Sehr geehrter Herr Dähmlow, ich habe mir, mit jetzt 51, mal das Rauchen angewöhnt, auch um zu erleben wie es nun so ist mit dem Rauchverbot und kann Ihnen bestätigen, dass ich mich wirklich diskriminiert fühle! Draußen rauchen in der Kälte ist wirklich unangenehm! Können Sie sich denn nicht für eine gewisse Lockerung stark machen, so ab 23 Uhr sagen wir mal. Gemütliches beisammen sitzen ist nicht mehr. Wie schade! Ungemütlich! Herzlichst Ihr P.B. Hallo Herr Dähmlow, ich habe von eurer Jubiläumsfeier gehört. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Sie im Lokal seinerzeit vor 30 Jahren als Kellner gearbeitet haben. Als Leuchte sind Sie mir da nicht gerade aufgefallen! Das Publikum war damals jedenfalls ziemlich krass und ist mit dem von heute wohl nicht zu vergleichen. Aber wir haben den Schuppen geliebt! Sonderlich beliebt waren Sie bei den damaligen Gästen wegen Ihrer ständigen Aufräumerei nicht gerade. Um so erstaunlicher, dass Sie immer noch dort arbeiten und es sogar zum Betreiber gebracht haben. Wie kommen Sie den heute mit den Gästen zurecht und wird immer noch so viel gesoffen? Ich wohne jetzt hier in Bayern. Viele Grüße Linus F. Hallo Olaf, ein kleiner Tipp von mir um Kritik zu vermeiden: Sage nichts, tue nichts, sei nichts. Du wirst sehen, dass (sic!) klappt. Fürs Selbstbewusstsein ist das ewige Gemecker sicher verheerend - einfach nicht hinhören! Mfg Ilona Hallo Olaf, sei bitte so lieb, und verzichte auf die Übersendung der dümmlichen „Briefe an Chef" an mich. Gruß D. So träufelt es dem Dähmlow täglich ins Emil-Fach. Ich jedenfalls freue mich auf diese Briefe an den Chef. Übrigens sieht der traditionsbewußte Kneipgänger auch im Yorkschloß, was die vermessenen Politsantitäter und verbeamteten Lebensretter mit ihrem erzüblen Rauchverbot angerichtet haben. Es ist ein Jammer und Kummer!
27. Oktober 2009
Verbaselt EssigJet Nasobem Bimbam
Wie war's nun in Basel? Prima. St. Bimbam Lesebühne – sehr gut! Nasobem (siehe Chr. Morgenstern) auch. Im Nasobem würde ich fortan meine Bücher kaufen! Man bekommt was zu saufen oder Kaffee dort, kann sitzen und es stehen nur Bücher in den Regalen, die die beiden Nasobeme geprüft haben und empfehlen können! Und da kann man ihnen durchaus vertrauen. Dort auch mit Frau Burckhardt sehr angeregt über Basel, Mohler, Fleig und alle anderen Burckhardts und den Basler Daig geplaudert. Rückreise. Ist ja behilflich, daß es diese billigen Flüge gibt. Und man kann, könnte theoretisch bzw. praktisch mittags los und um drei in Berlin die Reise mit einem Bier abschließen und arrondieren. (Und billig ist das! Unheimlich fast. Warum freilich führt die Bahn nicht mal eine Holzklasse ein? Warum entläßt man den Busverkehr nicht aus seinem deutschen Regelkorsett? Warum MUSZ der notgedrungen Wohlfeilfahrende fliegen?) Also: könnte, theoretisch wie praktisch, denn es ist eben nicht alles easy mit den Jets. „easyJet" nennt sich das Unternehmen modern, das auch Berlin-Basel befliegt. Ich nenne es fortan Essigjet. Freitag nachmittag sitzen wir Berlinreisende also auf dem Flughafen Basel und warten. Und warten. Kinder auf die Oma in Berlin, Alte auf die Enkel in Berlin. Durchsage: Eine Verspätung wird es geben. Na gut! Es muß nicht immer alles sogleich und auf die Minute verfügbar sein. (Sollten aber doch Maximen bleiben: die Pünktlichkeit und die Verläßlichkeit und die Zuverlässigkeit!) Nach drei langen, dämlichen Stunden des Wartens in einem dieser weltweit immer ähnlich dämlichen Flughäfen kommt dann die knappe Durchsage: Der Flug findet nicht statt! Wie? Ja, seht zu (ihr Dummerchen) wie ihr nach Berlin kommt. (Für euch paar Figuren lohnt sich's nicht, eine Düse (Jet) zu zünden ... – Ich vermute solches Kalkül.) Nächstes Flugzeug? Ausgebucht. Geld zurück? Im Prinzip schon. Versucht's mal (ihr Dummerchen) im Internet. (Gerichtsstand London, hähä. easyJet Airline Company Limited Registered in England: Hangar 89, London Luton Airport, Luton, Bedfordshire LU2 9PF, hoho! +44 871 244 2366 – 8am till 8pm, 10p per minute, harhar!) Ach so. Verstehe. Eilig zum Bahnhof Basel. Dort ist der ICE nach Deutschland kaputt! - Was ist los, im Abendland? Immerhin wird dann ein zum IC umlackierter Interregio eingesetzt, die bekümmerten Massen ins Wochenende zu befördern. (Man wird zum Kohlhaas, hienieden! Oder dingt wenigstens einen Kohlhaas: Rechtsanwaltskanzlei Bartholl - Anwalt für Reiserecht Flugrecht und Luftverkehrsrecht, haha!) Gleichwohl niemals der Zuversicht ermangelnd - vielleicht gibt Onkel Jet Easy ja doch Geld wieder? - fliege ich nächstes Mal nach Zürich mit diesen anderen Kantonisten da. Oder doch gleich mit der Bahn.
21. Oktober 2009
Basel
Heute, 21.10.9, Mittwoch, werde ich mal hinfahren und schauen, ob in Basel noch alles mit rechten Dingen zugeht. Um das durchzutesten, wird heute abend im Pulk vorgelesen in einem St. Bimbam - was immer das sei. Morgen, 22.10.9, Donnerstag, dann Soloaufführung im Nasobem - was immer das ... stop: das ist einesteils ganz klar ein Buchladen mit Bühne und anderenteils eine Erfindung Morgensterns - das Nasentier Nasobem. Da sehe ich morgen mal nach, ob das hinhaut. Und ob man's mal sieht, das Nasobem. Bin aber zuversichtlich.
16. Oktober 2009
Verspröden, verflusen und nollen
nollen: lat. futuere - oder die Bewegung der fututio woran machen, vulgo: rammeln. Vgl. a. d. Nollendorfplatz in anderem Zusammenhang (Cafe Zentral) a.a.O. Die Nülle, schles. und oberlausitz.: penis, Hure (Fut). Soviel vorweg. Denn jüngst havarierte ich auf der Suche nach dem Begriff „Verflusen" vom glückseligsten Irrsinn als auch Irrtum geführt an diesem etwas asymmetrischen Dialog im ohnehin irren Weltweitnetz, der ja doch durchaus jedem zeitgenössischen Lyrikband zur Ehre gereichte: Nülle: „Meine Nülle pfühlt!" Oilsardine: „Dann mußt du die Hinterwinsche durch Verflusen der Querschmacken seitlich gegen die Übernocke stoßen lassen! Aber nur wenn die Zamske nuselt, sonst kann es passieren, daß die Übernocke gegen die Unternocke dingelt und die Sabadüse vergrüllt." Soweit und großartig. Der mich führende Irrsinn ist vorangehend sinnfällig geworden. Mein mich ebenfalls führender Irrtum noch nicht – also: Ich hatte ja nur aus Versehen nach „Verflusen" gekundschaftet, weil ich das „Verflusen" kurz unachtsam mit „Verspröden" verwechselte. Näheres wollte ich über das Verspröden wissen, nicht über das Verflusen. Das entzückende Wort „Verspröden" bzw. „verspröden" hatte ich in einem Artikel gepflückt, der sich mit einer sensationellen Neuerung im Gewürzsektor befaßt. An der Universität Hohenheim hat man ein Verfahren ausreifen lassen, daß uns die ganze Palette der Gewürze künftig besser, vernünftiger und eben nicht mehr versprödet in Tuben darbieten wird. Der geneigte Leser staune und lese selbst: https://www.uni-hohenheim.de/pressemitteilung.html?&L=0&tx_ttnews[tt_news]=3703&cHash=f6b7a6c23a Soweit und wieder großartig! Doch endlich zur Wortbedeutung: „(V)verflusen" ist ja leichthin klar und Pullovertragenden bekannt; „(V)verspröden" nun aber meint die Rauhmachung, das Zerriebene, zerreiben, lat. friare, asperarsi, friabilem esse; gesprödet. Klar! Logisch! Ja nun. Ja klar! - So wanken wir alle Tage per asperarsi und über stete Umwege auf ein oder mehrere Astra oder Andechser zu. - Und?
6. Oktober 2009
Diaabend
Der Auftritt sollte gegen 11 Uhr nachts beginnen, "aber frühestens!" - "O mei!" Wir verabredeten uns zu vorbereitenden Erfrischungen für um 8 (schon spät also, gewöhnlich ja um 5) am Stammtisch in Charlottenburg. Gegen halb 11 hatte ich 9 Halbe intus. Der Galerist Jes Petersen und sein dicker Hund hatten sich schon zu 21 Uhr verschluckt mit 12 Halben und mußten mit Droschke heim transportiert werden. Für Petersen sprang als Ersatz der Oberpfälzer Reklamemann und Sulzbacher Waldläufer Hans Forster ein, er war ein eher großer Mann, doch aber mit zureichendem Embonpoint ausgestattet und so tauglich für das Querformat. Ich orderte Droschken, und wir, die Formate und ich, sowie einige andere Gäste von Hoeck noch, fuhren hochgestimmt mit Gesang im Konvoi rüber nach Schöneberg ins Ex und popp. Dort sicherte ich meiner Crew aufs erste Freibierbezug und Sitzplätze. Die Models und ich soffen uns durch eine elend ewige Wartestunde und zählten die Gäste durch. Es wurden ab 'Viertel vor' wieder eher weniger, also ging's nach einiger Drängelei um 12 endlich los. Da standen wir also jäh beleuchtet mit eins auf der Bühne. Meine drei Querformate und das Längsformat guckten mich ratlos an. Ich wußte auch nicht mehr so recht. Ich teilte die T-Shirts zu, und nun standen alle halbnackt in der Landschaft und wühlten mit Hemden überm Kopf rum. Anziehn, ausziehn, etwas Tumult, die kleinen akkustischen Schreckensmomente des Bierflaschenumkippens - und irgendwie ging dann auch mein Urlaubsbericht dazu los. Nachdem nun Bernd Gärtner begriffen hatte, daß ich nicht mal mehr wußte, wo genau ich mich in Urlaub befunden hatte, riß er, der ehemalige Prediger, geistesgegenwärtig gewisse Passagen an sich. Derweil versuchte ich mich für den Fortlauf wieder zu sammeln und machte weitere retardierte Erklärungen zu den Alpen und gab allgemein wirre Alperiana von mir. Dann waren alle Hemden vorgeführt, und wir sangen zum Schluß noch Hart wie Kameldornholz, ein Ferienlied aus ganz anderen Gegenden – einerlei! Der Einfall für Hundertmarks Kartons war dann: Die wirst du gut los, die 12 verschwitzten Hemden, die packst du dem Hundertmark in seine 12 Kartons! Damit nun der Kartonbesitzer den Überblick behielt, wurden in einem Umschlag die 11 Fotos der anderen 11 Hemden durchnumeriert und signiert (jetzt vereinfacht: „TK 93") beigegeben. Außerdem gab es diese hier vorliegende Erklärung in etwas anderer Form mit zwei Fotos vom Vortrag dazu. Zum Schluß noch eine Zeichnung. Die hatte ich während einiger Regentage damals im Alpenhotel Zum Schütt mit Filzstiften gefertigt. 12 dieser Blätter auf gewählt schlechtem Papier sind - klar! - TK-signiert auf die 12 Kartons verteilt. Und Onkel und Dantes Inferno heißt der Karton deshalb, weil der schon so hieß, bevor ich wußte, was rein kommt. Es paßte aber doch, weil die Alpenreise ein rechtes Inferno war, Dante auch irgendwie cisalpin mit den Alpen zu tun hatte und ich ja auch ein Dichter bin und auch ein richtiger Onkel. Und Hundertmark hat die Pakete dann unter das denkwürdige Volk der Kunstsammler gestreut. Und wir haben wieder was zu erzählen.
4. Oktober 2009
Der schiefe Turm von Volprihausen
Wenn man nur hinreichend wartet, waltet wieder der Zufall und wünscht, daß ich im Kopierladen stehe und sehe, wie ein junger, moderner Mensch sich für 20 Mark geschwind ein Diafoto auf elektrokomische Weise auf ein hübschweißes T-shirt drucken läßt! Ich marschierte nach Hause, stellte 12 Dias zum Thema 'Urlaub in den Alpen 1992' zusammen und ließ die Bilder auf 12 T-shirts mit Überweite drucken. Ich mag und brauche keinen Urlaub! Ich bin hinreichend dienstlich unterwegs und bekomme auch nach drei Tagen Heimweh, aber 1992, da machte ich „Urlaub" mit Freundin in den Hochalpen! Oder eher sie mit mir. Und da es nun ganz verkehrt gewesen wäre, im Ex und popp einen subkulturell kompatiblen Undergroundquatsch zu bieten - was denen so gepaßt hätte! -, beschloß ich, ihnen eine Urlaubsbombe in ihren düsteren Müllkeller zu paschen. Du gehst methodisch-inhaltlich auf den puristischen Urlaubsdiaabend zurück, da sie ja selbst nie rauskommen, diese nächtlichen Avantgardisten, an die Sonne, ans Licht, in Gebirge! Und alles - der Knüller! - ohne Dias. Ich hatte ja die Neuerung: 12 Urlaubsfotos auf 12 Übergrößen! Am Stammtisch meiner Lieblingsgaststätte sitzen - so will es das Fatum - bemerkenswert viele dicke Herren. Wir treffen uns mindestens wöchentlich einmal dort und trinken gediegen, ja achtbar. Diese dicken Freunde wollten mir den Freundschaftsdienst tun und sich um die Querformate kümmern. "Hört zu, Kinners! Ich halte einen Bildervortrag da und ihr macht die Querformate, ihr zieht auf Kommando die Querformate über. Ich sage: Alpenpanorama, hinten links der Sorgschroffen! – und dann ziehst du, Plummy, den Sorgschroffen über. Klar?" - "Geht in Ordnung, machen wir. Ich bin der Sorgschroffen." Es handelte sich bei den drei Gehilfen für die Querformate um den Galeristen Jes Petersen, um den vormaligen Pastor und theologischen Antiquar Bernd ‚Plummy' Gärtner und um den Geologen und Pharmavertreter Andreas ‚Pille' Dittmann. Ein mir bekannter zwei Meter großer, schmaler Mensch, der Krankenpfleger und Deutschstudent Frank Niemann, versprach, an betreffendem Abend als vierter Mann die Hochformate vorzuführen. "Fränki, du mimst den schiefen Turm von Volprihausen. Wenn ich sage: Schiefer Turm von Volprihausen, dann ziehst du den über, klar?" - „Klar, mach ich! Ich bin der schiefe Turm von Volprihausen." – „Gut. Also bis übermorgen!"
2. Oktober 2009
Onkel und Dantes Inferno
1993 bot mir Armin Hundertmark an, eine Karton-Edition für ihn zu basteln. Er gab diese Editionen dann in kleiner Auflage in der Edition Hundertmark heraus. Es gibt sie heute noch, und er hat diese Kunstform unter Zutat von bewährten Fluxus-Üsancen wohl erfunden: allerhand Kunstkleinkram wird in einen Karton verpackt, der in kleinen Auflagen erscheint. Und der Sammler ist immer auch besser gleich noch Galerist und Verleger. Da hievt, wenn's gut geht, eins das andere ins Gelingen. Die Künstler fummeln und zeichnen also eine einigermaßen gleichartige Ladung für zehn Kisten. Der Galerist ediert und verkauft sie und nimmt selber eine – mit Galerierabatt. So ungefähr. Ein Zufall wollte, daß in meiner Hundertmark-Kiste wieder Hemden drin waren. Was so kam: Jeder, der mich kennt, weiß, daß ich ein Neupionier des lichtbildgestützten Vortrages bin, nee, war; derweil bin ich zu faul, Diaprojektoren durchs Land zu schleppen und etwas zu tun, was zeitweise ohnehin alle taten, bis es dann wieder aus der Mode kam. Heute belebe ich es darum wieder mit transportfreundlicher Technik; es stehen ja überall diese Beamer rum. Also damals gab es von mir den ästhetisch gepfropften Diaabend mit schwerem Kodak-Carousel (noch gibt es sie!) und Fernbedienung und Ersatzlampe. Schiere Leseabende wollten mir damals öd vorkommen, also war ich auf die Idee mit den flankierenden Dias gekommen für Menschen, die eigens auf das Fernsehen verzichteten, um zur Lesung zu kommen. Wir guckten dann Bilder und ich erzählte aus dem Stand Geschichten. Sehr amüsante Sache! Und keine unterschätze das geschulte Auge und die hermeneutische Bildschau, die optische Mitgift, die gut ausgebildete Ekphrasis! (Hierzu weiß Heinrich Dilly einiges!) Das Ex und popp, ein dunkles Nachtverlies für Verlorene und einsame Trinker mit Stil, fragte damals an, ob ich so einen Vortrag mal bei ihnen machen wolle. Es drehte sich dort eher um Musik. Blixa Bargeld stand bisweilen hinterm Tresen, Nick Cave oft davor. Und nun sollte auch mal der Lichtbildonkel da rumstehen. Ich sagte zu, denn das Ex und popp steht in der magischen Genealogie von Mr. Go, wo ich schon als Schüler rumstand, und Risiko und siedelte wie diese im genius loci der westlichen Yorkbrücken. Das Ex und popp anverwandte sich der tiefen Nacht, und so war ich, der Frühmensch, seltener Gast. Ich trinke lieber zeitig, habe es gern hell und lese gern zum Bier am Tisch Zeitung bei gar keiner Musik. Deshalb verlief ich mich allenfalls bei Vollmond und stark vorbehandelt ins Ex und popp. Ich habe kaum ja erinnern können, wie ich von dort nach Hause gekommen war. Je nun, ich sagte zu, denn man muß als Mann im Leben einen Mist gebaut, einen Baum gefällt und im Ex und popp aufgetreten sein! Sofort aber gereute es mich wieder. Der blöde Aufwand, mitten in der Nacht! Das Gewarte bis es los geht, die vielen Wartebiere! Die ewig gleichen Dias. Das Vorturnen. Diese ganzen Strapazen! Der Zweifel. Was tun? – Warten! Einige Tage noch warten!
26. September 2009
Frische Hemden
Armin Hundertmark war ein ruhiger, unscheinbarer Mann, der in Berlin ganz hinten links im Westteil der Stadt eine Gartenlaube ohne Telefon bewohnte und Kunst sammelte. Er tat das sehr geschmackssicher. Der späte Verkauf eines einzigen Bildes von Dieter Roth soll ihm ein passables Landhaus mit Garten und Telefon eingetragen haben. Damals gab es diese unbekümmerten Sammler, so welche wie ihn, wie Block, Petersen. Man hielt sie für irre, weil sie Polkes oder Roths für tausend Mark kauften anstatt Autos oder Telefone. Nun wissen wir, daß sie alles richtig machten - und wissen immer noch nicht, wie man heute alles richtig macht. 1987 fragte mich Armin Hundertmark, ob ich nicht mal eine Edition bei ihm machen wollte. Na klar! Nach zwei Wochen lieferte ich ab. Hundertmark refüsierte. Gefiel ihm nicht. Als der Scheiß wieder bei mir angekommen war, habe ich den Scheiß im Bierfuror auseinandergerissen, irgendwie betont schlampig, bemüht pfuschig wieder zusammengesetzt, Hundertmark verflucht und dann den Mist noch 14 Tage in die Scheißluft ins Klo zum Räuchern aufgehängt. Und wieder nach Köln geschickt. Jetzt gefiel es ihm! Das Heft hieß 'Frische Hemden'. 14 Tage später kam die ganze verwunschene Ladung frisch gedruckte 'Frische Hemden' in einem kläglichen Karton wieder retour. (Armin kaufte nie Briefumschläge oder Kartons! – er verschickte stets beachtlich vernutzte Emballagen - auch das muß ihn vermögend gemacht haben.) - Was ist denn nu wieder los? - Ich sollte numerieren und signieren. Also saß ich vier Stunden wie ein Geisteskranker und schrieb meinen mir mit der Zeit immer seltsamer vorkommenden Namen und Nummern: „... Kapielski 296/300, Kapielski 297/300, Kapielski 298/300, Kapielski 299/300, Kapielski 300/300, feeertig!!! - Aber: Warum heißt du Kapielski? Und nicht Kurz? Oder kürzer?" Mir fehlte das Kunststudium, dort lernt man so was! Ich beriet mich damals beiläufig bei fortgeschritteneren Kollegen und Lehrherren: "Schmiddy, wie machst du das?" Thomas Schmit machte "t.s." Sehr gut, da mache ich in Zukunft "TK" ohne Punkte. Nun war 'Frische Hemden' fertig und reifte in den Hundertmarkschen Regalen zu einem unscheinbaren aber famosen Ladenhüter heran. Das Ding geht nochmal ab, versicherte ich allen Käsefreunden! Wenns alle ist, wirds die Sammler den Verstand kosten! Ja, und nun ist es so gekommen. Alle muß frisch erschwitzt oder gleichmütig erwartet werden.
8. September 2009
Richtungswahl
Die leichte Links-Rechts-Asymmetrie bei Wirbeltieren, in Folge einer bevorzugten Händigkeit, läßt uns, die wir Wirbeltiere sind, orientierungslos, bei Nebel etwa oder in weiten Wüsten, im Kreise gehen oder inmitten uferloser Gewässer im Kreise schwimmen, obgleich wir fest entschlossen waren, uns geradeaus und hinaus aus der Verirrung zu bewegen. Rechtshänder laufen und schwimmen Links-, Inverse Rechtskreise, vermutlich, weil die kreisäußere Muskulatur kräftiger entwickelt ist. Auf Karten eingezeichnet, sehen die orientierungslosen Irrwege wie mählich abdriftende Spiralen aus, die in großen Bögen an ihren Ausgangspunkt zurückkreiseln. (Rechte Gonade, vulgo Ei, liefert männchen-, linke weibchenbestimmende Keimlinge. - Dachte man mal, ist aber Unfug.) Sobald Städte nicht mit geraden Straßengittern ausgestattet sind, sondern, wie die Altstädte, mit Rundläufen und krummen Gassen, fange ich mich zu verirren an und finde dabei stets die vorzüglichsten Gaststätten oder Friedhöfe, kleine Parks, reife rotschimmernde Stachelbeerbäumchen darin oder Brunnen. Neulich in Hamburg einen uralten Hutladen mit eigener Manufaktur. Am 12. September muß ich dieses Jahr den Weg in die Feldstraße zur Fa. Übel & Gefährlich finden. Da gibt es eine Lesung!
31. August 2009
Einst knappes Knipsen, nun ausschweifendes Abschweifen
Bis vor nicht allzu ferner Zeit, fotografierte ich gern. Ich schleppte stets eine kleine Automatik mit Diafilm herrum. Insbesondere pirschte ich auf Lampen, Tisch/Stuhl-Ensembles, Hafthaken und Tieratrappen. Menschen fotografieren, das mied ich strikt. All dies steht kompakt begründet in meinem Fotokatalog „Verduten, Lampen, Tierchen" von 2008. (Hier kann man was angucken: http://www.zeit.de/online/2008/51/bg-kapielski) Seit es diesen Katalog gibt und vor allem die Digitalfotografie, bin ich es leid! Als noch gewöhnliches Filmmaterial verwendet wurde, überlegte der Fotograf noch halbwegs gewissenhaft, was er denn knipsen wolle. Heute wird draufgehalten, was die Gigaspeicher herhalten! Doch schon damals wucherte die Knipserei, so daß ich 1999 bemerkte: „Es sollen, lese ich, weltweit pro Sekunde durchschnittlich 2300 Fotos geschossen werden. (Fotoindustrie hat's glaubhaft geschlußfolgert, da sie wissen, wieviel Film sie verkaufen.) Bei einer Belichtungszeit von einer 2300stel Sekunde wäre die fotografische Beaufsichtigung und Aufnahme der Weltzeit folglich lückenlos, (nee, Lücken gibt's noch, also sagen wir:) komplett; weltweit wäre immer gerade ein und nur ein Objektiv der Welt geöffnet; da aber im Durchschnitt 125stel Belichtungen vorgenommen werden, gebiert das Fotografieren durch sich überschneidende Weltaufnahme einen Zeitüberschuß mit dem Faktor 18,4 pro Zeiteinheit. In einem Jahr, realen, irdischen Werdens, werden mithin 18,4 Jahre fotografisch entnommen (aufgenommen) und in negatives und positives Sein umgeformt (flach gemacht). Gewisse Weltausschnitte, schiefe Eiffeltürme, Schiffers Ausschnitte, irgendwelche Hamburger Häfen und so was, werden dabei aber sehr bevorzugt platt gehauen (Fotoplatte), weswegen der Verewigungsfaktor (Verflachungsfaktor) bei manchen Weltansichten verblüffend gegen unendlich, bei anderen gegen Null zu veranschlagen ist." Das waren Zeiten! Heute gibt es überhaupt mehr fotografische Abbilder als wirkliche Bilder. Die Abbilder verstellen die Bilder! Hinzu kommen die Wucherungen des digitalen Films. Jeder Geburtstag, jede Hochzeit wird von wenigstens drei Personen lückenlos gefilmt. Für das Anschauen der Filme braucht die Festgesellschaft dreimal mehr Zeit als für das Fest selbst. Vor Jahren war ich mal zu einer Gala eingeladen, die im Fernsehen übertragen wurde. Nicht wenige der leibhaftig anwesenden Gäste schauten sich ihre Nobelfeier in eigens eingerichteten TV-Nischen mit Sofas und Sesseln lieber doch am Bildschirm an. (Die Medienfritzen wissen genau und selbstgewiß, wie det so looft!)
20. August 2009
Dem Gut des Gutes- gut!
„Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Kabarett und Comedy?" „Der Comedian macht es wegen dem Geld, der Kabarettist macht es des Geldes wegen." Lese ich auf einer Netzseite: Flache Erde. Großartig!
15. August 2009
Motorisierung, Mütter, sonder Sächsin!
Heute im Park Weizenbierobachtungen: Mensch! Wir wurden doch früher in den Kinderwägen so geschoben, daß wir der Mutter zärtlich ins Gesicht schauen konnten. Und die Mutter wollte ihre Wonne und deren Befindlichkeiten im Blick haben. Verliebt sahen wir uns an. Und selbst schoben wir unsere Gören auch so. Heute sitzen die Schnoppels umgedreht: sie schauen alle wie Autofahrer in die Welt, sich auf die Einsamkeiten der Zukunft einstellend. Hinterdrein traben telefonierende, tätowierte, genagelte (-piercte) Mamas und sind mit ihren eigenen Lebenszumutungen und sich selbst beschäftigt. Ein paar Jahre noch, dann schieben die rückwärts! Die Liebste, stellt sich heraus, eine an Nebenwurzeln: Sächsin! eine bosnische Bergarbeitersnachfahrin, damals die besten Bergleute Europas aus Sachsen geworben. - Das erklärt einiges: der Sachse gilt als gemütlich, naiv, leidensfähig, humorvoll. Und sie mögen kein Sushi, wie meine Liebste, die Sächsin: Ehepaar bestellt im Zeitzer Hof "Sauerbraten mit Klöße", die Sachsenspeis schlechthin! Doch der Ober bringt Forelle blau. Nach einiger Zeit des andächtig-bedächtigen Schweigens sagt die Frau zum Mann: "Gomm, mach mor geen Offschdand un wärchn das Zeich nund'r!" Sachen und auch Thüringer, ich liebe euch!
8. August 2009
Pi
Heute nacht zur Gewissheit geronnen: Wäre Pi endlich, gäbe es kein Pleuel! Dann stockte das Lineare, sich ins Zirkuläre zu verströmen! Welch unglaubliche Konsequenzen!
2. August 2009
Ranke-Heinemanns dreizehnte Feuerbachthese
Frau Ranke-Heinmann, Theologin, Konvertit (von ev. nach kath., dann von kath. nach heret. oder diss. – on ne sait pas!), schreibt, lese ich heute, ganz frei und rank in trappsender Anlehnung an Feuerbach: „Ein Esel stellt sich Gott als Esel vor. Der Papst stellt sich Gott als Mann vor." Mannometer! Welch These! Chapeau! Wie aber stellt sie, Frau Ranke-Heinemann, sich wohl – solchermaßen weitergedacht - Gott vor? Als Rankefrau eines Heinemannes? Oder umgekehrt? (Denn sie ist ja ein Heinemann und ihr Mann ein Vetter des Kardinal Glemp sogar und Ranke, mit direkten Verbindungen vermutlich nach ganz oben.) Ignoramus et ignorabimus! – Wir wissen es nicht und werden es niemals wissen. Und sie wird sich nicht festlegen wollen. Jo Leinen (SPD), ein vermutlich hochdotierter Gesundheitsfürsorger in Brüssel, vermeldet heute Alarmistisches solcher Art: Mit einer Million Schweine-Grippe-Toten – nee! - halt, -Fällen! – müsse man rechnen. Das aber sei, so Jo Leinen (SPD), eine eher „konservative Schätzung"! Was soll das denn? Ist die Schätzung nicht eher progressiv – also Fortschritt und Wachstum mutmaßend? Konservative Schätzungen wären dem Wortsinne nach doch welche, die gleichbleibende Schweine-Grippe-Zahlen orakeln. Und können Schätzungen überhaupt konservativ sein? Möchte er, Jo Leinen (SPD), als in Brüssel verbeamteter Progressiver nicht vielmehr das Konservative schlechthin einmal mehr ans Übel ketten und sich trompetend in die Medien setzen? Um für sein Amt oder seine Behörde sich einen Zustupf und weitere Planstellen zu erwirken? Und wann ist eigentlich endlich einmal Schluß mit diesen schweineverachtenden Sprachregelungen? Das gütige und durch und durch progressive Hausschweinchen hat genug zu leiden und leidet selbst an Grippe durch Lungenwurmlarven, sie tragen ihm die Grippe ein. Ein Esel stellt sich das Übel also klug und bedingt tierlieb als "Lungenwurm-Grippe" vor. Allein, lungenwurmverachtenden Äußerungen haben derzeit gar keine Chance!
18. Juli 2009
Weint Regen vor Freude
Oder Herzgram? Nun, es regnet. Ich sitze am Fenster und freue mich. Der liebe Gott wohnt in Ländern, wo es üppig regnet, wo alles gedeiht und blüht. Böse Gewalten dräuen über Wüste und Garst. Genau an dem Tag, an dem im Tagesspiegel vor einer Woche gewiß verkündet wurde, daß von mir beim Berliner Merve Verlag nie mehr etwas erscheinen würde, holte ich meine Neuerscheinung „Zeitbehälter. Kleine Festordnung" beim Merve Verlag ab, wo wir dann auch gleich was zu lachen hatten: Da der Journalist keine Zeit mehr hat, sich zu vergewissern, muß er statt dessen Selbstgewißheiten entfalten; es ist auch gar nicht mehr so wichtig, möglichst wahrhaftig Bericht zu erstatten, sondern moralisch, weltanschaulich tadellos. Jeder, der etwas miterlebt hat, worüber in der Zeitung geschrieben steht, weiß das. So verging uns auch wieder das Lachen. Was lese ich so des Sommers? Der Philosoph Norbert Bolz erfreut mich; erst fiel mir ein altes Tumult-Heft „Professoren" von 89 in die Hand, wo er über das Habilitationsschicksal W. Benjamins schreibt. So ist das! sagt man sich. So ist das eben, und Horkheimer war wohl ein ziemlicher Ränkeschmied, auch Golo Mann wußte schmerzliches davon zu erzählen. Jüngst las ich Bolz' Bücher über Religion und Familie, jetzt fliege ich durch seinen Anti-Rousseau. Da leuchtet die Tugend der Parhesia! Ich frage mich, wann sie ihn verhauen werden. Vor Jahren saß ich mal kurz in einem zu gut besuchten Seminar bei ihm in der Freien Universität Berlin; damals ging eben noch die moderne Post ab und es war schicker in Hörsälen als in irgendeinem Gammelschwabing zu hocken. (Wobei beides aufs Gleiche hinausläuft.) Von Gottfried Keller las ich wieder „Romeo und Julia auf dem Dorfe" das einem das Herz zerreißt und das famose Stück „Der Schmied seines Glückes". So ist das! Keller kannte die Menschen und ist selbst traurig darüber geworden. Über den Menschen sah ich mich und meine Gattung eben auch wieder beglaubigt durch Jean Hatzfelds „Zeit der Macheten". O je, so ist es! So kann es immer sein. Das vulkanisch cholerische Wesen der Menschheit. Um wieder licht zu werden wieder: Gerhard Nebels „Hamann" und immer wieder auch diesen selbst. Vom Freund Gärtner lasse ich mich gerade gern über Apollos den Täufer aus mandäischem Blickwinkel instruieren. Er bedauert, daß „die heutigen Neutestamentler die Heranziehung mandäischer Parallelen für die Exegese ganz überwiegend ablehenen" und dagegen leht er sich nun endlich mal auf! Die Abwegigkeiten führen auf die schönen, einsamen Abwege. Hier allein wallfahrten die Engel unter den Menschen und weinen Regen.
2. Juli 2009
Solche Sätze
Aus der neuen Titanic 7/9 pflücke ich den überaus beglückenden Satz:
„Ich fuhr mit meiner Mutter an einem Haus vorbei, das vom Künstler Friedensreich Hundertwasser entworfen worden war. »Guck ma’, ein Jahrhunderthochwasser-Haus!« rief meine Mutter. Darauf schwieg sie eine Weile und meinte dann, die Medien würden sie noch bekloppt machen.“
Doris Sakala und ihre Mutter haben diese Sätze so trefflich gesagt und niedergeschrieben.
Die promovierte und sehr wichtig tuende Augenärztin gibt mir nach getaner Augendruckmessung ein spitz verkichertes
"Supi!"
mit auf den Heimweg. - O Mann! - O Mannomann!
"Gehet nur alle hin und nuckelt nachher gleich euer aller Proseccelchen!"
sagte, nee, nee, dachte ich da. Hätte ich es mich sagen getraut, wozu ich viel Anstand hätte dreingeben müssen und Frechheit aufbringen, wäre mir gewiß ein neues Kichern zuteil geworden und wieder noch ein schrilles "Supi!" vielleicht hinterdrein? - Ich hätte es wagen sollen!
Die BZ aber und ein mutiger, ja dreist-kecker, sogar feucht-forscher und allerdings auch schon vierundsechzigjähriger Mann aus Nauen, er also und die immer frohmachende Berliner Zeitung beglückten mich gestern bis heute anhaltend mit der kurz-trockenen Nachricht:
"In einem Supermarkt in Nauen wurde ein Mann (64) gefaßt, der sich Pfand erschleichen wollte. Hierfür goß er im Laden erst 19 Flaschen Selterswasser in eine Tiefkühltruhe, um dann die leeren Flaschen als Pfand einzulösen."
Punkt. Aus. Herrlichkeit!
19. Juni 2009
Drei Sonntagsrouladen
Der unnütze Streit, ob das Fleischessen recht sei, hat sich oft bei einem Rinderbraten entschieden. Am Sonntag zermürbte ich den vorübergehenden vegetarischen Wahn meiner Familie mit sechs Rinderrouladen, die ich androhte, samt und sonders selbst zu verzehren, wenn nicht dem ältesten indogermanischen Opfertiere unmittelbar die ihm gebührende Verehrung zuteil würde. (Man ließ sie ihm zuteil werden und mir blieben drei!)
Tierschutz gilt weniger den aussterbenden Tieren; es ist dies eher die Leidenschaft anämischer, lebensverachtender, also aussterbender Völker. Menschen, die es, selbstvermessen und grämlich wegen unserer bösen Welt (in Mitteleuropa!), nicht mehr vertretbar finden, Kinder zu bekommen, stellen sich aufopfernd vor Bäume und jegliches Stinktierchen. Dabei gibt es durchaus Zivilisationen, die sich ohne Bäume und vermittelst Verzehr von Stinktieren, nie aber ohne Nachkommen durchschlagen.
Das deutsche Volk ist überlebensmüde, ethisch indifferent in übelster Weise, somit eben auch zunehmend geschäftsuntüchtig und indolent wie insolent, dabei aber leider auch geistig blutarm wie nie - selbst im Kleinen! Ein Pulk frischer Abiturienten versichert mir auf einem Abiturientenball glaubhaft, nie den Namen Schopenhauer gehört zu haben! (Einer riet sehr wagemutig, es handele sich "glaube ich" um eine "vornehme Szenekneipe" in Mitte oder so - das "Schopenhauer's" eben ... nich? oda nich? Beim Suppenhauer! - da blieb mir die Spucke weg.) Aber ach, mein Gott! Was soll's!? "Verfeinern" wir eben unsere Tütensuppen mit "feinster Aromat-Streuwürze von Knorr"! Oder Maggi, oda?
10. Juni 2009
Stille Post
Der Vorrang des Augenblicks läßt das mörderische Wegrasen aller Ereignisse in die Vergangenheit vergessen. Und immer öder zieht die Erde um die Sonne.
Etwas Unsterblichkeit gibt es nur als Spur in einem anderen, ebenso vergänglichen, weil lückenhaften und sterblichen Gedächtnis, und falls dieses Gedächtnis Spuren von Spuren in einem weiteren hinterläßt und das so weitergeht, bis endlich auch sie, die letzten Spuren, gelöscht oder verwischt sind. Dann ist es vorbei. Überstanden.
Lagebericht (zur Verlängerung unseres Familienlebens ins Weltgeschichtliche):
Eltern: tot. Erbte nichts als mich.
Frau: Gerade noch abgekriegt.
Jugend allgemein: Was du nicht willst, das man dir tu, das füge allen anderen zu!
Wohnung: Gehe manchmal nur in die Kneipe, damit sich die anderen Familienmitglieder auch mal an die Wand lehnen können. Sie würdigen dies jedoch nicht.
Besitz: Etwas warme Kleidung auf Vorrat.
Heimat: Zerfall.
Gesundheit: Ebenso; seit der ersten Ölung zuviel Gefäßkampfsport, Zahnlücken, Überdruß!
Neulich erlauschtes Wiedergutmachungsgrünzeug:
Was macht ihr am Wochenende?
Wir reden nicht miteinander, aber mit extra lang!
Etwas Schönes?-: Die Rauener Berge, die Steine haben Gesichter dort, Aprillenkäferchen, aus- und umherfliegende Grundschulklassen.
27. Mai 2009
When I was old
Bis 30 kann man - und muß man vielleicht auch - alles aufnehmen, hinrennen, mitmachen. Kultur, Betriebsnudel. Danach muß man auswählen. Ich gehe nicht in's Theater und nach Kreta. Im Kino umzingeln mich allzu viele, fremde Menschen aufdringlichen Benehmens.
Was bleibt?
Hier und manchmal da regelmäßiges Nichtigkeiten treiben.
Oder Treibkeiten nichten.
Oder Kebsnichten trietzen.
Oder Fernsehn gucken. Oder nüschte.
Muß man zwangsläufig einer Generation angehören? Die Idee dieser Einordnung ist etwas zu gewöhnlich, zu jugendbeilagenorientiert. Eine Alterserscheinung. Senile Bettflucht, verkehrtrum.
Das tut weh: Ohne Besonderes, Außergewöhnliches gewollt zu haben, wären doch in der Jugend ein paar winzige, zufällige Gegebenheiten - ein bestimmtes Mädchen, ein Tag anders, ein wenig mehr Geld vielleicht -: Vollendung an Glückseligkeit gewesen! Heute, da man alles hat und mehr beeinflussen und haben kann, betrachtet man es, wenn überhaupt, mit schaler Halbzufriedenheit. (Plusquamperfekte Eierpampe.)
Stopp! -: "Wer seine Hand an den Pflug legt und siehet zurück, / der ist nicht geschickt zum Reich Gottes!"
Ist ja gut! Höre ich eben sofort auf und altere fürderhin ohne Aufhebens.
16. Mai 2009
Drehbuch
Liegt auf dem Plattenteller und ... - Nein, so einfach geht es nicht! - immer!
Ich hatte mal ein Drehbuch schreiben wollen und bin über Anfänge nicht hinausgekommen. Hier DER Anfang:
Großer Lagerraum einer Firma für 'Weisse Ware'. Buchhalter Kuhfarz steht im Grauen Kittel mit einer Liste und zählt stirnrunzelnd Waschmaschinenkartons durch. Im Hintergrund schleppen die zwei Lagerarbeiter Gottschalk und Meiser müd und zu zweit dergleichen Kartons durchs Bild.
Kuhfarz: "Halt mal! Gottschalk, haben Sie die Truhe L-drei-zwo-zwo irgendwo rumstehen sehen?"
Gottschalk: "Neeeeeeee, Herr Kuhfarz."
Kuhfarz: "Die stand doch hier! - Meiser -: Sie auch nicht?"
Meiser: "Ick mach nur, wat man mir sagen tut. Sons janüscht. Aber dit mach ich denn och, Herr Kuhfarz."
Kuhfarz: "Ja, ja, is gut. Machen Se weiter."
Beide ab. Kuhfarz kopfschüttelnd. Turnt waghalsig über Kisten, luckend.
Soweit. Wer ist nun der Mörder? Denn Kuhfarz findet eine Leiche im Karton einer geklauten Gefriertruhe.
30. April 2009
Autobahn
Brrroam! Nach langer Zeit wieder einmal Autobahn! Überlebt, in Erinnerung so:
Man drückte auf die Tube, bis der Motor vor Schmerzen aufbrüllte. Es ging nicht anders. Man war dabei. Krämpfe der Unrast! Es war entsetzlich. Ich wußte auf einmal genau, da gehörst du nicht zu! Und da gehörst du erst recht nicht hin! Ich sitze besser im Zug, bin zu sensibel für sowas. Ein canaillenhafter Irrsinn fand statt; man raste auf den Horizont zu; alle wollten so schnell wie möglich in die vorgegebene Richtung. Auf teppichgroßen blauen Schildern wurde "Berlin" in 385 Kilometern verheißen. Ratternde Trance! Alle glaubten daran wie an die Wiederkunft Christi und tobten, ob 'BMW' oder 'Mazda', so schnell als möglich auf die Parusieversprechung zu.
Der autofahrende Mensch ist auch so geartet, daß ihn die Vergangenheit, also 'hinten', trotz Rückspiegelei und dergleichen überhaupt nicht und die Gegenwart auch nicht recht interessieren. Man jagt betäubt durch einen Zustand rasender Erwartung. Der Epiphanie ist jedoch ein Horizontaufschub eigen. Die Ankunft wird verschoben; sie schiebt sich davon.
Was bin ich früher gern gerudert! Da stippte man ruhig rückwärts in die Zukunft und schaute auf das Gehabte. Wo und wann man dann gegen seinen persönlichen Eisberg schrammt, wird sich zeigen. Mit Demut, Geduld und Gottesfurcht wurden Schicksal, Sorge, Regenwetter und Tod in ein Akrostichon beballt: G.O.T.T.! - Geh ohne Todesfurcht talwärts! Oder mit Mörike: Gelassen steht die Nacht an Land und wedelt mit die Beene.
Von wegen. Nach einer Stunde Autobahnfahrt ist eine solche Weltanschauung erledigt. Dann geht ein 'Angelus Novus' auf Überholfahrt, und das Antlitz des Entsetzens legt sich auf die Windschutzscheibe. Wobei das Kuriose und Alberne auch noch darin bestand, daß die anderen, auf der anderen Autobahnseite, so schnell wie möglich dahin wollten, wo wir diesseits gerade so schnell wie möglich weg wollten. Konnten nicht alle bleiben, wo sie waren? Ein fataler Schwachsinn, eine Unruhe, währenddessen man sich langweilt und infamen Sendern im Autoradio folgt. Die Bewegung scheint hier das panmentale Omega des Teilhard de Chagrin zu sein. Irgendwann aber aber muß man doch an die Notrufsäule. Und dann fährt die Sorge über den Mittelstreifen und wackelt mit die Beene.
13. April 2009
Tote Fliegen
Grau, teurer Freund, sind viele Thiere / Und grau des Lebens grüner Baum.
Angewidert davon, immer nur den bequemen Abhang der gewagten Meinungen hinunterzurodeln, dringt der Verstand schließlich in die unwegsamen Regionen der Gemeinplätze vor. Also ertasteten wir neulich im Gespräch allerlei Blödsinniges und kamen auch direkt mal wieder auf Schmetterlinge zu sprechen, da man in Berlin jahrelang keine gesehen hatte, und jetzt gab es plötzlich Pfauenaugen und Zitronenfalter in einer Menge, daß es einem schon wieder krank vorkam.
Ich hatte mal einen Schmetterlingssammler gekannt, der abends im Reihenhausgarten so ein weißes Bettlaken aufspannte und mit einer dieser abscheulichen Schwarzlichtröhren beleuchtete, und es muß nicht nur die Reihenhausnachbarn, sondern auch die Falter verrückt gemacht haben, denn die ruderten wie narrisch auf das Bettuch los und die Nachbarn brüllten dann auch hinterher wie geisteskrank aus ihren Fensterlöchern dagegen an: "MENSCH! Mach das Licht aus!"
Machte dieser miese Mensch aber nicht, sondern schabte die ermatteten Insekten vor den wunden Augen aller kirre gewordenen Anstößer seelenruhig mit einem Köcher vom Lichtlaken und verschleppte die sich matt sträubenden Tiere in seinen perversen Hobbykeller, wo er die Kreaturen mit Stecknadeln bei lebendigem Leibe auf so Art Zier- oder Präsentierkissen piekste, um sie in kranken Vitrinen präsentieren zu können.
Sachen gibt's!
Man vergleiche Ernst Jünger, der auf Käfer ging und Bericht darüber erstattete in 'Subtile Jagden' (einziges Buch von ihm, außer Tagebuch, das ich einst mit Freuden las, alles sonst zu pickelhaubig, ein Nichts gegen Benn!); ich kolportiere:
"Wir lagen vor Mont-Cochon-en-Pipi im Artilleriefeuer der Franzosen. Vor uns schlug ein 96er Hohlmantelschrapnell mit Chanellzünder ein, und ich warf mich aus hoher Not gegen einen rechter Hand gelegenen Granattrichter in Deckung. Als ich benommen die Augen aufschlug erschaute ich direkt vor mir das fabelhafteste Exemplar eines Scarabaeus jüngeri, im Volke gemeinhin Pillendreher, vulgär Mistkäfer geheißen ..."
Auch dieser Käfer wurde dann natürlich mit der Pickelhaube aufgespießt wie ein Käsewürfel und erst aber noch wochenlang ohne Nahrung - woher auch? - in eine feldtaugliche Botanisiertrommel gesperrt. Sowas gibt's soweit -: bei Jünger.
Die Kriege mögen neben den Sammlern, Chemikalien, Vögeln, anderen Insekten und den Windschutzscheiben der Kraftfahrzeuge derweil die größten Vertilger und Vernichter der Insekten sein, aber es gibt sie noch. Trotzdem: ein Jammer ohne Schrei! So atmet die Natur, wozu nun auch Krieg, Mensch und Windschutzscheibe gehören, die Insekten mal ein und mal aus und mal gibt es mehr und mal weniger. So einfach!
2. April 2009
Lichtlos
Ab und zu gönnt man sich auch mal eine politische Stellungnahme oder Meinung; obgleich es zu gar nichts taugt und eine 'Ansicht' und ein 'Standpunkt' meist nichts weiter ist als ein Gesichtskreis mit dem Radius Null.
Folglich bekam ich einmal zwei Tage nach einer Meinungsäußerung eine Augenentzündung. (Böse Wirkung der Wunderbrille Tummim und Urim!) Es fing harmlos an, etwas verheult sah ich aus, dicke Klüten, als wäre ich sieben Tage in Nachtbars auch tagsüber ersoffen. Wieder einen Tag später waren die Lichter aus. Krustiger Eiter, zäher Grind. Mit den Fingern mußte ich die zwei obszön verklebten Wunden öffnen. Zwei Schlitze im Spiegel: Es sah aus, als wären die Lider mit fettigem, gelbem Zwirn vernäht. Ich war elend, jämmerlich, arm, blind und bloß. Und feige. Lieber blind als zum Arzt. So zog es sich zum Sonnabend hin, und ich ward blind und nachdenklich.
Wie kommt das? Hiob hatten einen Bund mit seinen Augen geschlossen und ein Gelübde gemacht. (Hiob 31,1) Ich aber nicht. Das konnte es nicht gewesen sein. Ich hatte aber einen bösen Blick gehabt. Der Frevel eines verstiegenen Gedankens in Form einer Ansicht. Sowas wird abgestraft. Wenn man ihn nicht mit Vorsicht verschluckt, den Gedanken. "Hölle und Abgrund werden nimmer voll, und der Menschen Augen sind unersättlich" (Sprüche 27, 20) Rumms! "Aber nun hat mein Auge dich gesehen!" (Hiob 42,5) Die Obszönität einer 'Wahrheit' nämlich.
Sonntag war meontische Düsternis, ich sah gar nichts mehr. Ich wollte nun lieber doch nicht blind werden. Alfred Edel hatte mir mal erzählt, daß man gegen Arztangst am besten nur und gleich zum Apotheker geht. Die sind pharmazeutisch gebildet, als Verkäufer verkannt, infolgedessen ambitioniert und freundlich und prompt bei Notlagen. Es gibt keine Wartezimmer, und sie wenden kurz entschlossen probate Proben an. Und man braucht anschließend nicht auch noch in die Apotheke!
Die rechte Hand auf führender Schulter taperten wir sonntags zur entlegenen Notapotheke. Durch eine Türluke hörte ich der altgedienten Apothekersfrau Aufschrei: "In Gottes Namen!: Ab zum Notdienst! Aber sofort!" - "Wenn Sie das sagen", sagte ich kleinlaut, "dann tun wir das wohl besser." - "Aber ganz schnell!" Nu wurden wir hurtig.
Ich wurde eilends in eine Droschke bugsiert. Ich bedachte, wie ich zukünftig mit einem Blindenhund auskommen und wie er heißen und wie er wohl überhaupt aussehen würde und kam mir doof vor. "Wie sehen Mongoloide eigentlich in der Mongolei aus?" fragte ich Katrin. - "So wie du." Auch beim Taxifahrer kam Laune auf. Er erzählte den Blindenwitz mit dem Fallschirmspringer. Ich lachte am lautesten, obwohl ich ihn kannte, denn ich mußte lernen, die Behinderung zu bejahen, wenn ich mit ihr zusammenwohnen wollte.
Wir mußten jetzt entscheiden, ob wir in die 'Charité' oder in die Graefestraße fahren. Die Graefestraße ist ein Notbetrieb der Barfußärzte für Arme und Erniedrigte. Ich wollte 'Charité'. Wenn schon, dann Fachpersonal und große Apparatemedizin. Und die Graefe kann elend belegt sein, was, wenn man es nur hört und nicht sieht, dazu führt, daß man mehr sieht als zu hören ist.
Alles aussteigen: 'Charité'! Ich wurde durch undeutliches Badegemantel geführt und in einen Fahrstuhl geschoben. Ding dong und rechts um: in ein bohnerwächsernes Hin- und Hergerenne um mich herum. "Wo sind wir?" - "Augenabteilung, 17. Etage." Katrin lobte die herrliche Aussicht. Das ist ja prima für die gestochenen Stare! dachte ich glaukomisch. Die Gehörlosen werden sie wahrscheinlich im Keller untergebracht haben, die Kurzsichtigen in der 18. Nahkampfetage und die Weitsichtigen Parterre.
Nu kam man dran und kurz darauf ward alles wieder licht!
25. März 2009
Alles noch mehr in Ordnung!
Heute ereilte mich diese krisentherapeutische Sicht, von wem genau sie stammt weiß ich nicht, über den Kölner Opitz jedenfalls:
"Wer vor 18 Monaten 1.158,48 € in die Aktien der Commerzbank investiert hat, musste sich 18 Monate lang über fallende Kurse ärgern und hat heute noch 215,28 € übrig. Wer vor 18 Monaten 1.158,48 € in Krombacher Bier investiert hat, konnte: - 18 Monate lang jede Woche einen Kasten herrliches Pils genießen - war ständig heiter - hatte viel Spaß - hat den Regenwald gerettet - und hat heute noch.... (Achtung, jetzt kommt's)... Leergut im Wert 223,20 € !"
Eine andere Überlegung durch ähnlich messende Denkart bracht einmal der Künstler Tomas Schmit seinen Erfolg betreffend an:
„wieso verdiene ich eigentlich mehr als otto rehhagel?: o.r. verdient 2 000 000 und erfreut mit seiner arbeit 20 000 000, = 10 pf. pro erfreuter person; ich verdiene 20 000 und erfreue 200, = 100 dm pro erfreuter person. 1000 mal mehr: das ist ungerecht!“
Man müßte wissen, ob auch Otto Rehhagel die radikale Kleinschreibung verficht - dann wüßte man mehr!
17. März 2009
Die Dinge sind in Ordnung.
Soviel zur Ordnung der Dinge.
Und tatsächlich: Meine Gottesbeweise sind hier bei Zweitausendeins soeben frisch als Taschenbuch herausgekommen! Die ursprünglich zwei Teile in einen schönen Taschenbuchband gebunden, mit allen Abbildungen, in gewohnter Qualität: zu 6,90€ - ! Großartig!
Dann warfen zwei Verlage auch noch zwei neue Bücher von mir auf den Markt: Mischwald und Ortskunde. Brummende Währschaft also! Fabelhaft!
Und hier ein kleiner Naschköder aus den Gottesbeweisen:
"Angesichts des Hungers in der Welt hatte ich, der ich in meinem Leben auch nicht einen Tag keine Speise zu sich genommen hatte, mir vorgenommen, einmal zu fasten. Das hatte auch andere Gründe. Mich interessierte die Ekstase, das Hungerdelir, die Marienerscheinung. Als Auslaufmodell wollte man auch einmal seine Standhaltungskräfte messen. Freund Butzmann, der sich auskannte, führte mich etwas ein. Ich solle viel trinken, mahnte er. Zu Mittag Gemüse aufsetzen, auskochen, den Kochsud abgießen, das Gemüse fortwerfen, das Kochwasser trinken. Dann viel Kräutertee.
Ich hatte verstanden. Früh kochte ich eine Pampelmuse, schmiß die Pampelmuse fort und verkostete das Pampelmusenkochwasser. Mittags kochte ich Nudeln, warf sie fort und soff das Nudelwasser. Abends kochte ich drei ungeöffnete Flaschen Bier ab, warf sie weg und gurgelte die dünne Biersuppe. Das alles war sehr gut und ging erstaunlich einfach. Der erste Tag lief problemlos dahin, der zweite heiter und beschwingt daher, am dritten aber schlich ich schon verhungert wie ein spanischer Dorfköter an einem 'Butter-Lindner' vorbei. Und vorbei."
Alles weitere zum Buch und Buchkaufen hier bitte bei Zweitausendeins nachsehen.
Wunderbar! Alles in Ordnung!
12. März 2009
Vorcromagnon
Es gab mal einen deutschen Schriftsteller, der ein Buch mit dem Titel "Der Neger Erwin" gut verkaufte, und das Buch war auch gut! Heute sorgt der frauenfreundliche Titel "Der Neger Uschi" für gesenkte Stimmen in der Öffentlichkeit, und alle schauen, ob einer zuhört.
Wie schon öfter: damals und vor kurzem! - Man soll ja auch so was nicht sagen! - dürfen!
Und so was: „Volkswirtschaft ist die Lehre von der Notwendigkeit, daß der Mensch ein Auto braucht, um Geld zu verdienen, damit er sich ein Auto kaufen kann.“
Wer sagte das? - Ein früher Fernsehfitze: Robert Lembke!
Heute rate ich allen: Schafft den Fernseh ab! Geht reden miteinander! Lest! Hört feine Musik! Kümmert Euch um Kinder und Frau, um gutes Essen!
Und bleibt skeptisch! Und menschenlieb!
6. März 2009
Guck mal!
Da ich zu blöd oder zu unwillig bin, das Programm - oder besser gesagt: den Katarakt an Knöpfchendrückerei und Befehlserteilungen - zu packen (oder umgekehrt: das Programm zu blöd und unwillig?), welches hier auf meinen Seiten für Abbilder sorgen könnte, muß ich es mal einfach und etwa so machen:
http://www.zeit.de/online/2008/51/bg-kapielski
Dies bitte angucken!
27. Februar 2009
Bamberg war schon
Solche Geschichten erzählen Außerirdische ihren Kindern, damit sie BWL studieren. (K.D. Schacht)
Wenig später kam auch ich in den Genuß einer, wenn auch geringen, Vorstrafe, deren Ursache man ehrlich und freundlich mit 'Trunkenheit am Steuerformular' hätte umschreiben können, wo andere gleich einen "Betrug" unterstellen und noch andere das auch sofort glauben. Von mir aus! Sollen sie doch ihre Zwänge vollstrecken! Aber ich betrüge kein Amt! Ich bin nicht mal in der Lage, meine Mutter zu bescheißen! "Sie haben diese abartige Steuerveranlagung, nicht ich!" schrieb ich dem Finanzamt. Und: "Die Ihrem Schreiben beigefügte Zahlungsaufforderung sende ich zu meiner Entlastung zurück."
Ich habe dann überlegt, was man noch machen könnte, und schließlich mit Karte und Kompaß so qibla-mäßig mein Finanzamt geortet. Jetzt stoße ich in diese Richtung täglich mehrmals Flüche oder Fürbitten aus, in der Hoffnung, es möge irgendwie psychokinetisch, vektoriell usw. begütigend wirken. Scheint auch zu wirken. Denn es kam dann eigentlich nur noch die Schikane mit den Büchern.
Ich kaufe eben für viele, viele Markscheine Bücher im Jahr. Man bemüht sich, seinen Bildungspegel zu halten. Da sollte ich nun für mein hochinteressiertes Finanzamt plötzlich alle auflisten, mit Märchensteuer, Titelangabe, Jahr und Erscheinungsort, und für jedes Buch noch eine Begründung schreiben, warum ich nun gerade diesen betreffenden Band fachlich brauche und nicht nicht. Und das bei über dreihundert Bänden im Jahr! Spinnen die?
Zunächst reagiert man da sehr resigniert. Jetzt hatte ich zu dieser Zeit zufällig auch den 'Fragebogen' von Salomon gekauft und natürlich abzusetzen beabsichtigt; es geht in diesem Buch darum, daß der doch ziemlich schwarzbraungebrannte Autor nach dem Krieg diesen alliierten Persilschein machen und bestimmte brenzlige Fragebogen ausfüllen mußte, und da sind dann, weil er meinte, das geht nicht so einfach, siebenhundert Seiten draus geworden, weil er doch einiges genauer erklären mochte als sonst üblich.
Aha! dachte ich. Nicht schlecht! Und dann hat Rowohlt das auch noch gedruckt!
Ich dachte, so mache ich das auch! Es sind zwar nur etwa neuzig Seiten geworden. Aber dann war Ruhe.
19. Februar 2009
17b (Artifexes amant humores.)
Der Betrieb lief weiter, weil es anders nicht mehr ging. Ich mußte doch meine Miete bezahlen, und der Laden lief klappernd zwar, doch einträglich dahin. Und mein Alter! Ich kann doch nicht schon wieder von vorne anfangen und umschulen! Ich hatte mit viel Mühe eine Firma mit den Abteilungen Musik, Fotografie, Kunst, Literatur, Presse und Sonstiges in Schwung gebracht, und so stotterten sich die Gagen zusammen, und wenn eine Abteilung in Jahren der Dürre litt, dann brummte eben eine andere und mehrte den Ruhm des vielseitigen Auslaufmodels.
Das war trotz Sortenvielfalt und Kaufhaus im Grunde natürlich Einzelhandel. Das war der Einzige und sein Einzelhandel: eine kleinbourgeoise Wirtschaftsform mit allen Konsequenzen, die diese Seinsform für mein Bewußtsein hatte. Eine besorgte, ewig stiesige Kleinplackerei, die einen politisch auf Dauer in den Sozialneid, bei Konjunktur also in die Reihen der Wirtschaftsliberalen und bei Flaute in die der Deutschrationalen trieb. Außerdem führten die ständigen Nützlichkeitsgedanken dazu, daß man immer stärker bemerkte, wie unnütz man war.
Andererseits war mein Ehrgeiz in den Jahren gemäßigter geworden, und die gleichbleibende Glückseligkeit der Vollkommenheit im Absoluten rührte mich inzwischen ebensowenig wie ich sie.
Aber es mußte je nach Bedarf und Marktlage immer mal wieder ein Werk geschaffen werden. Wenn der Markt nach 'Radierungen' brüllte, ja, mein Gott!, dann kaufen wir eben einen Radiergummi! Und dann schraffelt man eine Zeichnung, etwas entschieden unklar Bedeutungsvolles auf Nachfrage. Die Sache ist im Prinzip einfach: Man mußte sich was Neckisches ausdenken, es umsetzen, und das warf dann fünfhundert Mark ab. Davon ging die Hälfte der Motivation auf den Galeristen. Und die neckische Abschlußbemerkung "Das Beste an dieser Zeichnung ist, daß sie fertig ist!" gab dem Werk einen Schuß Tabasco, den die Sammler so mögen. Sie wollen immer ein wenig verarscht und gequält werden. So sind die.
8. Februar 2009
Noch schlimmer 15
Die Redner Till und Glasmeier, auf halber Treppe, frühstückssatt, nüchtern und ausgeschlafen, grinsten breit. Ein paar harmlos angesoffene Vorkommnisse bei Verni- oder Finissagen sind immer genehm im Kunstmilieu. Wir wurden auch tüchtig geblitzt.
So! "Meine lieben, sehr verehrten Gäste und Gästinnen! Lieber Wilhelm Schulze!" Es begrüßte nun als erste offiziell die Hausdame Köhl, die als wahrscheinlich Zuerstgekommene unten zwischen den Stellwänden, wohl bereits eine Stunde lang, im roten Kostüm als köstlich-bayerisches Schrapnell zwischen meinen Ölschinken und Klorollenriffs herumgefuhrwerkt war, um ihre Kundschaft über die gedehnte Zeit bei Laune zu halten, während der ich mit Petersen in Weißbierspelunken Kellnerinnenärsche betrachtet hatte, und die nun aber grimmig in den Startlöchern pressierte, ihre Ansprache zu halten, während oben auf der Empore noch immer keine ruhige Aufstellung zustande gekommen war. Dann gings aber irgendwie doch endlich los.
Es hatte sich um die Köhl eine gehörige Vortragszone gebildet; dieser merkwürdig automatische Ausdifferenzierungsgraben zwischen Redner und Publikum. Von oben konnte man es gut beobachten. Jetzt konnte man auch sehen, Frau Köhl hatte sich fein gemacht; nicht mehr die Wendeltreppenhose aus Helanca, sondern das rote Kostüm. Dann ging sie's herzhaft an, fing aber auch merkwürdig an rumzudrucksen, weit auszuholen. Ihre Ansprache flog in weiten Bögen auf ein noch diesiges Ziel zu. Ich dachte, was will die bloß da unten, ich will jedenfalls so schnell wie möglich wieder zurück zu Senftöpfchen, Bier trinken.
Nix da! Die Köhl schlüpfte nach ihren drei Begrüßungsrunden auf einmal rhetorisch meuchlings in ihre Nebenrolle als Turmputzfrau, erklärte, sie habe gestern und heute morgen hier gefegt und sich das Kapielskische Werk nochmal aus der Warte einer einfachen Putzfrau angeschaut und sei nun, vermittelst solcher brechtscher street credibility, in der Lage, das Ganze erst so recht zu beurteilen. Und da fände sie das alles nun, die Kunst hier, von Herrn Kapielski, so gesehen, ä, doch ziemlich scheiße!
Rumms! Da fiel die Tante um! Ich dachte, holla! Jetzt wird's komisch! Jetzt haut's dich vom Geländer! Manche guckten auch komisch. Sahen verstohlen hoch auf die Empore, allerdings irrtümlicherweise zu Petersen hin, der satt gluckste und sowieso nicht recht mitbekam, worum es eigentlich ging.
Nochmal Rumms! Diese Ausstellung gefällt Frau Köhl nicht! Die Verblüffung sorgte für allgemeine Ruhe und Konzentration. Wann erlebt man so was schon mal? Allerdings blieb nun die Stimmung, in Anbetracht der Güte und Einzigartigkeit eines solchen Vorfalls, wiederum auffällig gelassen. Es hatten wohl alle richtig mitbekommen, was die Köhl da tat, aber man entschloß sich, kollektiv erst mal so zu tun, als sei nichts Besonderes.
Dabei hatte die Schlacht am Isartor begonnen! Nach rhetorischem Geplänkel fuhr die rüstige Burgfrau Köhl nun fort, umständlich aber tapfer wie folgt dreinzuschlagen: Es kamen zunächst, wie in schiefer Schlachtordnung, allerhand abwegige Gründe, warum sie es schlecht fand: für ihren Geschmack zu dumpfe Kalauer, ordinäre Geschmacklosigkeiten. Damit haute sie auf die Flanken und versuchte im Galopp meinem völlig konsternierten Gesamtwerk ausgerechnet auf seinem rechten Flügel in den Rücken zu fallen. Dies wäre ihr auch gelungen, wäre sie nicht insgesamt noch zu zögerlich geblieben, zu zaghaft polemisch.
Dann warf sie andere Gründe gegen die Hauptmasse meiner Ausstellung, die ich vergessen habe, die auch blöd waren, was auch das Publikum merkte, weswegen sie sich barmten und spürbar Beileid anhäuften; sie hatten schließlich eine Stunde lang zwischen all den gutartigen Sachen gestanden und waren sich sicher: Mein Gott, es gibt Schlimmeres! Man konnte es ja direkt sehen! Die 'Kleine, weiße Friedensschraube' zum Beispiel. Das konnte doch nichts Schlechtes sein!
Allein, die Köhl blieb mannhaft und warf nun die Garde ins Gefecht und drosch mit Meister Valentin in einer finalen Exempelschlacht mit 'Engländern' und 'Kaminkehrern bei Nacht' wider die Kapielskischen 'Klorollenriffe' und 'Mostrichten Senften'; während ich, für die Verhältnisse offener Feldschlachten taktisch oben allemal besser postiert, nicht mehr zu tun vermochte, als von meiner Anhöhe herunterzuschmunzeln und meine falsche Gastherrin dabei in Gedanken mit MG-Feuer zu belegen.
Ich fluchte innerlich: "Du Dregsau, du godfarreggte! Gruzefix no amoi! Di wenn i dawisch! Saggrament Alleluja! Meine Rede kommt noch! Du varreggte!"
Jetzt wußten alle, hier ist Krieg, und guckten endlich richtig komisch. Und immer mal hoch zu mir; denn die Köhl hatte inzwischen mit dem Piekefinger klargestellt, daß nicht Petersen, sondern ich das Arschloch war! O Gott! Es war wie bei einer Beerdigung, wo sich nach langen Umschweifen plötzlich ein Trauergast immer mehr in eine Schmäh- und Famosrede hineinzürnt, was doch der Verstorbene für ein Lumpenhund und Erzschurke gewesen! Alle guckten betreten. Und die Leiche war anwesend, stand oben nackt und mit roter Omme auf der Empore neben einem unbekümmert dicken Besoffenen mit einer zu groß geratenen Zeichenmappe unterm Arm und starb gedehnt unter Schmerzen!
Nun wäre das alles auch für mich amüsant gewesen, wenn ich irgendwo hinten etwas bedeckter an einem Bierstand der Schlacht gegen mein Lebenswerk, naufragio ex terra sozusagen, hätte folgen können. So steckte ich aber ziemlich doof dort oben fest und mußte lächelnd abwarten, bis ich der Dame in den Steiß treten durfte. Es waren mir gottlob schon auf diversen Bühnen die Bierdosen um die Ohren geflogen, und so feixte ich professionell, selber Mann aus der Schmunzel- und Hämebranche, angesoffen ins Volk runter, machte Faxen und drohte der Köhl, die aber meinen Blick mied, mit der Faust, so daß sie es unten alle auch fast schon für eine Absicht halten konnten, für eine abgekartete Liesel-Köhlstadt-Karlpelski-Performancenummer zur Erbauung des schwank- und sketchsüchtigen Publikums. Und eigentlich war das auch so.
4. Februar 2009
Schlimmer noch 14
Man beruhigte sich insgesamt etwas. Einerseits aus Gründen der Gewöhnung an die gleichförmige Dauererotik der an sich austauschbaren Kurzröcke und Profisandaletten, mein Gott nochmal!, andererseits, weil hinten die Kaltmamsell das kolossale Bratenstück nun endgültig fertiggemacht und zu Ende tranchiert hatte, und auch nicht mehr, wie zuvor ungeniert geschehen und von uns entgeistert beobachtet, an Röhrenknochen Mark saugte.
Es kam nun, wie zum Zwecke verstärkter Normalisierung, auch anderes Lodenvolk noch herein, las gemäßigte Süddeutsche Zeitungen und soff seine etwas arg frühen Weißbiere, während Petersen seine hausgemachten Sonnensterne vorführte. "Sind die echt?" Er machte "Höhö!" und ich dachte "O je!", als ich auf einmal hochschreckte! 11 Uhr 12! Wir hatten die Ausstellung vergessen! Überstürzt stürmten wir aufs Valentintor zu, zwängten uns und die Mappe dort hinein und bugsierten uns gegenseitig hinauf in das Ausstellungsrondell. Wenn wir nur gekonnt hätten!
Man kam gar nicht mehr rein! Wir waren zu spät, die Gänge verstopft, alles voll. Ich mußte also die Peinlichkeit begehen und mich, immer wieder auf eine gewisse Frau Köhl berufend, als der betreffende Künstler ausgeben, der unbedingt an seinen Platz nach ganz vorn gelangen müsse, damit es losgehen könne. Dazu noch den wankenden Petersen, mit der unglaublichen Begründung, dies sei mein Galerist, vor mir herschieben! Wir wirkten insgesamt so bohemehaft derangiert, daß sie es schluckten und, so gut sie konnten, Schneisen bildeten.
Nachdem man irgendwo oben angekommen war, mußte man eine neuerliche Wendeltreppe nach unten nehmen und quetschte sich endlich in den betreffenden Ausstellungskessel, also von oben auf eine Empore, wovon dann die Treppe an der Wand entlang ins eigentliche Geschehen hinabführte. Auf dieser Empore war Schluß, kein Durchkommen mehr. Untergehakt, Petersen besoffen und ich, sagen wir angeschmort und desorientiert, schlingerten wir nun sehr exponiert auf dieser Empore herum, während man uns von unten aufmerksam und interessiert betrachtete. Der Laden war voll; die Treppe war voll, und wir Künstler waren nun auch endlich da. Um irgendwie unterzutauchen, hätte man runter und sich zwischen die Menschen ducken müssen. Dies ging leider nicht.
Unten standen schon allerhand Hirsel herum, eine gediegene Lokalprominenz, die alte Valentinsgarde und dazwischen ein paar zornige Kunststudenten und vereinzelte Brotbeuteltypen; wohl die jüngere Thomasgarde. Wir grinsten aus Not von oben angesoffen und leutselig ins Fußvolk hinunter, und sie guckten nun alle hoch, zeigten verstohlen auf Petersen und "Ah, das muß er sein! Der Künstler!" Sie hatten sich auf Petersen fixiert; ich wußte in dieser Situation nicht, ob ich froh oder beleidigt sein sollte, daß sie mein Lebenswerk dem Petersen zutrauten!
25. Januar 2009
Kunst ist schlimmer - 13
Wir wurden ums Eck auf den 'Braunauer Hof' hingepustet. Darinnen glomm schon ein Lichtlein. Das 'Schmalznudelcafé Frischhut', welches auch sehr früh bereit steht, war uns zu suspekt gewesen; wir wollten Bier und keinen Schmalznudelkaffee. Der 'Braunauer Hof' war zum Glück schon aufgesperrt, aber noch nicht ganz aufgestanden. Die Stühle standen noch Kopf, und ein Braunauer Faktotum fegte sich durchs Phlogiston der ausgekühlten gestrigen Ascher, und es wurden mit rotkarierten Trachtenhalstüchern ausgelegte Bretzelkörbchen mit Bretzeln verteilt.
"Servus!" Eine gut gelaunte Servierkraft kellnerte herbei und rumms!, da saßen wir zween schon vor zwo Halben, und unsere Stielaugen schmiegten sich entgeistert an den Strumpfgummis dieser frivolen Morgenerscheinung in Form einer wirklich gut aussehenden Frühstückskellnerin fest! Sie hatte einen verschlagenen Kurzrock an und vorn die knappe Schürze um, die der Fachmann 'Punzendeckel' nennt. Und sie trug diese merkwürdigen, professionellen, gleichsam sehr offenen und geschlossenen, auch zwischen Erotik und Asexualität unentschiedenen Kellnerinnensandalen, die wir jetzt eher reizend fanden.
Jes pustete sein Standardbekenntnis heraus: "Ein scharfes Ding!" und schnappte Luft: "Håch!" So besingt er bekanntlich die Damen. Eine, im nachhinein besehen - ich war nochmal nüchtern da -, etwas übertriebene Begeisterung, die sich einer gewissen besoffenen Unausgeschlafenheit verdanken mochte; aber sie verursachte nun eine akute Morgenerektion (welche als Dauerreflektion, wie Schelsky behauptet, vielleicht sogar institutionalisierbar wäre) mit Gefühlen von Trockenheit im Mund: "Håch, Kapielski! Die Tzunge wie Auslegeware!"
Um es also fassen zu können, mußte fortlaufend bestellt werden, Biere, alle einzeln, Bretzeln, Weißwürste, 'Schwarze Weiße', alles extra, damit sie, das vermeintlich scharfe Ding, immer wieder mal vorbeiturnen mußte, damit wir an ihrer Silhouette lutschen konnten. O mei!
"Frollein! Wir brauchen noch 'Süßen Senf'!"
Da kam sie dann unverfroren angewackelt, auf feistem Tablett ein Mostrichtöpfchen mit Zipfelmütze, daran seitlich, wie eine Hutfeder, in aufrechter Stellung ein Löffelstiel.
Wir frohlockten bescheuert: "Ah!" und "Oh!: Der 'Süße Senf'!"
Und sie machte den Blödsinn mit und stellte dies triebhafte Senftöpfchen exakt auf die wohl ziemlich vulgärste Stelle dieses ohnehin schweinischen Wirtshaustisches, schenkte uns ein filmreifes "Hallöchen", drehte uns den Hintern zu und wackelte wieder ab, während wir mit stieren Blicken ihr unsere Halben hinterhersaugten und ihren Arsch betrachteten, wie er ungeniert in die Küche davonschwabbte, allwo gerade eine gebeugte, alte Kaltmamsell mit ungeheuerlichen Axthieben einen titanischen Schweinsbraten zerlegte.
19. Januar 2009
Kunst ist schlimmer noch - 12
Am nächsten Vormittag war die Ausstellungseröffnung auf elf Uhr elf avisiert. Jetzt hielt Jes Petersen es aber erstmal für passend, ein schnelles Bier unten irgendwo einzunehmen: Die erste Pflicht der Musensöhne / ist, daß man sich ans Bier gewöhne! Man sei schließlich nicht alle Tage in München!
"Na gut. Laß dein Zeug hier, wir gehen los!"
Er stellte seinen Koffer ab, weigerte sich aber eisern, diese komische, drei Quadratmeter große Zeichenmappe aus der Hand zu geben. Es seien drei exzellente Blätter von Schröder-Sonnenstern drin, die er an einen Sammler nachher verkaufen müsse, weil er sonst nicht mehr zurück nach Berlin käme. Er hatte keine zwanzig Mark mehr in seiner Brieftasche, die mal hundertachtzig gekostet hatte, und ich dachte, wem will er in diesem verquollenen Zustand diese Blätter andrehen?
"Ach, das krieg ich schon hin! Erstma 'n Bier! Und pump mir mal fürs erste fünf Blaue!"
"Fünfhundert!?" Ich zählte schon mal meine Schecks durch und das gestern zerknüllte Bare.
"Nur fürs erste, Kapielski!" -
"Bier oder was?"
"Höhö!"
Nun war ich auch eher arm, aber na schön, hundert gingen, denn: wer zwei Anzüge hat, gebe demjenigen einen ab, der nur einen hat, damit auch er zwei habe! Und wankender Abgang. Wir wackelten am entsetzten Nachtportier vorbei und schoben untergehakt in die sieben Uhr frühe zweite Nachtschicht.
Es war nun, neckisch, wie es der liebe Herrgott liebt, ein richtungsloser, früher Wintersturm im Gange. Wir segelten mit der Schröder-Sonnenfinsternispappe über den eisigen Viktualienmarkt auf der Pirsch nach Gaststätten für Frühabusus. Wo der Wind sie hingetragen, ja, das weiß kein Mensch zu sagen! Petersens Adipositas und folglichem Gravitationsreichtum war es jedenfalls zu verdanken, daß wir und seine Mappe nicht fortgeblasen wurden. Wir sahen gut aus! Eine zerzauste, unter Außenklüver segelnde Laokoongruppe mit Mappe anstatt Schlange! Wir waren jetzt zwei wirklich filmreife Valentintypen und untergehakte Spitzwegeriche; ein Dick & Durstig- Team, der eine besoffen, der andere verkatert.
11. Januar 2009
Kunst ist schlimmer - als?
Also früh sieben Uhr, ich liege etwas erschöpft im 'Blauen Bock'. Sie legen einen nämlich immer in den 'Blauen Bock', wenn man mit dem 'Münchner Stadtmuseum' zu tun hat; eine hessische Lachnummer: "Wo wohnst du in München?" - "Im 'Blauen Bock', höhö!" Und dort dampfte ich nun in Einzelzimmer dreiundzwanzig meine Oktoberfestbembel vom Vortag aus und pißte gerade ins Waschbecken oder stellte wieder Benfordsche Vermutungen zur Zimmernummer auf, als es mit einmal um sieben Uhr früh entschlossen gegen meine Blaue Bocktür donnerte. Nein, um Viertel vor sieben hatte erst mal das Telefon geklingelt, drei kurz, drei lang. Leckt mich am Arsch! Das wurde ignoriert! Dann, viertel Stunde später, neunmal mächtiger Donnerschall und 'SOS' an Zimmerpforte dreiundzwanzig. Ich dachte: "Scheiße!" Vielleicht ist die Köhl von der Wendeltreppe gefallen oder der Turm ist umgekippt oder der 'Blaue Bock' brennt oder die Ausstellung fällt wegen Windpocken aus - da ist es also ein Notfall, und da mußt du in jedem Fall aufsperren!
Dann fiel mir noch ein, dieser Samuel Morse mit seinen komischen Morsezeichen, das war ja an sich und von Profession ein echter Kunstmaler gewesen! Weiß kaum jemand! Es mußte also draußen ein Klopfer sein, der was mit Kunst zu tun hatte und nautisch beschlagen war. Gehste doch mal gucken!
Nanu!? - Ein großer, dicker Mann stand vor der Tür! (Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht!) Und, ich erinnerte auf einmal: so etwas wurde mir gestern abend im 'Paulaner' vom Nebentische her verheißen! Dort hatte uns ein anderer Berliner, wovon es übrigens reichlich gab, während eines Gedankenaustauschs über drei Tische hinweg brüllend befragt, ob wir einen Satz mit "Etna" und "Vesuv" wüßten. Tiefsinniges vermutend, verneinten wir unverzüglich; woraufhin der andere Berliner nun seinen Satz mit den Vulkanen herüberröhrte: "Jejen etna halb sieben kommt euer Onkel zu Vesuv!" Und da war er nun, der Besuv!
"Guten Morgen, Kapielski!" Und ich so bedröhnt und wieder nicht richtig ausgeschlafen, also: "Wer sind Sie denn?" Doch wohl nicht etna der Kais. Kö. Hof-Pauker Hudler Anton? - Nein. Vor mir stand, es war nun klar, gegen etna halb sieben, wankend und frohsinnig und mit einer absurd großen Mappe für Zeichnungen unterm Arm, der Freund und Galerist Jes Petersen aus Berlin und trug mir, auf mein "Komm rein!", freudig die Fahne entgegen. Er war Donnersberger Brücke, mit diesem gleichen, fürchterlichen 'IC-SchlafanZug' aus Berlin, angekommen, durch den Frost unter Mühen bis zum 'Blauen Bock' ("Hähä!") vorgedrungen und schlug vor, gleich irgendwo ein Bier zu trinken, um uns gemeinsam etwas aufzukäschern. Zu diesem Zwecke hatte er auch schon während der Fahrt einiges an Rotwein einnehmen müssen, "sonst wär's furchtbar geworden", wobei er offensichtlich die nachteiligen Ermüdungserscheinungen längeren Weingenusses mit den Erfrischungseffekten des Cocas unter dem pliniusschen Künstlermotto "Nulla dies sine linea" ausbalanciert hatte. Und umgekehrt den unnötig zährenden Furor des Pulvers mit den Trümpfen des Lyäus in Schach hielt. Die Kampfspuren waren an seiner stark mehlgestäubten, weinrot pulloverten Bauchpartie sowie überhaupt an seinen ziemlich teigigen Gesichtszügen abzulesen. Ich warnte ihn fürsorglich: "Jes! Für sowas kommt man später noch mal ins Gefängnis! Das sag ich dir!" - "Ach i wo!"
6. Januar 2009
Vom Sozialpädagogentum
All unseren Volkssanitätern und Fürsorgebeamten lege ich nahe, Immanuel Kants "Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis" von 1793 zu bedenken. Da lese ich im zweiten Kapitel, zum Staatsrecht:
„Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d.i. eine väterliche Regierung (imperium paternale), wo also die Untertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind, um, wie sie glücklich sein sollen, bloß von dem Urteile des Staatsoberhaupts, und, daß dieser es auch wolle, bloß von seiner Gütigkeit zu erwarten: ist der größte denkbare Despotismus (Verfassung, die alle Freiheit der Untertanen, die alsdann gar keine Rechte haben, aufhebt)."
Es gilt allein, so Kant, solches zu beachten:
"Die Freiheit als Mensch, deren Prinzip für die Konstitution eines gemeinen Wesens ich in der Formel ausdrücke: Niemand kann mich zwingen, auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit anderer, einem ähnlichen Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, (d.i. diesem Rechte des andern) nicht Abbruch tut."
26. Dezember 2008
Kunst 10
Und nun ging es nach getaner Arbeit zur Belohnung erstmal mit Freund Glasmeier in den 'Straubinger Hof' zum Kalbsnierenbraten, und dann folgte, da der Berg rief, auf meinen besonderen Wunsch, der Aufstieg zum Nockherberg, Glasmeier immer überall das Kännchen vor Augen und ich die Maß Starköl, jedem das seine Gefäß.
Zur Bedienung sagte man schlicht: "Kommen!"
"Warum das?"
"'Bitte' würde nur irritieren", ließ ein Gamspinsel am Nebentisch verlauten. Vor ihm stand seit Stunden ein unberührter Schweinebraten.
Gegenfrage: "Warum essen Sie den nicht?"
"Zu weit weg." - Ein gelungener Abend!
Es folgten Gaudi der Kategorie "mords"! Es wurden jetzt die Lederhosen hochgekrempelt! Man ließ sich richtig gehen, versackte als Berlintourist unter anderen Japanern und Amerikanern schön dumpf in diesem mit Bläsern arrangiertem Schwachsinnsmodder und Starkbierqualm und bestieg Stühle, um dem eigenen Gesang mehr Gehör zu verschaffen. Unfaßbarer Schwachsinn wurde gegrölt. (vgl. "Linguistische und blasphemische Aspekte der bayerischen Mikturition und amerikanischer Toilettenkritzeleien", in: Maledicta. The International Journal of Verbal Aggression, Band 12, 1996)
Irgendwann kam Glasmeier da formal wie inhaltlich nicht mehr mit. Ich machte den armen Glasmeier ziemlich verrückt. Er wich mir aber nicht von der Seite und sprach irgendwann resigniert: "Kapielski, tu doch was du willst!"
Daraufhin sagte ich: "Ick will garnich tun, wat ick will! Ick wär zufrieden, wenn ick immer wollen würde, wat ick tue!" Eine für meinen Aggregatszustand schon sehr erstaunliche Innenbeleuchtung!
Und irgendwie mußten wir doch noch in den 'Blauen Bock' gelangt sein, denn am nächsten Morgen lag ich im 'Blauen Bock'!
19. Dezember 2008
KisaH 9
So packten wir das Kapielskische Gesamtwerk wacker an den Luftpolsterfolien, die man so schön knacken kann, und knackten auch, knack! knack!, immer wieder mal ausgelassen so ein Bläschen, während wir, knick knack!, alles schön gleichmäßig in der Rotunde verteilten, wodurch es sogar ein wenig an Tübkes Frankenhausener Bauernkriegskessel am Kyffhäuser erinnerte und entfernt auch durchaus an die römische Minerva Medica! Eben das Runde so, und Baumgarten wieder.
Die Köhl machte ihre viertelstündlichen Kontrollflüge, apportierte die Kaffeenachschübe für Glasmeier, kippte dem Glasmeier auch mal beschwingt die Stummel aus der vollen Thunfischbüchse in eine Sammelstofftüte, pinselte sie mit einem speziellen Aschenbecherputzpinsel sauber und brauste wieder davon.
Jetzt hatte ich schon mal alle Kunst so im Rundbau verteilt, daß eben alles schön gleichmäßig verteilt war. Das macht man so. Man hängt nicht alles in eine Ecke, und der Rest bleibt frei. Das sieht nicht aus. Oder aber man hängt alles in eine Ecke und nennt die Ausstellung 'Alles in die Ecke!' Ein ziemlich blöder Einfall; was nicht heißt, daß es nicht doch mal einer macht! In der modernen Kunst gibt es reichlich Verzweiflungsakte aus Mangel an guten Ideen. Man verteilt also doch besser alles gleichmäßig im Rund und braucht es dann trotzdem nicht 'Alles gleichmäßig verteilt' nennen, weil es der Normalfall und somit nicht weiter erwähnenswert ist. Ich muß allerdings hinzufügen, daß ich doch drauf und dran war, der Ausstellung den Titel 'Verlust der Ecke' zu geben. Auch weil ja die Feldherrenhalle, die versprochene, eine scharfe Ecke ist, nämlich Theatiner Ecke Residenz, und nun saß ich hier im Dampfkochtopf mit Schießscharten ohne Ecken.
Alles hing oder stand nun schön gleichmäßig verteilt. Man hatte diese plötzliche Übersicht, konnte hier und da was umrangieren und konnte im Turm im Kreis drumherumlaufen. So oft man wollte. Es waren viele Sachen, die ich Jahre nicht gesehen hatte, und da wurde es mir doch ziemlich klar, welch famoser Kerl ich einst gewesen war! Der frühe Kapielski hatte Klasse gehabt! O ha! Das war mir jetzt deutlich! Und die Neuheiten waren auch nicht übel! Ich kreiselte mich also in so ein Schwipsstadium des Größenwahns hinein, immer rum um Block, rum um die Schinken und Skulpturen, und dachte schon in Anbremsung eines völligen Irrtums: "Nun mach mal halblang, Kabolski!" Als Glasmeier nun, gottlob!, auch sehr begeistert tat. Allerdings mußte er das auch! Als Kurator. Er hing mit drin; da war nichts mehr zu machen. Und die Köhl hing auch mit drin. Da war jetzt nichts mehr zu stoppen. Man merkte nun aber bereits, daß umgekehrt proportional zu meiner Begeisterung über das Eigenwerk die Kontrollflüge der Köhl häufiger und gründlicher, ja, besorgter wurden. Als sie dann wieder in den anderen Turm rübergerauscht war, sagte Glasmeier, der da seit Stunden umständlich mit der Rahmung eines Fotos und natürlich mit Fluppen, Käffchen und dem Verzehr ausgezogener Knienudeln beschäftigt war: "Sowas hat die noch nie gesehen!" - "Ich fürchte auch." Na, sie sagte jedenfalls nichts, wog nur manchmal gedankenvoll die Dauerwelle und sah mich immer mal wieder verwundert an. Es war aber keineswegs das Stielauge des Entsetzens, eher besorgte Nachdenklichkeit eines Menschen, der die Welt über die Kategorien des gestandenen Valentinverwesers begreiflich zu machen und schwindelfrei zu betrachten bemüht war. Eben 'Kaminkehrer bei Nacht' und so, das war so ihr Wahrnehmungsapriori. Ansonsten paßte sie natürlich auf, daß wir ihre Burg nicht mit Installationen, Performances, Action Paintings, blauer Reiterei oder kurzen Hämmern kaputt machten. Wie es eben bei Herbergsmüttern üblich ist. Und auch sein muß! Sonst wird das alles nichts!
"Fertig!" Alles hing nun schön, hatte sein Namensschildchen mit Baujahr unten dran, und es gab auch den druckfrischen Katalog mit dem ein- und bedeutsamen Titel 'Nach Einbruch der Nüchternheit' in alsbald fortgebleichtem Schreckens-Rosa und in bedenklicher Auflage. "Komm Se doch mal mit aufn Bier, Frau Köhl!? Wir hams verdient! Und Sie hams och vadient!" - "Nein", die Köhl wollte jetzt nochmal durchwischen, war froh, daß es nun fertig war, und mußte noch den Rest für morgen besorgen; was so zu tun ist: Stühle hin, Aschenbecher her, Weingläser kopfüber in militärischer Aufstellung auf weiße Tischdecken und Vitrinen verschließen, Feuerlöscher aufstellen, Hammer wegräumen. Also: "Servus! Bis morgen."
13. Dezember 2008
Aufgehendes Idyll
Hier mal was zu gucken:
http://www.zeit.de/online/2008/51/bg-kapielski
11. Dezember 2008
Kunst ist schlimmer als Heimweh 8
Wir begrüßten nun die Frau Köhl. Ich fand sie gar nicht unsympathisch: gestandene Frau, freundlich, Temperament, große Münchenkennerin und Münchenmenschenkennerin, wußte natürlich alles über Valentin, über Weiß Ferdl und die alle, kannte jeden Brezelkorb, jede Arschritze von München. Sie machte auch einen irgendwie praktischen Eindruck - beim Fastnachtstanz der Marktweiber auf dem Viktualienmarkt wäre sie allemal durchgegangen -, und sie war eben eine quadratisch gute Dame und gar nicht so, wie die allumherpömpsenden Galerie- und Museeums-Ischen sonst überall.
Jeder begrüßte nun jeden, man strahlte blödsinnig der Reihe nach in alle neuen Gesichter, und dann wetzten wir im Gänsemarsch der Köhl durchs ganze Burginnere hinterher und stiegen schließlich hoch in dieses 'Bräustüberl' zur Weißwurst, wo beim Weißbier alles wie unter Roßhändlern per Handschlag besiegelt wurde. Wobei mir schon auffiel, daß Till und Glasmeier sie wie ein rohes Ei behandelten. An der Dame war kein Vorbeikommen, sie gehörte zum Inventar, sie mußte bei Laune gehalten werden. Na gut. Warum keine Dame nicht bei Laune halten!?
Paar Monate später erneute, nunmehr hochamtliche Reise nach München, zum Aufbau, zur Eröffnung. Olle Glasmeier wieder dabei. Die Kunsttransporte draußen im Möbelwagen, wir im 'ICE' am Fensterplatz im Auslug nach zufällig vorbeirauschenden Möbeltransportern: "Da! Das muß er sein!" - "Ach, i wo, der is viel zu klein!" Wie im Kinderfilm. Dann alles au point zum Doppelturm, alte Ausstellung raus, neue rein. Tschechische Karikaturen raus, Kapielskis Lebenswerk rein! Madame Köhl, die Turmherrin, kam runter, zack, und wieder hoch. Und wieder runter. Unglaublich! Dadurch, daß sie nun Jahrzehnte durch diese Türme gefegt war, hatte sie eine unfaßbare Behendigkeit im Besteigen dieser wirren Wendeltreppen und war an allen Orten zur gleichen Zeit.
So. Jetzt fummelten Glasmeier und ich da an diesen ausgeschäumten Stückgütern rum, knoteten dort ein Schnürchen auf und hier eins zu, zack!, war sie wieder da, mit Schmalzgebäck und Thermoskanne, sprach ein paar unverwüstliche Münchener Aufmunterungsquisquilien, irgendeinen strahlenden Wiesenschmus, eine "Bei uns hat noch nie koana koan Durst net leiden müssen!"-Formel und entschwand unmittelbar darauf in einem der Treppengewinde und preschte von hinnen.
Ich hatte ja nun schon meinen beinahe tödlichen Kaffeekollaps im Krankenhaus zu Schleiz hinter mich gebracht und mied das Gift, aber Glasmeier soff die Liter dieses Hausmokkas in unfaßbaren Mengen, fraß auch das Fettgebäck schön auf, damit gut Wetter mit Burgfrau Köhl werde, während ich mir hin und wieder ein Helles ins Gefries steckte und unter Absingen der FDJ-Hymne "Bau auf! Bau auf! Freie Deutsche Jugend: Bau auf!", lange Nägel mit kurzen Hämmern in runde Burgmauern trieb.
4. Dezember 2008
Kunst ist schlimmer als Heimweh 7
In einem der Türme, dem, von rechts gesehen, linken, war ein Scheibensegment für wechselnde Ausstellungen vorbehalten; da sollte sie nun stattfinden, die Ausstellung des Kapielskischen Gesamtwerks. Es standen dunkelrote Stellwände drin mit so komischen Kugelleuchten dran und oben, ringsum, hing solch bayrisches Wiesenlametta mit Geigen und Trompeten aus Pappmaché an der Wand; der übliche blauweiße Plunder, was alles sehr ungewöhnlich war, mich aber alles auch wieder nicht störte, weil dieser edelweiße Galeriemuff dann doch das Hinterletzte ist, und dies hier war wenigstens das Vorvorletzte.
Mit anderen Worten, mir gefiel das! Ich würde mich als Künstler der Herausforderung einer Ritterspelunke stellen müssen. Wann muß man das schon mal? Die Kuratoren waren beruhigt, denn Tomas Schmit, nehme ich mal an, auf seine sympathisch intransigente Art, oder irgendein wiederum aus anderen Gründen verstörter Immi Knödel oder was, die hätten das nicht mit sich machen lassen; die brauchen dann doch die weiße Wand, den neutralen Raum oder den Würdeschub der Museumslaura.
"Wie aber, bitte, soll ich Bilder an runde Wände nageln?" - Glasmeier beschwichtigte: "Mit langen!" - Kapielski staunte: "Hämmern?" - "Nein, Nägeln!" - Na jut.
27. November 2008
Kunst ist schlimmer als Heimweh 6
Nun, ich dachte, egal, die Frau Köhl macht mit oder nicht. Wenn nicht, dann eben nicht. Das wird mir nichts anhaben, denn es muß nicht sein. Also: "Schaung ma a moi! - Dann seng ma's scho!"
Wie stellt man sich ein Museum vor? Viereckig ist ja nicht mehr selbstverständlich, aber auf Grund meiner eidetischen Vorarbeiten im Nachtzug war das nun doch ein Hammer Jubelbrand: so wie es nun war! Seltsam: Rien n'arrive ni comme on l'espère, ni comme on le craint. Mit anderen Worten: Hier, wie überhaupt, kam es anders als man glaubt! Nämlich rund. Das Musäum war rund! In zwei alten Stadttortürmen untergebracht; dazwischen lief überm eigentlichen Portal eine Brücke, von der man heißen Teer auf die nach München hereinquellenden Touristen gießen konnte. Es gibt zu diesem an sich tadellosen Stadttor nun aber längst keine Stadtmauer mehr. Das Tor steht völlig isoliert auf einer dämlichen Verkehrsinsel rum und kommt sich ziemlich blöd vor; oder Tore kommen sich wahrscheinlich eher töricht vor, während sich der blöde Verkehr drumrum leider gar nicht verkehrt vorkam, sondern dumpf und real drumherum hupte. Also mal wieder so ein verwackelter postmoderner Schnappschuß und stadtplanerischer Wolpertinger, das Ganze.
Innen waren die zwei dickleibigen Festungsröhren vollgestopft mit den ganzen blauweißen Valentingirlanden und Valentinsachen, den komischen bayrischen Bierideen und sonstigen Rummelpauken, und irgendwo rieselte wohl auch einem ausgestopften Sägefisch das Sägemehl aus dem Arschloch, während Schulklassen wie toll durch die Treppenschächte tobten. Alles ein wenig angegammelt, ein Kuriositätenkabinett für verregnete, langgezogene Sonntagsnachmittagsunternehmungen, und da quetschen sich dann die schweinswürstelgemästeten Mitteleuropäer und Bayernväter in Freizeitkleidung die Wendeltreppen der kleinwüchsigen Rittersleut auf und ab, und ganz oben gibt es die Weißwurst im 'Bräustüberl'. Da streben sie hin, die Ausflugsmeuten! Deswegen kommen sie in Strömen.
21. November 2008
Kunst ist schlimmer als Heimweh 5
Morgens, vor München, rückten sie alle wieder froh geduscht in Bademänteln und mit krankhaft ausgeschlafener Frühstückslaune nach vorn an ihre O-Säfte in den Frühstückswaggon, während wir, gottseidank!, gleich ungefrühstückt ausstiegen und durch die kalte Dunkelheit in das für uns reservierte Hotel eilten, wo ein Arbeitsfrühstück mit Wolfgang Till vom 'Münchner Stadtmuseum' stattfand.
Im Hotel! - Ich dachte, ich spinne! Hätten wir nicht gleich hier im Hotel schlafen können? Nun, auf amtlich-professioneller Ebene sind solche Aberwitze und Geisterbahnfahrten Geschäftsalltag, sofern man noch nicht die Klasse der Flugberechtigten erklommen hat. Man hatte natürlich, außer mir natürlich, gestern nachmittag in Berlin natürlich noch allerhand Hochwichtiges zu tun und mußte natürlich nachts reisen. Und Glasmeier soff den ganzen Tag seinen Mokka und konnte dann im Zug trotzdem schlafen; ein ungerechtes Wunder! Und mir hingen die Augenringe von kurz unter der Pudelmütze bis in den Rollkragen runter.
Also ein etwas malades Arbeitsfrühstück. Bild mit drei Herren: ich, der diesbezügliche bzw. anberaumte Künstler, duckte mich im Frühstücksraum matt über meine Schmelzkäseecke und schmierte sie unausgeschlafen aber gekonnt pastos in eine Semmelhälfte, während Glasmeier mit seinen berüchtigten Lachern das Hotel beschädigte und der Direktor des 'Münchner Stadtmuseums' und Vorgesetzte des 'Valentin-Musäums' Dr. Wolfgang Till vor Rührung heulte! Was damit zusammenhing, daß er seine Kontaktlinsen irgendwie falsch gespült hatte. So kam es mit ihm zu einer tränenreichen Übereinkunft, und dann wurde schon geraunt, wir müssen jetzt noch ins Valentin-Museum zur dortigen Abteilungsleiterin Frau Köhl, und ich dürfte in keinem Falle mehr "Valentin-Museum" sagen, sondern nur noch "Valentin-Musäum" und Valentin immer schön mit Vogelvau, und zwar nicht wie Vase, sondern wie Phase! Also "Phalentin-Musäääum"! Sie prüften mich ein paarmal, dann ging's los zur Köhl in den Turm.
Das schien irgendwie eine vitale Klippe zu sein, eine allerdings, sie beruhigten mich, zu vernachlässigende. "Das wird schon! Hauptsache: Phalentinmusäääum!" - "Ist in Ordnung!" - Aber so ganz einfach konnte es nicht sein mit der Schroffe Köhl, denn Glasmeier hatte, das wußte ich, mit ihr schon Karambolage gehabt, weil er früher mal, in seinem Valentin-Buch, das eherne Musäumskonzept gerempelt hatte und damit auf die Liste der Feinde der Freunde des 'Valentin-Musäums' und Rächer des 'ä' und Vogelvaus gelangt war, anstatt ein korrektes Phalentin-Büch zu schröiben.
12. November 2008
Kunst ist schlimmer als Heimweh 4
Im Winter, es muß erwähnt werden, weil es so arschkalt war und man sich uns beide die ganze Zeit über als Mantel und Pudelmütze vorstellen muß, reisten Glasmeier und ich in Mantel und Pudelmütze zu einer halbamtlichen Vorbesichtigung und Vorbesprechung mit Handschlag nach München. Ein komischer Nachtzug, ein 'CityNight'-Quatsch und eine neuerliche Zumutung mit Binnenmajuskel war es, womit wir über Nacht nach München reisten und wo alle widerwärtig die halbe Nacht in Bademänteln und Frotteeschluppen durch die Gänge in die Barwagen und Naßzellen wichtelten.
Ich konnte nicht eine Minute schlafen, versuchte es mit Bier, mit Baldrianpastillen, dann wieder Bier. Hatte keins mehr, zog mich also ordentlich an und drängelte mich mit der Pudelmütze zu einem Barwaggon vor, wo sie wieder alle ungeniert in ihren Schlafanzügen hockten und die Sauna raushängen ließen. Furchtbar.
Ich entschloß mich dann, die Schlaflosigkeit zu ertragen, und machte mir im Liegen Gedanken über Deutschland und die Zukunft seiner Eisenbahn, während Glasmeier tief und fest von Weinproben träumte. Nicht gut. Danach lieber über Ausstellungskonzeptionen und Hängetechniken. Danach über meine Bettnummer 124 und den neuerlichen Beweis auf die verblüffende Gültigkeit des 'Benfordschen Gesetzes', wonach niedrige Zahlen häufiger vorkommen als hohe. (Für Ziffer n gilt log(n+1) - log (n) wobei n=1 die höchste Wahrscheinlichkeit vor 2, 3 usw. bis 9 aufweist.) Danach über Geschlechtsverkehr und Oxytucine im weitesten Wirksinne. Danach über Hotels und Frühstücke im schlechthinnigen Sinne. So ertrug man den Scheiß. Man kann natürlich auch so formulieren: Das Geschickliche im Geschick ist, daß es sich in die je eigene Schickung schickt. Gerade auch während einer solchen unschicklichen Verschickung in Nachtzügen.
3. November 2008
Kunst ist schlimmer als Heimweh 3
Dazu zum Schluß noch ein Wort zum Schluß: Man muß nichts ewig machen! Mal abgesehen davon, daß es ja prinzipiell gar nicht geht. Und man soll auch nichts ewig machen. Es ist immer gut, Abschlüsse zu machen (sagte schon Mutti!). Und irgendwann macht sowieso mal jede Branche dicht. Da geht meinetwegen einer weit fort und vor Hunger und Durst in den Bergbau. Dann wird ein Leben lang beim Fressen und Saufen gemeckert, die Scheiße da unten, beschissene Maloche, der Staub, der Dreck, dat Dunkel. Dann kommen aber auch diese Kompensationstauben geflogen, der Brieftaubenmief und dann schunkeln sie gerne: "Solange unsre Tauben fliegen / zwischen Wuppertal und Siegen". Da ist man dann schon eingerichtet. Und wenn dieses ewig beklagte unterirdische Rumgekratze plötzlich eingestellt wird, machen die plötzlich einen 'Motorradkorso' (sic!), weil sie nun bitte doch lieber die Staublungen möchten.
Du liebes Bißchen! Muß sowas sein? Kann es keine dezente Verabschiedung geben? Eine Einsicht in den Fortlauf der Anfänge und Enden und daß auch mal Schluß sein muß? - Mit allem!? Also sagte ich zu Glasmeier prinzipienfest und geläutert: "Nein, ich hab mir das überlegt, ich mache diese Ausstellung also doch! Ich habe mir sogar ein paar neue Sachen ausgedacht! Ick trete wieder in die Künstlersozialkasse ein und dann kann's richtig losgehen!" Denn das mit dem Karl Valentin war äußerst schmeichelhaft, das war ja 'Pour le mérite', 'Friedensklasse', und es gab seit achtundsiebzig ein doch beachtliches Kapielskisches Früh- und Gesamtwerk, welches außer von Petersen in Berlin und Hundertmark in Köln so richtig üppig nie präsentiert worden war. Ein Künstler hat einen exhibitionistischen Drall und eine Sinnsucht. Und so wurden diese alten Schwärmer mit noch allerhand Neuheiten tatsächlich 1996 nach München verfrachtet, alles schön in Luftpolsterfolie, Schaumgummi und Pappkartons verpackt und mit fetzigen "Vorsicht Kunst!"-Klebern versehen.
Diese professionelle Verpackung gibt dem Zeug ein ungeheures Selbstvertrauen, tatsächlich mehr noch als die eigentliche Ausstellung. Dann gab es sogar noch eine hochkasko Vollversicherung. Wenn jemand das Zeug angesteckt oder mit Salzsäure überschüttet hätte, wäre ich zum skandalumwitterten Krösus mutiert! Man hatte schon Überlegungen diesbezüglich angestellt. Als der Kram wiederum vornehm verpackt und unversehrt zurückkam, habe ich nicht vermocht, ihn wieder auszupacken. Da schlägt ein Aspekt des Warenfetischs voll durch ins schier Erhabene, ins Schöne, ins schlicht Baumgärtnerische. (Es soll hier nun aber bloß keiner vermuten, daß ich dem "Verhüllen" etwas abgewinne!)
25. Oktober 2008
Kunst ist schlimmer als Heimweh 2
Dann war er damals auch schon mit dem Doktortitel versehen, und die Familie, das sind Verpflichtungen, da muß eine Berufung her, bevor die Dissertation anfängt zu schimmeln und Frau und Kinder verhungern. Und sowas muß eben erarbeitet werden. Da muß man dann als Kunsthistoriker doch eine Strecke lang ächzen und Vorworte schreiben wie besinnungslos und muß Ausstellungen anleiern, wie ein zirzensischer Tellerjongleur. Aus Sorge ums Leben wird man zum Curator, so ist das, und deshalb heißen sie so! Also, da kann man nicht mehr den ganzen Tag beim Rotwein Mozarteinspielungen von Harnoncourt dirigieren. Oder umgekehrt. Egal! Ich sehe das inzwischen auch ein und dirigiere nur noch Sonnabend und Montag jeweils einen Frühschoppen und einen Stammtisch, und zu Hause, im Anschluß daran, meist auch noch die Zauberflöte von Arnold Östman vor dem Korridorspiegel. Auf den verschleppten Höhepunkten solcher Sams- und Montagsabstürze schmettere ich dann auch schon mal, zum Schrecken meiner Topfpflanzen, einen dieser durchtankten Liederzyklen von Michael Schumacher oder wie der heißt. Und dann folgen, je nach dem, sehr beschämende Luftgitarren- oder Luftbratschensoli.
(Ich bin ein großer Freund der Bratscher und Bratscherinnen und mußte mich mal dienstlich mit Bratschenwitzen und diesen armen 'Tuttischweinen' befassen. Alle diese Witze waren gemein, außer der von Angelika Maisch, die selber Muckenharfe spielt und eine Variante zu einem Subdominantenwitz entwickelt hat. Nämlich: zwei Bratscher eines Tanzorchesters; fragt der eine: "Du, was ist eigentlich die Dominante von G?" - "Wieso? G ist doch die Dominante!")
"Also, Herr Kapielski, machen wir jetzt noch Kunst oder nicht?" Ganz eindeutig: "Jein!" Denn folgende Brenzligkeit galt es im Auge zu behalten, wie Hämorrhoiden, was auch gebückt nicht so einfach ist. Nämlich: Früher, wohlgemerkt, also vor Einbruch der Heikelkeit, früher war ich zu künstlerischem Behuf mit mehr Kraft und Einsatzfreude ausgestattet; die Dichtungen hielten mehr, weil ich damals sehr angefacht war von den Möglichkeiten freimütig erweiterter Theorieausstattung vermittelst Kunst. Fortsetzung der Grübelei mit anderen, möglichst aber unaufwendigen Mitteln. Weswegen mir die heiter durchdachten Kunststücke von Tomas Schmit selbstverständlich näher lagen als irgendwelche Schräglitze oder Filzmeister.
Und das lief dann bei mir eine Strecke lang auch wie geschmiert. Jeden Tag ein gutes Werk! Wenn dann auch etwas Ruhm und Rubel einen anwehen, die Freizeit zum Hobby wird und man sich fragt, ob man nicht auch mal so eine wichtige, schräge Filzsache bauen sollte, für Geld und Ruhm, dann ist es schon zu spät. So kam es dann mit meinen Kunststücken an eine Ekelgrenze. Also Edeka! Ende der Karriere! Feierabend! Ich konnte ab da irgendwann keine Kunst mehr sehen, weil sie einen eiteldummen und sehr ansteckenden Systemfehler mit sich rumschleppt, den nur wenige, meist dämonisch veranlagte Menschen, vermeiden und ganz wenige, divinatorisch begabte, überhaupt bemerken können. Das sind dann wahrhaft große Künstler; sie beziehen Kräfte aus der Vermeidung oder Verachtung dieser Kunstfehler. Da hat Dieter Roth sich achtbar dran abgearbeitet, und die Fluxusleute haben es sich etwas leichter gemacht, was auch sehr schwer ist! Ich brachte gegen Ende nicht mal mehr eine letzte ästhetische Drehung zustande, wie noch Timm Ulrichs mit dem Blindenhund; der dann wohl doch nicht ernst gemeint war: denn der Mann macht unbekümmert weiter.
Solche Kunstwerke, wie sie heute üblich sind, kann ich gar nicht fertigstellen. Dazu fehlen mir Könnerschaft und Unverschämtheit. Ich beließ es daher besser bei gelegentlichen Bierdeckelskizzen und kletterte doch lieber wieder kunstlos durch die Irrenhäuser Hegels, anstatt im Kreis durch doofe Galerien. Und ging auch lieber wieder richtig arbeiten. Ich wollte einfach austreten aus dem Verein. "Schluß! Aus! Bumm!" Es mußte eine dringende Kunstpause her. Oder die war einfach von alleine da. Man braucht ja bloß nichts mehr machen, da hat man seine Kunstpause!
22. Oktober 2008
Kunst ist schlimmer als Heimweh 1
Leicht kommt man an das Bildermalen, Doch schwer an Leute, die's bezahlen. (Wilhelm Busch, Maler Klecksel)
"Stimmt das?" "Nichts stimmt mehr!" "Stimmt!" (Dialog im 'Affen')
"Was stellst du dir unter Kommunikationsdesign vor?" Bernd Kramer: "Blaues Auge!"
Wenn Sport der Bruder der Arbeit ist, dann ist Kunst die Cousine der Arbeitslosigkeit.
1994 hatte ich groß angekündigt, nur noch Bücher schreiben zu wollen. Keine Kunst mehr! Schon im 'Aqua botulus' groß schwadroniert: Nie wieder Pinsel, Pinsel sind doof! Prompt kam die Offerte: Valentin-Museum in München! Glasmeier hatte das hochgekurbelt und irgendwo beiläufig, so von Fahrrad zu Fahrrad, verkündet, daß es jetzt einen langen Marsch des Kapielskischen Gesamtkunstwerkes auf die Kunst- und Feldherrenhallen in München geben würde! Und da dachte ich gleich, das wird doch nix! Da brauchst du also auch nicht gleich nein sagen und ihn enttäuschen! Sowas erledigt sich von alleine.
Dann natürlich doch so ein wenig am Bauche hervorgepinselte Empfindungen: Warum eigentlich nicht? Ist doch sehr schmeichelhaft so eine Werkausstellung zu Lebzeiten. Man hätte es auch mal verdient!
Außerdem hatte ich so etwas tatsächlich schon mal miterlebt, in München. Keine Werkausstellung zu Lebzeiten, das nicht, aber einen Marsch auf die Feldherrenhalle! Und das war als Wiederholung einer weltgeschichtlichen Tragödie weniger Farce als famos! Und geschah Ende 1995. Ich hatte gerade um die Ecke in der Residenzstraße Schnürsenkel bei 'Eduard Meier', dem feinsten und ältesten deutschen Schuhhaus der Welt, gekauft - die sind einzigartig, fünffach gezwirnt, gewachst und poliert, und dann gönnte ich mir noch so einen speziellen Hirschknochen, einen sogenannten Shoebone vom Vorderlauf der weiblichen Hirschkuh, den der Kenner zum Lederkratzer Rausrubbeln braucht -, und so laufe ich nun mit einem weiblichen Hirschknochen und zehn Paar Schnürsenkeln in der Plastiktüte mit dem Ziel 'Pfälzer Weinstuben' zum Odeonsplatz runter, da zottelten auf einmal tausend Kinder mit Laternen und vereinzelten Muttis dazwischen leibhaftig die Ludwigstraße runter und marschierten stracks auf diese Feld- und Kunstherrenhalle zu, wie weiland der Braunauer Aquarellist, aber aus anderen Gründen, nämlich "wegen St. Martin", wie eines der Gören und Elementargeister vermeldete, so daß mich sofort ein Mirum, ein numinoser Tremor ob solchen Irrwitzes anflog und ich mich deswegen in den Prozessionszug als wohlmeinender Rübezahl spontan mit einreihte.
Im Gegensatz zu Zwergen sind Riesen doof, und obgleich ich es nun hätte besser wissen müssen, dachte ich, na ja, Glasmeier, sowas lassen wir mal lieber. Valentin-Museum! Du meine Güte! Eine solche Jugendbewegung vermag ich nicht mehr auszulösen. Nun befand sich der Glasmeier aber damals in einer sehr ernsthaften Trockenperiode und à conto dessen war auch sein ganzes Familienleben am Rütteln und Schütteln, was bekanntlich die eigene Segmentierung oftmals gründlich umwälzt; wobei es ernst wird und man entweder versinkend zu Grunde geht oder der Sache sich versenkend derart auf den Grund geht, daß man bald wieder wohlauf und neu sortiert dem Leben ein erholtes "Guten Morgen, Erdball!" zuwerfen kann. Ja und dann pest man auch sehr früh schon am Tag frisch durch die Gegend und absolviert Pensen, die sonst nicht machbar sind.
16. Oktober 2007
Ludwig Gosewitz
Bei der Beerdigung Tomas Schmits im Herbst 2006 hielt Ludwig Gosewitz seinem Freund die Trauerrede. Und wir sahen uns dort zum letzten Mal. Ein Jahr später, am 2. Oktober 2007, starb er nun auch.
Die beiden, Schmiddy und Lugo, zähle ich zu den besten Künstlern, die irgendeine seltsame Fügung in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts stellte und überdies Freunde werden lies, und beide waren meine allerbesten Lehrer und zuzeiten Freunde.
Aus Ludwig Gosewitz, Gesammelte Texte, Rainer Verlag Berlin 1976, Lugo hat mir den Band 1988 mit Widmung geschenkt, schrieb ich dies ab, und es war ein schweres Abschreiben:
Zusein
Etwas muß zusein und leicht verschlossen, aber zum Aufmachen geeignet oder für immer zu. Etwas muß leicht sein oder zu oder für immer geeignet, aber zum Aufmachen muß etwas für immer zusein, und zu und geeignet muß etwas leicht verschlossen sein oder zum Leichtsein geeignet für immer zum Aufmachen leicht zusein, und etwas verschlossen, zum Zusein geeignet muß etwas immer zum Aufmachen sein, oder für immer verschlossen muß etwas leicht geeignet sein oder zum Leichtsein geeignet, aber immer zum Zusein verschlossen oder geeignet zum Aufmachen, aber immer zu und verschlossen muß etwas zum Geeignetsein sein oder zum Leichtsein verschlossen oder für immer zum Aufmachen und leicht zum Geeignetsein für immer verschlossen zum Aufmachen sein, oder für immer zum Zusein geeignet muß etwas leicht zum Aufmachen geeignet für immer zusein.
19. September 2007
Genscheit
Gestern schickt mir Zweitausendeins einen neuen Band der Werkausgabe Eckhard Henscheids ins Haus. Literaturkritik. Herrlich! Ein großartiges, nobles Projekt!
Ich wuchte das Stück auf den Tisch, hebe den Deckel und tauche gleich hinein. Die ersten zwei Texte machen schon alles klar. Ha! Alles wieder allerbestens. Und gescheit ist er, der Mann!
Ah! Personenregister: K, Ka und zwischen Kantereit und dem Quarkkopp Karasek - fehlt Kapielski! Kann er so gescheit gar nicht sein. Imhoff kennt er auch nicht! Jetzt schließe ich den Batzen erstmal beleidigt und betrachte ihn noch mal von außen. So neunhundertseitendick und doch fehlt was. Andererseits auch ganz gut, daß der grimme Oberpfalz niemals auf mir rumdrosch, der Prügelmeister. In dem ganzen Buch wimmelt es von Verdroschenen.
Vorne drauf auch eine Ruinenszene. Da drehe ich das Möbelstück mal um, ob man’s seinerseits verhauen könnte. Nanu! Was steht da? Da steht „Henscheid ist nämlich der Beste. Gescheiter geht’s nimmer.“ Von mir! Zitat Thomas Kapielski. So als Reklamefetz und drüber noch so eins vom original Greiner.
Seine Angelegenheit. Ich hingegen sacke zusammen. So was schreibst du einfach so? So ein zart rempelndes Banalsakrifizium. Doofer geht’s ja wohl nimmer. Und dann dieser emphatische Beste, von was? In was? Und wo soll ich so was überhaupt jemals geschrieben haben?
Daß ich Henscheid hochschätze und auch öffentlich, ist mir und keinem – außer ihm - nie entgangen, wo aber tat ich es dergestalt? Ich tat es einerseits in Aqua botulus (Wurstwasser, 1991), dort steht tatsächlich: „Gescheiter gehts nimmer.“ Recht zitiert und der Satz gilt auch Henscheid. Der auf dem Buchrücken der Werkausgabe prallende vorangehende Prunksatz aber steht im Sozialmanierismus von 2001 so: „Er ist nämlich der Beste!“ Mit gehobenem Zeigefinger, nicht Punkt, und Er bezieht sich auch auf Henscheid, aber der Satz ist zehn Jahre jünger als der folgende. Geschwinder geht’s nimmer! Und am besten geht’s wohl, wenn die Lektorenköpfe mit den Werbeabteilungen einen Werbeaustausch pflegen.
Und so stimmt denn am Ende doch alles – Henscheid her, gescheit hin! – und alle Welt kann jubilieren. (Und sich das tolle Buch holen!)
14. März 2007
Gesamtluftwerk
Am Samstag, 17.3.7, werde ich ab 19 Uhr mein aufblasbares Gesamtbuchwerk im Luftmuseum Amberg, Eichenforstgäßchen 12, aufpusten. Dann halte ich einen schönen Vortrag, der so lange dauert, bis die Luft, Stöpsel offen, wieder raus ist. Danach besuchen wir gemeinsam ANOs Teppichladen.  
21. November 2006
Bekanntgabe
Diese Seite bekam ich neulich vom Glücklichen Arbeitssamen Guillaume Paoli zugeschickt und sie birgt so mit das Hoffnungsfrohste, welches mir dies Jahr zuteil ward:
http://www.xcn.de
4. November 2006
No es facil de regalar un leon!
Wulf Teichmann. Den habe ich jetzt auch beerdigen müssen. Unser Stammtisch zog Übersetzer an, und, o weh! die sterben uns weg: erst die Brigitta von Restorff und nun Wulf. Mein Leibübersetzer ins Englische lebt gottlob noch: der Amerikaner und Preuße Steven Economides. (Hat mir gerade einen Text über den Lauf der Dinge von Fischli/Weiss übersetzt.)
Zwei Nachrufe sind kundzutun: Der von Barbara Kalender und Jörg Schröder; siehe dort: http://taz.de/blogs/schroederkalender/2006/11/03/in-memoriam-wulf-teichmann/
Dann der unseres Stammtischtheologen Bernd Gärtner; er ist ja gleichzeitig auch unser Grabredebevollmächtigter (allein deswegen muß ich vor ihm weichen!) und verfaßte diese Zeilen:
„Seit 1977 gibt es die Montagsrunde bei Hoeck, Exulanten vom Savignyplatz (ex Dicke Wirtin und Cony). Edeltrödler und 1 theologischer Antiquar, für die am Montag Wochenende war, Pharmareferenten und eben ein Trio von Übersetzern: Stephen Economides, Brigitta (von) Restorff, last not least Wulf Teichmann, der kam, wenn es ihm eben so früh am Tag schon gefiel - aber immer wieder. Gesprächsthemen von trivial bis metaphysisch. Nach und nach erfuhr ich Bruchstücke seiner vita. Beide hatten wir etliche Jahre in Marburg verbracht, waren uns dort aber nie begegnet. Wie Arnhelm Neusüss, der echte Marburger, liebten wir Gottfried Benn.
Erst mit der Zeit begriff ich Wulfs exzeptionellen Rang als Übersetzer, ich las wenig Belletristik. Aber Hallo - er hatte Thomas Pynchon übersetzt, den James Joyce unserer Generation. Heute ist der Überblick leicht: 500 Einträge "Wulf Teichmann" bei google. Nichts über den Menschen, aber eine eindrucksvolle Bücherliste: 2 spätere Nobelpreisträger hat er übertragen: Singer und Cotzee, dazu Bukowski und Ustinov, Dylan Thomas und Somerset Maugham, Raymond Chandler und Dashiell Hammett (die durch ihn erst literarischen Rang bekamen). Usw. usf. Nur ein Mensch von extremer Sensibilität und höchstem Sprachgefühl konnte diese Autoren angemessen auf Deutsch wiedergeben. War Pynchon hochkomplex, schien die lakonische Prosa Bukowskis und der Edelkrimis leichter. Aber im Gefolge Hemingways war hier das Sprachmaterial von Zeitung und Slang verdichtet bis zur Poesie.
Kurz: Gäbe es einen Nobelpreis für Übersetzer - wer hätte ihn bekommen sollen, wenn nicht Wulf?? (Und dann Britta Restorff, lange hospitalisiert und auch in diesem Jahr gestorben). Äußerste Sensibilität mit allen ihren Möglichkeiten und Gefahren muß noch vor dem nötigen Verstand Wulfs elementares Erbteil gewesen sein.
Wulfs straffe Gestalt, sein wohlgebildetes Gesicht hätten zum Schauspieler gelangt, Typ reifer O. W. Fischer. Er trug sich eher konservativ. Gediegen, aber locker, nie ganz neu gewandet. Ein gewisser Fundus war ihm bei Gesprächspartnern erwünscht. Hätte man nichts von seinem opus gewußt, man hätte ihn für einen saturierten, skeptischen Müßiggänger halten können (ein etwas behinderter Graf im Zwiebelfisch ähnelte ihm). Dieser Habitus paßte zu seinem Lieblingsphilosophen Schopenhauer, dessen Werke ich ihm liefern durfte. Ich traf ihn am späten Vormittag beim Rotspon, Zusatzstrophen zu Benn dichtend. Seine Gedichte hielt er unter Verschluß, nur in dem legendären "Mammut"-Reader bei Schröders März-Verlag waren einige erschienen.
Daß ich Schopenhauers Intimfeind Hegel vorzog, machte für uns beide die Sache delikat und besprechenswert. Spielerische Wortgefechte liebte er. Nikotin bei der Arbeit und Alkohol danach waren ihm schon lange ein Bedürfnis gewesen und die langen Nächte eines, der schwer Schlaf fand, im Oblomow, in der Ku-Jambe, im Wagnerstübchen bei den Kiffern, im Flying Dutchman. Jetzt brauchte er es zum nackten Überleben, auch wenn es ihm ans Leben ging. Da äußerte sich der Schmerz in langen, eintönigen Gesängen. Er erinnerte einen an den alten Häuptling eines aussterbenden Indianerstammes.
"Und wieder ein schöner Tag", wie Wulf in seinen letzten Jahren gelungene Runden kommentierte, immer mit dem Unterton: Man kann dem Frieden natürlich nicht trauen.
Die Traueranzeige zitiert sein Lieblingszitat "Es ist nicht leicht, einen Löwen zu verschenken" - Es war nicht leicht, sein Leben zu leben. Seine Überwachheit mußte er dämpfen, überlisten - jetzt hat er Frieden."
23. Oktober 2006
Filmsternchen gepudert
Seit langem schon gebe ich schwer an mit einer Nebenrolle im Kino und daß ich dem Wim die Hand geschüttelt habe und schwärme auch ausschweifend von der süßen Schretzmayer (die ich überhaupt nur aus dem Film kenne, da ich mit ihr leider keine Szene „am Set“ (so sagt man dort hochwichtig!) hatte).
Am Set und beim Catering (das bedeutet am Set die hochwichtige Verpflegung, womit man aber nicht nur verpflegt, sondern den Tag über beim ewigen Warten auf den schnellen Einsatz bei Laune gehalten wird) hockte ich allein mit Stephan Kampwirth, den ich schon aus dem Fernsehn kannte. Und er sieht auch tatsächlich so aus, wie im Fernsehn. Es ging sehr kollegial zwischen uns zu; aber: Der kann die Homburger Prinzen-Rolle vom Kleist auswendig! Das hat mir ungeheuer imponiert, da ich mit meinen paar Zeilen schon Schwierigkeiten hatte.
Nun gewährte man mir am Set und beim Catering sowieso alle Freiheiten, und man bestaunte mich ohnehin übersteigert („Der hat sechs Bücher geschrieben!“ – Schauspieler schreiben ja meist nur eins) und so durfte ich das professorale Künstlergenie mimen, das auch den Text frei improvisiert am Set, sofern er, der Text, halbwegs ins Konzept paßte, und beim Catering und Getränkering durfte ich mich ungeniert genialisch geben. Die süße Doris Schretzmayer war ja, wie gesagt, nicht da.
Auch so einen wuchtigen Berserker muß ja ständig Sven Pippig mimen, und das macht er ja immer unglaublich gut, so melancholische Choleriker, auch sanguinische Phlegmatiker, Klasse dieser Schauspieler, und im Leben, wieder typisch! ist er eben ganz anders. Ein sensibler, eher leiser Mann.
Kamera: Stefan Runge. An den kann ich mich nur vage erinnern, der hatte ja immer die Kamera vorm Gesicht. Aber der Tononkel! Immer wenn wir eine Szene besonders schön gebracht hatten, bestand er auf Wiederholung, weil angeblich irgendwas geknistert hatte. Ich vermute, daß die ja sehr wichtigen aber wenig bemerkten Tonleute mehr Beachtung zu verschaffen, sich allweil gezwungen sehen.
Für die Ausstattung war eine Birgit Esser zuständig und die hat dafür zu recht einen Preis bekommen. Die bauen da so eine richtig schöne muffige Wohnung auf, da stimmt jedes Detail, und dann sieht man davon im Film nur eine Ecke. Und das auch nur im Film!
Und dann wird man vom Catering weggerissen und im Gesicht brutal umgepudert. Nämlich: Gepudert sieht man im richtigen Leben nicht so aus, wie man aussieht – aber im Film! Ungepudert sieht man zwar im richtigen Leben so aus, wie man aussieht – nicht aber im Film! Also hocken alle gepudert ums Cattering und warten auf ihr Einsatzkommando, wobei man stets rasch noch nachgepudert wird.
Produktion: Wim Wenders und Ute Schneider. Regie: Marc Ottiker. Und der hat auch einen sehr schönen, halbdokumentarischen Film (mit Pippig!) im Hammer am Berliner Hermannplatz gedreht. Den Hammer gibt es leider nicht mehr, sie verkaufen dort jetzt Matratzen. (Wer braucht all diese Matratzen?) Gegenüber gibt es aber zum Glück noch den Blauen Affen, und da tritt am 25. November 2006 wieder mal das Nasenflötenorchester auf.
Und nun kommt dieser Film im Fernsehn! Am Donnerstag, 26. Oktober. Sendeort und –zeit indizieren: guter Film! WDR nämlich und 23:15 Uhr. Titel: 1/2 Miete.
Und ein Mann aus Bamberg namens Gerhard C. Krischker hat einen Verlag für Literarische Ansichtskarten und da gibt es jetzt meinen handschriftlichen Aphorismus: E i n T a g o h n e B i e r i s t w i e e i n T a g o h n e W e i n . Mundmündlich hingegen gibt es den Aphorismus jetzt hier bei Zweitausendeins auf der Hör-CD Ringkompressor: „Ein Tag ohne Bier ist wie ein Tag ohne Wein.“
22. Dezember 2005
Gesamtluftwerk
Anfang des Jahres 2005 beschied der Kunstsammler Aldo Frei sehr entschlossen: „Kapielski, wir machen jetzt mal eine Edition!“ Und ich sagte: „Ja! Aber was für eine Edition, was stellst du dir da vor, Aldo? Wer oder was ist eine Edition? Ich kapier das bis heute nicht.“
Nun: Buchobjekt, Kunstbuch, limitierte Auflage, so die Richtung. Mein Gott! Damit hatte ich mich gründlich befaßt und ich kannte all die guten Sachen, die unübertroffenen Hegelwürste vom Roth, das an beiden Seiten gebundene und mit Buchrücken versehene Buch Double bind von Richard Olson, in diesen Gefilden war im Grunde alles ausgedacht, ausgereizt und wenn nicht, dann doch noch schnell von Timm Ulrichs.
Oder von mir! Denn die Fügung fügt vereinzelt! Also sitze ich eines Tages füglich in meiner an sich sehr gemütskranken Eckkneipe, ich geh nur hin, weil sie gleich unten praktiziert, und lasse da so den Randblick, die luzide, weil blinde Fleckstelle schweifen. Oben, auf einem Geldspielautomaten steht dort sei jeher eine große, aufgeblasene Flasche Bier, sehr realistisch und detailgenau gearbeitet, sogar oben dieser Plopp!-Bügel getreu nachgebildet, und diese ansehnliche Luftbouteille läßt dann aber mit der Zeit immer mehr den Kopf hängen, kippt fast nach vorn um, und dann kommt der Wirt alle halbe Jahre mit der Luftpumpe herbeigeeilt. Immer ein großer Auftritt, wie er unten pumpt und oben hebt die mannshohe Skulptur langsam und frisch beseelt ihr Haupt.
Da war sofort mein Einfall da: du nimmst jetzt mal dein gedrucktes Gesamtwerk her, stellst all die Bücher von Merve, von Zweitausendeins, von Maas, Kramer, das zerzauste G.S.P.- (Große Scheiße passiert!) und EVS-Zeug (Eigenverlag stinkt!) nebeneinander auf, schön mit Buchstützen links und rechts, und das lassen wir dann auch so aus Gummi als Aufblasstück herstellen! Und da haben wir dann eine Edition!
So. Und nun haben wir das Stück. Die Geschichten dazu und einiges mehr sind eigens in einem neuen Buch erzählt: "Anblasen. Texte zur Kunst" heißt es, gibts von Merve zu 9,80 im Buchladen. Das Buch ist aber auch extrem verfeinert, signiert, numeriert mit dem Luftoschi nebst Luftpumpe in einer luxuriösen Kiste verpackt; dann kostet es aber satte 1800 Eulen! Tja, so ist das mit Editionen.
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