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Writersblog von Thomas Kapielski.
4. März 2010
Latte macabrio?
Hm. Man wäge selbst: Jüngst, im schneeumtosten, frostigen Februar des Jahres 10, unterbrach die Polizei die Eilfahrt eines Lastwagens mit Anhänger, da der pressante Chauffeur Gas- und Bremspedal des Kraftzuges vermittelst Holzlatten, eines Ziegels und eines Fixierkeils bediente. Der 27 Jahre alte Ukrainer Fuhrwerk erklärte, eines Fußgebrechens wegen nicht anders kutschieren zu können. Doch aber könne er es ja! Er sei ja schließlich auch unbeschadet und ganz einwandfrei aus dem Gebiet (Oblast) Charkiw, ganz weit im Osten, bis hier auf die A2 nahe Bönen (Kreis Arnsberg) vorgedrungen und Rotterdam käme sowieso gleich bald, und das zöge er am liebsten jetzt auch gleich noch durch. Dann könne man ja weitersehen. Die Beamten beharrten nach StVG auf Paragraph soundso (da wo es steht) und zogen den genialen Maschinisten nebst Hebelwerk und Hänger aus dem Verkehr. Ist das richtig so? Darf uns ein russischer Lattenbau die heimische Seelenruhe unseres Schnellfernverkehrs stören? Oder: Steht und geht ein Dreiachser nicht auch geradewegs auf zweien? Also was soll's? Kurzum, man wende und wäge es, wie man wolle, mit der hiesigen polizeilichen Einstellung wird unsere Ordnung in Zeiten der Wirre und des Mangels nicht halb so weit kommen wie jener Charkower Droschkenkerl! Denn: „Ein gelassener Mensch, so sich der in Inburgheit setzet (sich in der inneren Burg seiner Seele sammelt) mit eingeführten Sinnen" (so Heinrich Seuse, Deutsche Schriften, 169,30), der kommt einfach besser und geschwinder durch. Egal wo und wann. Wie und warum. Ich aber starre ja eben doch wie entgeistert als habitueller Beifahrer beim Überholen rechts aus dem Fenster unseres Kleinwagens auf die mich ganz dicht und hoch überragenden Reifen eines elend erschöpften und kranken Fernlastverkehrs und bete um Jacobus Beistand: „Heiliger Jakobus, Erzapostel auf dem Berg der Verklärung und am Ölberg, ?Führer von Herberge zu Herberge und doch immer zu Hause, Träger des Mantels und der Leuchte, des Ölkrugs und der Muschel. Großer Apostel des Firmaments, mit Deinem Jakobstab im Orion führst Du das Gottesvolk durch alle Weltenräume, Geleite auch mich (uns). Amen.") Oder ich lasse (lassen wir) den ganzen Irrsinn doch lieber ganz und gar bleiben und fahren Bahn? (Auch schon angekränkelt. Schwierige Sache, das.)
28. Februar 2010
Satt und schlaffmatt
„Dance and sport the hours away." (Händel, Acis and Galatea) Das englische Verb: to sport -: sich tummeln, vergnügen, zerstreuen und scherzen (Wurzeln: altfr. se desporter, lat. deportare). Als Substantiv, dt.: „Eine stinkende, obszöne Angelegenheit!" (Brigitta Restorff) Und Sport ist ja nicht nur der Bruder der Arbeit (und Kunst die Cousine der Arbeitslosigkeit), er, der Sport, ist ja auch der Bastard des Krieges: in Gestalt der Sportskanone. Dazu eine verkappte Hundezüchtermentalität. Wo früher so eine Zuchtfummelei am soldatisch sportlichen Mann und seiner Mutterkuh inmitten manierlich folgsamer Kinderschar stattfand, da ist das eugenisch-chemische Programm jetzt in die hormonelle Werbefotografie und ihre realen Ausleger gerutscht. Genfummelei, Mast, kein Wachstum mehr unter zwei Meter, Korbballmaß. Die Wirklichkeit aber: Man geht vergnügt, lustwandelt ( to sport) und dann kommen einem derart Gequälte (Jogger, "noddän" walker, nordische Kombinierer) entgegen und schleppen ihre geplagten Körper einer vorgeblichen Gesundheit entgegen, und es ist doch nur die banal, mit Efeu bewachsene Urnenstelle ('Urnenhain'), weil sich die Lüge konzentrisch um den Tod wickelt. Der Tod besitzt von allen Lebendigkeiten die allergrößte Kondition; sein Werk allein ist unsterblich, unerschöpflich, unendlich! (Allerdings: "Selbst dem affirmativen Gebrauch von „unendlich" bleibt im negativen Präfix „un-" der Index negativer Vermittlung erhalten." (Hochstaffl, Negative Theologie)) Des Dauerlaufens Beweggrund ist die Todesangst. Auch diese idiotenhaft ewigen Aktivitäten: Surfbrett rein, Surfbrett raus, Segel hoch, Segel runter, mit dem Rad zum Schwimmen, zu Fuß zurück (Poloisches Triathlon). Manchmal kommen sie ja beim vergnügten Waldspaziergang, die Todesflüchtlinge, von hinten - und überholen gar! Sind aber kaum schneller als der Müßiggänger. Dieser schaut entgeistert den überanstrengt Schlaffen nach, wie sie sich ewig mühen, um außer Sicht zu gelangen. Dabei ist es doch so: "Ein Gems auf dem Stein, / Ein Vogel im Flug, / Ein Mädel, das klug. / Kein Bursch holt die ein!" (Eichendorff, Übermut) Es umgibt uns der lichte Wald, worin die scheuen Tierchen sich tummeln. Von Wipfeln hoch scherzet und jauchzet die Schar der zierlichen Vögel. Und vor dir schnauft ein Schlaffarsch nach Nirgendwo, zumeist befremdlich grell gekleidet und als brutal optische Anknallerei durch's schlichte Gehölz gellend, der eigenen Gattung peinvoll verwandt. Alles was einmal zu recht als sublim, vornehm, maßvoll galt, verwirft der Mensch im Wahne seiner olympischen Räude. „>Vorwärts und folget mir mit diesem Toten.< Trompeten. Vorhang." (Hofmannsthal, Der Turm)
11. Februar 2010
REVBAU
Das Jahr 1967 lud uns neben vielen unnötigen Neuerungen auch die radikalen Vereinfachungen und Verweigerungen der Künstlergruppe BMPT (was nichts mit dem russischen Schützenpanzer, sondern mit den Anfangsbuchstaben der Nachnamen der radikal vereinfachenden Künstler zu tun hat) auf die Waagschalen des Gemüts und den Kleiderständer des Geschmacksapparats. Selbstverständlich trat man als Gleiche auf und wollte NICHTS. Aber wie es so ist, ist es NICHT so gekommen, sondern so: Olivier „M" Mosset versuchte es erfolglos mit Kreisen; jetzt versucht er es mit Klaviertasten im kleinen Querformat. (Die finde ich recht ansehnlich, habe ja auch schon drei (3) Klaviertasten für den „Dreitastenschmalflügel" mit Klavierlack gemalt, was richtig Spaß machte! Also sollte ich mal wieder? Ach was, das tut doch jetzt Mosset - und zwar reichlich!) Man hegt aber den Verdacht, er würde aus Verdruß es dem erfolgreichen "B" mit Streifen nachtun. Niele „T" Toroni setzte ohne Erfolg auf kleine Quadrate, aber er bleibt wenigstens dabei und malt ausschließlich Karrees, die er empreintes (frz.: Abdrücke) nennt, mit dem immergleichen Pinselmodell Nr. 50 in ewiggleichen Abständen (30 cm) auf weiße Leinwand oder Ewiggleichschlichtes. Michel „P" Parmentier heischte mit waagerechten Streifen und angelegentlich wildem (verzeifeltem?) Gezacke wiederum recht wirklos um Gunst, Geld und Ruhm. Der von allen Minimalisten und Bildstürmern einst verdammte Hauptgewinn fiel allein an Daniel „B" Buren, der auf senkrechte, 8,7 cm breite Streifen tippte, schieren Markisenstoff also auf Rahmen kloppte, und allso den Pott knackte. Warum er, Buren? Auf jeder Documenta, überall, sogar am Bahnhof Wolfsburg die Streifen. Wenn man es wüßte? Vielleicht war der Burensche Markisenstoff dem Publikum, das damals einiges zu verkraften hatte, als längst Vertrautes das Vertrauenswürdigste. Und auf jeder Documenta ist es auch das Vertrauteste und Altbekannte. Eben: res, ens, verum, bonum, aeternam, unum – gegenständlich, seiend, wahr, gut, ewig und einzig.
29. Januar 2010
Fremdländisch Waidlöffel
Übersetzungen lese ich kaum; entweder ich mühe mich, den Lecker, Graser oder Waidlöffel des fremdländischen Autors zu kapieren, oder ich lutsche mich doch wieder fügsam durch den Nachsommer und dergleichen Hauskost. Das schmeckt ja auch vertraut befremdlich. Mein Lieblingssatz in Stifters geht so: „Ich antwortete auf diese Rede nicht, um ihm seine Zeitrechnung in Hinsicht der Cactuspflege in Europa nicht zu stören."
21. Januar 2010
1 : 100
1931 gaben Israel, Ruckhaber und Weinmann im R. Voigtländers Verlag Leipzig die Schrift „Hundert Autoren gegen Einstein" heraus, die die Relativitätstheorie von Einstein, Minkowski und von Laue anfocht. Darüber wuchs sich eine quasireligiöse Position aus, die, ähnlich wie die vom Klimawandel, wenig mit Wissenschaft zu tun hatte, welche stets gehalten ist, sich unbefangen jeder Kritik, jedem Zweifel zu stellen und Thesen, Theorien niemals sakrosankt zu halten. Und gäbe auch nur der leiseste Einwand eines einzigen Menschen Grund zu zweifeln, es gälte ihn ernst zu nehmen, ihn zu widerlegen, zu falsifizieren! Einstein kommentierte seinerzeit in diesem Sinne die Schrift „Hundert Autoren gegen Einstein" mit den treffenden Worten: „Warum denn hundert? Wenn ich unrecht hätte, würde einer genügen!"
9. Januar 2010
Lauschi's Langholz
Kommt ein ganz langes Vehikel, ein ewig langer Lastwagen vorbeigerauscht, und es steht die ganze Flanke hin: „Lauschi's Agrarproduktefachspezialitäten" Es könnte aber sein, daß es sogar noch länger: „Lauschi's Agrarproduktefischspezialitäten" hieß, so schnell war der Truck und so lang mußte er sein!
4. Januar 2010
Res religiosae
Und einige Neujahrsandachten: Wenn ich so den Worten meiner neuen Chefin in evangelischen, all so auch meinen (Steuererklärung Zeile 11, Religionsschlüssel: EV) Kirchenangelegenheiten Gehör schenke oder auch einem der Hauptprediger meiner Taufkirche Epiphanien lausche, drängt sich mir das leicht flektierte „Si tacuisses, theologus mansisses" in den Sinn und ich kann wohl froh und fast sicher sein, daß diese modernen, ja gleißenden Theologen mich gar nicht verstehen, sintemalen ich also wieder einmal (jetzt aber auf deutsch) dräue: Wenn Du, Schwester Käßmann (Ratsvorsitzende der EKD, Präsidentin der Zentralstelle KDV, nach 26 Ehejahren, unterdessen vier Kinder knospten, vom Ehemann, selbst Pfarrer, geschieden, wozu Du gleichwohl einiges von Gottgefälligkeit trompetetest) und Du, gezierter Bruder Bings, in so mancher Hinsicht mehr geschwiegen als geschwätzt hättest, wärest Du ein Gotteslehrer geblieben und hättest Deine Unwissenheit nicht verraten. Und leider, leider schmeißen sich ja die Evangelischen immer besonders einsatzfreudig wie Flaggen in die törichten Böen der je hinfälligen Jetztzeiten. Der neueste gepredigte Unfug betrifft den Pazifismus; es ist dieser spezielle aber eben ein ganz schwächlicher, defätistischer, lebensmüder (mutmaßlich gutmeinend auf Mt 5-7 fußend). Ich aber (einmal geschieden) sage Euch mit Luthers Worten (und Röm 13) über die zwei Reiche von 1523: „Die Welt kann und vermag der notwendigen Gewalt nicht entraten." Gäbe es da nicht die himmlische Kantoristin Anja Schumacher an einer transirdischen, epiphanischen Orgel (mit feinem Autobahnhintergrundgeräusch, ja mein Gott, was soll's!), und gäbe es nicht meine Besorgnisse hinsichtlich banaler Res religiosae, meiner Grablegeangelegenheiten etwan, ich täte wohl nur noch bei den Katholiken, zu denen auch meine Frau gehört, weswegen sie sich in Epiphanien, Berlin-Charlottenburg, als Katholikin nicht gern kränken läßt, also ich täte balde nur noch in St. Afra im Wedding rumhängen. Da ermangelt es ganz der Häresie der Formlosigkeiten (weshalb mich der Mosebach auch hinempfahl), sie schwadronieren nicht und kommen zum Wesentlichen: Geburt, Leben, Liebe, Schmerz, Zuversicht, Hoffnung, Mut, Kummer, Tod. (Mein Gott, was man so für Sorgen Marke „außerdem noch" immer haben muß!)
17. Dezember 2009
So sieht doch keine Frau nicht aus!
"Und Ihre, Pablo, schon garnicht!" Diese Rüge am Portrait der Olga Chlochowa soll der Maler pariert haben, indem er zu sehen wünschte, wie die Frau des Tadlers aussähe. Als der ein kleines Foto aus der Brieftasche zog, höhnte der Maler: „Was? So winzig und farblos ist sie?!"
8. Dezember 2009
Der Fuchs ist genauso doof wie der Baecker
Wie bitte? – Ja, doch eben nicht! Beide, Peter Fuchs und Dirk Baecker, sind kluge, eigenwillige, humorvolle Denker, lottiefe Theoretiker, haargenaue Horch- und Beobachtungsposten, und ich säume nie, ihre Neuheiten zu begutachten. Für mich gehören sie zu den Besten, die wir haben. Zwei systemakrobatische Sauhunde! Ich habe beiden einiges zu verdanken. (Da können Slot. und Thew. und die alle mir kein Wasser nicht enttrüben. Aber ich prüfe auch sie und sauge durchaus Jus heraus. Jedem, jedem Text entwinde ich Arkana!) Dirk Baecker ist ja Verlagskollege von mir (Merve) und ich habe ihn angelegentlich schon kennenlernen dürfen. Wer sein Vademecum Postheroisches Management nicht kennt, sollte von mir aus einen Familienbetrieb gründen, aber dann muß er eben auch noch Baeckers Vom Nutzen ungelöster Probleme durchnehmen. Peter Fuchs kenne ich nicht persönlich. Beide sind ja Luhmannableger und schwingen sich bisweilen in schwer nachsteigbare Reflexionshöhen. Ich erklimme diese Anhöhen eines gewissen mit hinaufgetragenen Glücksgefühls wegen, das mir ebenfalls aufkeimt, wenn ich mathematischen Beweisen folge, immer wieder gern. Ganz oben empfängt und umfängt einen die schönste Aussicht. Zum älteren, ferneren, fast schon titanischen Bruder im Geiste (und auch Glauben!) erkor ich keck mir Peter Fuchs, nachdem ich die Interviews mit ihm gelesen hatte. Der Band trägt den weisen wie fetzigen Titel: Das Gehirn ist genauso doof wie die Milz. Seine, des Titels, Doppelbödigkeit und grobschlächtige Feinironie gewährten mir die Ungezogenheit zu einer maliziösen Überschrift, die als Kern eine hohe Ehrenbezeugung verkleidet, und den folgenden Zeilen freundlicher auch so anstünde: Der Fuchs ist genauso doof wie der Baecker und der Kapielski ist noch döfer Und es ist ja auch so: Wir Leiber mit unseren doofen und hoffentlich immer gut schnurrenden Organen sind insgesamt eigentlich nur doll doof und wackeln mit de Beene, wenn nich mit'n Kopp. Dann allerdings kommt etwas hinzu: der Intellekt, das Denken, Sprechen, womöglich auch die Seele kommen mit ins Spiel, und das hat dann was mit diesem einen, vielfaltigen, einfältigen Leib zu tun und eben doch überhaupt ganz und gar nicht! Das ist es ja eben! Die Sprache spricht und das Denken denkt und die Seele beseelt – sich. Mein Sohn (13) ist Erz-Fan des Musikers Peter Fox. Er hörte neulich neuerlich und abermals und wieder mal sein signiertes (!) Peter Fox-Album Stadtaffe, unterdes ich standhaft Peter Fuchs' Der Sinn der Beobachtung las. Das mache mir einer nach! Eisharter Stoff! Dabei knospte mir eine Mutmaßung aus dem Knäuel der Nebengedanken mit Hintergrundmusik: Es gälte herauszufinden, ob der gar nicht unintellektuelle Musiker Peter Fox, der mal Lehrer für Behinderte zu werden beabsichtigte, nicht auch ehrenhalber künstlernamentlich sich an Peter Fuchs lehnte, der gelehrter Behindertenpfleger war bevor er systemtheoretisch promovierte und habilitierte. Ich werde den Sohn, der bei Fox- und Seeed-Konzerten Zugang zum VIP-Bereich genießt, beauftragen, Klarheit zu schaffen.
25. November 2009
Neo Rauch
Mich wollen die Bilder Rauchs, nachdem ich sie lange argwöhnisch, ja, vorurteilsbehaftet schaute, zunehmend bestricken; seine Verächter indes kommen mir anschwellend anrüchig und unlauter vor. Meist kommen sie aus den Reihen der Konkurrenz, der noch herrschenden, ungegenständlichen Gesellschaft, welcher es gelegentlich an Vornehmheit mangelt; da geht es besten Falls um Richtung, ansonsten um Neid, Posten, Geld. Das böse Urteil über Neo Rauchs Werk, es sei „neokonservativ", ist so billig wie die Mutmaßung, Neo Rauch werde alsbald und hoffentlich „verrauchen". Bäh! Da geht es nicht um Kritik, sondern um Weltanschauung, Ranküne, Tugendwacht. Gesinnungsurteile müssen allweil achtsam stimmen! Wer Künstler, Biermarken, Moden, Zeitschriften oder Imbißketten wohlfeil niederhalten oder beseitigen möchte, wird heute zuallererst untersuchen oder einfach forsch proben, ob den ausgesuchten Feinden der Tadel des Konservativen, Reaktionären oder gar Rechten anzuhaften sei. Das klappt meist ganz gut und macht wenig Geistesmühe. Jüngst bat die Frankfurter Verlagsanstalt Rauch, sechs Bände ihres Herbstprogramms 9 zu gestalten. Er hat dies auf seine eigentümliche Weise gut und bedacht getan - also auch gelesen! Für die Schrift der Namen der Autoren auf der von ihm besorgten Buchreihe wählte Rauch eine serifenlose Antiqua (Helvetica), für die Buchtitel meist eine gotische Textur. Hier wähnte der Sittenwächter schon altdeutsche Reaktion. Und irrt gewaltig: Die gotische oder deutsche Schrift, die altherkömmliche, von Kleist, Kant, Goethe und Marx gebrauchte und genau „gebrochene Schrift" heißende, handgeschrieben genau „Kurrentschrift" (falsch „Sütterlin") und im Satz meist „Fraktur" genannte Schrift, wurde am 3. Januar 1941 auf Befehl Hitlers per Erlaß Martin Bormanns als „Schwabacher Judenletter" verleumdet und verboten. Angeordnet wurde, anstelle der gebrochenen künftig runde Schriften zu benutzen: als „Normalschrift" habe fortan die Antiqua zu gelten. An diesen Befehl halten wir uns noch heute, nutzen beharrlich Helvetica, Times, Garamond und wähnen uns sittsam modern, wenn wir die Fraktur oder selbst die maßvolle Rotunda meiden! Noch Rudolf Koch, großer Typograph der Schriftgießerei Gebr. Klingspor, hat sie 1910 so besungen: „Wie dunkler Tannen würziger Harzduft, wie wenn die Amsel weithin durch den Abend ruft, wie des Wiesengrases leichtschwankende Zierlichkeit..." sei sie, die gebrochene, deutsche Schrift - welche eines Tages wohl noch die FAZ tilgen wird. Rauch hegt und schaut eben die Schönheit einer alten, ideologisch gedemütigten Schrift.
13. November 2009
Buttermarken
Ich nahm kürzlich an einer Butterfahrt zum „bedingungslosen Grundeinkommen" im fontaneschen Birnenschloß Ribbeck teil. (Feiner Ort, hübsches Schloß, original Birnbaum und Standesamt vorhanden, und unten: bedingter (ca. 17 Euro) Hirschbraten, oben: bedingungsloses Grundeinkommen.) Die fiebrigsten Verfechter des „bedingungslosen Grundeinkommens" waren seltsam viele nicht sehr bedürftig aussehende Leute. Sogar ehemals Kunst- und Kulturinstanz und meuternde Freidemokraten – gut, solchen trauen wir einiges zu, sie suchen ihre Karrierenischen. Gleichwohl irritierend – was treibt diese Verbeamteten und Versicherten so glückverheißend im Populus um? (Daß erfolglose Künstler, Germanistikstudenten und Automatenspieler es gern hätten, das „bG", leuchtet mir ja noch ein, und unsere Kinder wollen so was auch, klar: höchstmögend Taschengeld.) In letzter Zeit habe ich selten so zelotisch eifern erlebt, wie übers bG. Es soll und MUSS, über den großzügigen Daumen gepeilt, 1000 Eumel für alle locker gemacht werden, dann wird ALLES gut, mindest besser. Für Alle! Problemlos. Und da nun sogar auch die Kanzlerin, Schäuble, die Aldi-Brothers e.a. es auch bekommen sollen, sie gehören ja mit zu „alle" und „Alle", werden wir das Geschenk also, tippe ich mal keck, ohne große Umstände demnächst erwarten und in Empfang nehmen dürfen. - Und ich Idiot will es nicht! (Auf einer 1.Maikundgebung Ende 70 – erinnere ich - lief mal ein Trupp mit dem eschatologischen Forderungsversprechen „1000 Mark mehr für alle!" herum, und selbst die anderen gönnerhaft fordernden Splitterungen – vom Volk ganz zu schweigen! – belachten das augenrollend. Damals war der Sozialist noch geerdet! Und 1000 Mark 500 Oblonen.) Ich war nun also dort auf diese ribbecksche Birnbaum-Veranstaltung bestellt (der olle Ribbeck war ja tatsächlich noch so ein großer, freimütiger Euerget!), um ein wenig Widerwort zu äußern. Bzw. ich halte von diesem neuerlichen Schwachmatismus aus der herzkranken Sozialstation so und so nichts. Also sprach ich wie folgt und mahnend: „Genossen Bürger, Bürgerinnen, Kinder und KinnErs! Wenn man sich kundig macht über das Grundeinkommen, das sogar „bedingungslos" sein soll oder will und ja doch mannigfach und unberechenbar bedingt ist, befürchte ich mal wieder eine Kraft, die das Gute will und wahrscheinlich doch wieder Übel schafft. Ich will hier, meine Damen und Herren, nur von mir reden. In Weltverbesserungabsicht für andere zu reden, mißhagt mir ganz. Und da bekenne ich gleich eingangs ganz unumwunden und für mich: Ich will kein Grundeinkommen! Mögen Sie, verehrte Bedürftige, es nur alle nehmen, Sie erflehen es ja hier mehrheitlich und so inständig, daß ich vermute, Sie sind dieses Zustupfs bedürftig. - Ich freilich bekümmere mich lieber um mich selbst! Und dabei bin ich nicht reich, ich hätte wohl was von, von diesem Taschengeldglück. Allein, mir geht es dabei um so etwas wie Stolz. Ich verdiene mein Geld selbst! Ich will keine Fürsorge. Ich will wenig Staat. Eher bedrückt mich seine Steuerlast als mangelnde Zuwendung. Als Kind war ich durch die Eltern voll alimentiert. Mit 17 bestrebte ich mit aller Kraft und mit 18 verwirklichte ich dann mit Geld, das ich als Postbote verdiente, die Beendigung des Zustandes der Bevormundung durch die Eltern. Ich will, da ich mein Leben seither selbständig führe, nun nicht neuerlich vom Staat und seinen Ämtern bevormundet und zu alimentiert werden. Ich käme mir vor, wie ein Haustier, wie ein Leibeigener eines fürsorgenden und damit auch anordnenden Staats." Dann schob ich Kant ins Gefecht: „Eine Regierung, die auf dem Prinzip des Wohlwollens gegen das Volk als eines Vaters gegen seine Kinder errichtet wäre, d.i. eine väterliche Regierung (imperium paternale), wo also die Untertanen als unmündige Kinder, die nicht unterscheiden können, was ihnen wahrhaftig nützlich oder schädlich ist, sich bloß passiv zu verhalten genötigt sind, ist der größte denkbare Despotismus (Verfassung, die alle Freiheit der Untertanen, die alsdann gar keine Rechte haben, aufhebt)." Und weiter grollend: „Das ist eben auch der fürsorgende Staat: Er weiß, was gut und schlecht für uns ist, das Rauchen, Trinken, welche Worte wir benutzen, welche Seiten wir lesen. Wie fett wir essen. Welche Krümmung der Gurke zu eignen habe. Er macht uns zu unselbständigen, abhängigen Trotteln. Mir sagte mal einer vom Dorf, der einiges wußte: Wenn man einem heimatlosen, armen Hund Freundlichkeit bezeigt, ihm Heimstatt und Nahrung schenkt, dann beißt er einen nicht. Mit Menschen ist das anders. - Ich hege die Vermutung, daß Wohlfahrt und Fürsorge den Menschen nicht glückselig, zufrieden und milde machen. Der Mensch kann das Ausgehaltenwerden doch nur ertragen, indem er giftig wird und feindselig. Oder ganz lethargisch, dumpf." Da ohnehin schon ein ganzes Drittel der deutschen Bevölkerung von den anderen zweien gefüttert wird, sah ich mich zu kleinem Ausschweif veranlaßt: „Historiker schätzen, daß etwa 2% der Bevölkerung im Feudalismus zum Ersten Stand gehörten. 98% der Menschen verteilten sich auf die anderen Stände und alimentierten den Ersten. Das fand man ungerecht, Revolutionen haben den Adel abgeschafft, gestutzt. Hat sich das gelohnt, wenn heute ein Teil der Bevölkerung den anderen aushält? Ich höre, freie Bürger!, für meinen Geschmack zuviel vom Mangel, vom Brauchen, vom Habenhabenwollen, Beantragen und Ansprüchen. Das Möchten ist gewiß eine weiche Forderung, sturer jedoch als das Bitten. Das Wollen ist schon suspekt. Säuglinge wollen, Kinder und Unerwachsene; eben Ansucher, welche weder ersuchen noch erbitten, wie die Bittsteller, sondern beanspruchen, verlangen, fordern. Wer fordert, braucht jemanden, der gibt. (Mutti, Oma, Staat.) Und es muß überhaupt geben, wonach verlangt wird. Ein Eigenständiger weiß, daß er selbst machen, Autarkie bestreben muß. Nicht fordern - machen! Machenmüssen. Auf die Worte und Ideen der fordernden Fürsorger zu horchen, ist wohlfeil; es sind Taten die uns ansprechen! Des Barden Frank Zander jährlicher Freitisch mit Gänsebraten und Festbier für die Obdachlosen Berlins will gefallen. So denke ich mir die Nächstenliebe. Ich meine keinesfalls die blasse, wohlfeile Liebe, die weichmütige und die delegierte, allein auf gute Absicht gegründete oder die durch andere finanzierte Nobelgeste der Zuwendung ohne eigene Aufbietung, ohne eigenes Risiko. (Übrigens sorgen die Fürsorger immer zunächst mal für das eigene, meist üppige Grundeinkommen.) Die Bürokraten des Wohlfahrtsstaats zielen auf Fron; ihre Legitimität beruht darauf, daß ihre Klienten nicht mehr für sich selbst sorgen. (Dafür und für sich sorgen sie schon!)" Jetzt war eine Klarstellung nötig und ich sah scharf über die Lesegläser hinweg ins linksbürgerliche Auditorium: „Soll man das Arbeitslosengeld und die Sozialhilfen also abschaffen? – Nein! Es soll, wie einst geplant, für gewiß Bedürftige bleiben, Alte, Kranke. Und welche, die tatsächlich keine neue Arbeit finden und also suchen. Dieser Gemeinschaftssinn sollte uns wie eine Kostbarkeit anmuten, wie eine Hochherzigkeit, ein knappes Gut, aber nicht wie ein billiger Anspruch!" Dann brachte ich ein kleines doofes Gleichnis und wollte schnell nach Hause (bedingter Hirschbraten, 17 Eu, unten zu teuer für 3 x 17 Familie): „Zum Schluß von den Tauben, verherte Darbende. Selbst wenn man sich früher den Tauben behutsam näherte, flogen sie geschwind davon. Oder wir rissen als Kinder die Hände in die Höhe, da hoben sie sich flugs hinweg, ein Fluchtreflex. Im Laufe der Jahre wurden diese Tiere, in den Städten nennt man sie ja derweil schon verächtlich Flugratten, immer abgestumpfter, immer träger und blöder. Sie sind jetzt wohl alle krank oder gemütskrank. Keine Ahnung. Derweil kann man sie mit dem Fuß anschubsen, sie mögen nicht mehr fliegen, laufen lieber beleidigt davon. Und leicht überfährt man eine. Und neuerdings beobachte ich ähnliches bei einigen Menschen. Man könnte täglich wenigstens drei mit dem Fahrrad überrollen; sie latschen ohne links und rechts zu gucken durch die Gegend, panzern so vor sich hin, mit einfältigem Blicke, ganz fatal. Und da meinte neulich der Pianist Schlippenbach: Ja, die fühlen sich alle ganz sicher, sind alle versichert, es kann nichts passieren. Alle im Grunde versorgt und versichert. Diese Dumpfheit komme bei den Menschen durch die Sekurität ins allgemeine Benehmen. Das muß man im Auge behalten. Danke!"
6. November 2009
Yorkschloß
Dasselbige amtiert hinter einem Diminutiv verborgen seit jeher in Berlin-Kreuzberg 61, und als ich einst in seiner Nähe wohnte amtierte auch ich beinahe täglich darin. Letztens traten wir mit dem Nasenflötenorchester dort auf; das Yorkschloß, oder vielmehr sein ehrenwerter Betreiber Olaf Dähmlow, pflegen die Jazz-Musik und eben bisweilen auch uns auf die Bühne zu stellen. Alle Monate versorgt uns, die Schloß-Entourage, Olaf Dähmlow mit Post über seine skurrilen Posteingänge. Die Deutschen, das wußte auch Nietzsche trefflich zu diagnostizieren, kreißen übermäßig Querulanten und allerlei Schrullitäten. Ich rate an, die Daähmlowsche Post zu abonnieren! Einige Proben aus seinem frischen Posteingang: Sehr geehrter Herr Dähmlow, ich habe mir, mit jetzt 51, mal das Rauchen angewöhnt, auch um zu erleben wie es nun so ist mit dem Rauchverbot und kann Ihnen bestätigen, dass ich mich wirklich diskriminiert fühle! Draußen rauchen in der Kälte ist wirklich unangenehm! Können Sie sich denn nicht für eine gewisse Lockerung stark machen, so ab 23 Uhr sagen wir mal. Gemütliches beisammen sitzen ist nicht mehr. Wie schade! Ungemütlich! Herzlichst Ihr P.B. Hallo Herr Dähmlow, ich habe von eurer Jubiläumsfeier gehört. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Sie im Lokal seinerzeit vor 30 Jahren als Kellner gearbeitet haben. Als Leuchte sind Sie mir da nicht gerade aufgefallen! Das Publikum war damals jedenfalls ziemlich krass und ist mit dem von heute wohl nicht zu vergleichen. Aber wir haben den Schuppen geliebt! Sonderlich beliebt waren Sie bei den damaligen Gästen wegen Ihrer ständigen Aufräumerei nicht gerade. Um so erstaunlicher, dass Sie immer noch dort arbeiten und es sogar zum Betreiber gebracht haben. Wie kommen Sie den heute mit den Gästen zurecht und wird immer noch so viel gesoffen? Ich wohne jetzt hier in Bayern. Viele Grüße Linus F. Hallo Olaf, ein kleiner Tipp von mir um Kritik zu vermeiden: Sage nichts, tue nichts, sei nichts. Du wirst sehen, dass (sic!) klappt. Fürs Selbstbewusstsein ist das ewige Gemecker sicher verheerend - einfach nicht hinhören! Mfg Ilona Hallo Olaf, sei bitte so lieb, und verzichte auf die Übersendung der dümmlichen „Briefe an Chef" an mich. Gruß D. So träufelt es dem Dähmlow täglich ins Emil-Fach. Ich jedenfalls freue mich auf diese Briefe an den Chef. Übrigens sieht der traditionsbewußte Kneipgänger auch im Yorkschloß, was die vermessenen Politsantitäter und verbeamteten Lebensretter mit ihrem erzüblen Rauchverbot angerichtet haben. Es ist ein Jammer und Kummer!
27. Oktober 2009
Verbaselt EssigJet Nasobem Bimbam
Wie war's nun in Basel? Prima. St. Bimbam Lesebühne – sehr gut! Nasobem (siehe Chr. Morgenstern) auch. Im Nasobem würde ich fortan meine Bücher kaufen! Man bekommt was zu saufen oder Kaffee dort, kann sitzen und es stehen nur Bücher in den Regalen, die die beiden Nasobeme geprüft haben und empfehlen können! Und da kann man ihnen durchaus vertrauen. Dort auch mit Frau Burckhardt sehr angeregt über Basel, Mohler, Fleig und alle anderen Burckhardts und den Basler Daig geplaudert. Rückreise. Ist ja behilflich, daß es diese billigen Flüge gibt. Und man kann, könnte theoretisch bzw. praktisch mittags los und um drei in Berlin die Reise mit einem Bier abschließen und arrondieren. (Und billig ist das! Unheimlich fast. Warum freilich führt die Bahn nicht mal eine Holzklasse ein? Warum entläßt man den Busverkehr nicht aus seinem deutschen Regelkorsett? Warum MUSZ der notgedrungen Wohlfeilfahrende fliegen?) Also: könnte, theoretisch wie praktisch, denn es ist eben nicht alles easy mit den Jets. „easyJet" nennt sich das Unternehmen modern, das auch Berlin-Basel befliegt. Ich nenne es fortan Essigjet. Freitag nachmittag sitzen wir Berlinreisende also auf dem Flughafen Basel und warten. Und warten. Kinder auf die Oma in Berlin, Alte auf die Enkel in Berlin. Durchsage: Eine Verspätung wird es geben. Na gut! Es muß nicht immer alles sogleich und auf die Minute verfügbar sein. (Sollten aber doch Maximen bleiben: die Pünktlichkeit und die Verläßlichkeit und die Zuverlässigkeit!) Nach drei langen, dämlichen Stunden des Wartens in einem dieser weltweit immer ähnlich dämlichen Flughäfen kommt dann die knappe Durchsage: Der Flug findet nicht statt! Wie? Ja, seht zu (ihr Dummerchen) wie ihr nach Berlin kommt. (Für euch paar Figuren lohnt sich's nicht, eine Düse (Jet) zu zünden ... – Ich vermute solches Kalkül.) Nächstes Flugzeug? Ausgebucht. Geld zurück? Im Prinzip schon. Versucht's mal (ihr Dummerchen) im Internet. (Gerichtsstand London, hähä. easyJet Airline Company Limited Registered in England: Hangar 89, London Luton Airport, Luton, Bedfordshire LU2 9PF, hoho! +44 871 244 2366 – 8am till 8pm, 10p per minute, harhar!) Ach so. Verstehe. Eilig zum Bahnhof Basel. Dort ist der ICE nach Deutschland kaputt! - Was ist los, im Abendland? Immerhin wird dann ein zum IC umlackierter Interregio eingesetzt, die bekümmerten Massen ins Wochenende zu befördern. (Man wird zum Kohlhaas, hienieden! Oder dingt wenigstens einen Kohlhaas: Rechtsanwaltskanzlei Bartholl - Anwalt für Reiserecht Flugrecht und Luftverkehrsrecht, haha!) Gleichwohl niemals der Zuversicht ermangelnd - vielleicht gibt Onkel Jet Easy ja doch Geld wieder? - fliege ich nächstes Mal nach Zürich mit diesen anderen Kantonisten da. Oder doch gleich mit der Bahn.
21. Oktober 2009
Basel
Heute, 21.10.9, Mittwoch, werde ich mal hinfahren und schauen, ob in Basel noch alles mit rechten Dingen zugeht. Um das durchzutesten, wird heute abend im Pulk vorgelesen in einem St. Bimbam - was immer das sei. Morgen, 22.10.9, Donnerstag, dann Soloaufführung im Nasobem - was immer das ... stop: das ist einesteils ganz klar ein Buchladen mit Bühne und anderenteils eine Erfindung Morgensterns - das Nasentier Nasobem. Da sehe ich morgen mal nach, ob das hinhaut. Und ob man's mal sieht, das Nasobem. Bin aber zuversichtlich.
16. Oktober 2009
Verspröden, verflusen und nollen
nollen: lat. futuere - oder die Bewegung der fututio woran machen, vulgo: rammeln. Vgl. a. d. Nollendorfplatz in anderem Zusammenhang (Cafe Zentral) a.a.O. Die Nülle, schles. und oberlausitz.: penis, Hure (Fut). Soviel vorweg. Denn jüngst havarierte ich auf der Suche nach dem Begriff „Verflusen" vom glückseligsten Irrsinn als auch Irrtum geführt an diesem etwas asymmetrischen Dialog im ohnehin irren Weltweitnetz, der ja doch durchaus jedem zeitgenössischen Lyrikband zur Ehre gereichte: Nülle: „Meine Nülle pfühlt!" Oilsardine: „Dann mußt du die Hinterwinsche durch Verflusen der Querschmacken seitlich gegen die Übernocke stoßen lassen! Aber nur wenn die Zamske nuselt, sonst kann es passieren, daß die Übernocke gegen die Unternocke dingelt und die Sabadüse vergrüllt." Soweit und großartig. Der mich führende Irrsinn ist vorangehend sinnfällig geworden. Mein mich ebenfalls führender Irrtum noch nicht – also: Ich hatte ja nur aus Versehen nach „Verflusen" gekundschaftet, weil ich das „Verflusen" kurz unachtsam mit „Verspröden" verwechselte. Näheres wollte ich über das Verspröden wissen, nicht über das Verflusen. Das entzückende Wort „Verspröden" bzw. „verspröden" hatte ich in einem Artikel gepflückt, der sich mit einer sensationellen Neuerung im Gewürzsektor befaßt. An der Universität Hohenheim hat man ein Verfahren ausreifen lassen, daß uns die ganze Palette der Gewürze künftig besser, vernünftiger und eben nicht mehr versprödet in Tuben darbieten wird. Der geneigte Leser staune und lese selbst: https://www.uni-hohenheim.de/pressemitteilung.html?&L=0&tx_ttnews[tt_news]=3703&cHash=f6b7a6c23a Soweit und wieder großartig! Doch endlich zur Wortbedeutung: „(V)verflusen" ist ja leichthin klar und Pullovertragenden bekannt; „(V)verspröden" nun aber meint die Rauhmachung, das Zerriebene, zerreiben, lat. friare, asperarsi, friabilem esse; gesprödet. Klar! Logisch! Ja nun. Ja klar! - So wanken wir alle Tage per asperarsi und über stete Umwege auf ein oder mehrere Astra oder Andechser zu. - Und?
6. Oktober 2009
Diaabend
Der Auftritt sollte gegen 11 Uhr nachts beginnen, "aber frühestens!" - "O mei!" Wir verabredeten uns zu vorbereitenden Erfrischungen für um 8 (schon spät also, gewöhnlich ja um 5) am Stammtisch in Charlottenburg. Gegen halb 11 hatte ich 9 Halbe intus. Der Galerist Jes Petersen und sein dicker Hund hatten sich schon zu 21 Uhr verschluckt mit 12 Halben und mußten mit Droschke heim transportiert werden. Für Petersen sprang als Ersatz der Oberpfälzer Reklamemann und Sulzbacher Waldläufer Hans Forster ein, er war ein eher großer Mann, doch aber mit zureichendem Embonpoint ausgestattet und so tauglich für das Querformat. Ich orderte Droschken, und wir, die Formate und ich, sowie einige andere Gäste von Hoeck noch, fuhren hochgestimmt mit Gesang im Konvoi rüber nach Schöneberg ins Ex und popp. Dort sicherte ich meiner Crew aufs erste Freibierbezug und Sitzplätze. Die Models und ich soffen uns durch eine elend ewige Wartestunde und zählten die Gäste durch. Es wurden ab 'Viertel vor' wieder eher weniger, also ging's nach einiger Drängelei um 12 endlich los. Da standen wir also jäh beleuchtet mit eins auf der Bühne. Meine drei Querformate und das Längsformat guckten mich ratlos an. Ich wußte auch nicht mehr so recht. Ich teilte die T-Shirts zu, und nun standen alle halbnackt in der Landschaft und wühlten mit Hemden überm Kopf rum. Anziehn, ausziehn, etwas Tumult, die kleinen akkustischen Schreckensmomente des Bierflaschenumkippens - und irgendwie ging dann auch mein Urlaubsbericht dazu los. Nachdem nun Bernd Gärtner begriffen hatte, daß ich nicht mal mehr wußte, wo genau ich mich in Urlaub befunden hatte, riß er, der ehemalige Prediger, geistesgegenwärtig gewisse Passagen an sich. Derweil versuchte ich mich für den Fortlauf wieder zu sammeln und machte weitere retardierte Erklärungen zu den Alpen und gab allgemein wirre Alperiana von mir. Dann waren alle Hemden vorgeführt, und wir sangen zum Schluß noch Hart wie Kameldornholz, ein Ferienlied aus ganz anderen Gegenden – einerlei! Der Einfall für Hundertmarks Kartons war dann: Die wirst du gut los, die 12 verschwitzten Hemden, die packst du dem Hundertmark in seine 12 Kartons! Damit nun der Kartonbesitzer den Überblick behielt, wurden in einem Umschlag die 11 Fotos der anderen 11 Hemden durchnumeriert und signiert (jetzt vereinfacht: „TK 93") beigegeben. Außerdem gab es diese hier vorliegende Erklärung in etwas anderer Form mit zwei Fotos vom Vortrag dazu. Zum Schluß noch eine Zeichnung. Die hatte ich während einiger Regentage damals im Alpenhotel Zum Schütt mit Filzstiften gefertigt. 12 dieser Blätter auf gewählt schlechtem Papier sind - klar! - TK-signiert auf die 12 Kartons verteilt. Und Onkel und Dantes Inferno heißt der Karton deshalb, weil der schon so hieß, bevor ich wußte, was rein kommt. Es paßte aber doch, weil die Alpenreise ein rechtes Inferno war, Dante auch irgendwie cisalpin mit den Alpen zu tun hatte und ich ja auch ein Dichter bin und auch ein richtiger Onkel. Und Hundertmark hat die Pakete dann unter das denkwürdige Volk der Kunstsammler gestreut. Und wir haben wieder was zu erzählen.
4. Oktober 2009
Der schiefe Turm von Volprihausen
Wenn man nur hinreichend wartet, waltet wieder der Zufall und wünscht, daß ich im Kopierladen stehe und sehe, wie ein junger, moderner Mensch sich für 20 Mark geschwind ein Diafoto auf elektrokomische Weise auf ein hübschweißes T-shirt drucken läßt! Ich marschierte nach Hause, stellte 12 Dias zum Thema 'Urlaub in den Alpen 1992' zusammen und ließ die Bilder auf 12 T-shirts mit Überweite drucken. Ich mag und brauche keinen Urlaub! Ich bin hinreichend dienstlich unterwegs und bekomme auch nach drei Tagen Heimweh, aber 1992, da machte ich „Urlaub" mit Freundin in den Hochalpen! Oder eher sie mit mir. Und da es nun ganz verkehrt gewesen wäre, im Ex und popp einen subkulturell kompatiblen Undergroundquatsch zu bieten - was denen so gepaßt hätte! -, beschloß ich, ihnen eine Urlaubsbombe in ihren düsteren Müllkeller zu paschen. Du gehst methodisch-inhaltlich auf den puristischen Urlaubsdiaabend zurück, da sie ja selbst nie rauskommen, diese nächtlichen Avantgardisten, an die Sonne, ans Licht, in Gebirge! Und alles - der Knüller! - ohne Dias. Ich hatte ja die Neuerung: 12 Urlaubsfotos auf 12 Übergrößen! Am Stammtisch meiner Lieblingsgaststätte sitzen - so will es das Fatum - bemerkenswert viele dicke Herren. Wir treffen uns mindestens wöchentlich einmal dort und trinken gediegen, ja achtbar. Diese dicken Freunde wollten mir den Freundschaftsdienst tun und sich um die Querformate kümmern. "Hört zu, Kinners! Ich halte einen Bildervortrag da und ihr macht die Querformate, ihr zieht auf Kommando die Querformate über. Ich sage: Alpenpanorama, hinten links der Sorgschroffen! – und dann ziehst du, Plummy, den Sorgschroffen über. Klar?" - "Geht in Ordnung, machen wir. Ich bin der Sorgschroffen." Es handelte sich bei den drei Gehilfen für die Querformate um den Galeristen Jes Petersen, um den vormaligen Pastor und theologischen Antiquar Bernd ‚Plummy' Gärtner und um den Geologen und Pharmavertreter Andreas ‚Pille' Dittmann. Ein mir bekannter zwei Meter großer, schmaler Mensch, der Krankenpfleger und Deutschstudent Frank Niemann, versprach, an betreffendem Abend als vierter Mann die Hochformate vorzuführen. "Fränki, du mimst den schiefen Turm von Volprihausen. Wenn ich sage: Schiefer Turm von Volprihausen, dann ziehst du den über, klar?" - „Klar, mach ich! Ich bin der schiefe Turm von Volprihausen." – „Gut. Also bis übermorgen!"
2. Oktober 2009
Onkel und Dantes Inferno
1993 bot mir Armin Hundertmark an, eine Karton-Edition für ihn zu basteln. Er gab diese Editionen dann in kleiner Auflage in der Edition Hundertmark heraus. Es gibt sie heute noch, und er hat diese Kunstform unter Zutat von bewährten Fluxus-Üsancen wohl erfunden: allerhand Kunstkleinkram wird in einen Karton verpackt, der in kleinen Auflagen erscheint. Und der Sammler ist immer auch besser gleich noch Galerist und Verleger. Da hievt, wenn's gut geht, eins das andere ins Gelingen. Die Künstler fummeln und zeichnen also eine einigermaßen gleichartige Ladung für zehn Kisten. Der Galerist ediert und verkauft sie und nimmt selber eine – mit Galerierabatt. So ungefähr. Ein Zufall wollte, daß in meiner Hundertmark-Kiste wieder Hemden drin waren. Was so kam: Jeder, der mich kennt, weiß, daß ich ein Neupionier des lichtbildgestützten Vortrages bin, nee, war; derweil bin ich zu faul, Diaprojektoren durchs Land zu schleppen und etwas zu tun, was zeitweise ohnehin alle taten, bis es dann wieder aus der Mode kam. Heute belebe ich es darum wieder mit transportfreundlicher Technik; es stehen ja überall diese Beamer rum. Also damals gab es von mir den ästhetisch gepfropften Diaabend mit schwerem Kodak-Carousel (noch gibt es sie!) und Fernbedienung und Ersatzlampe. Schiere Leseabende wollten mir damals öd vorkommen, also war ich auf die Idee mit den flankierenden Dias gekommen für Menschen, die eigens auf das Fernsehen verzichteten, um zur Lesung zu kommen. Wir guckten dann Bilder und ich erzählte aus dem Stand Geschichten. Sehr amüsante Sache! Und keine unterschätze das geschulte Auge und die hermeneutische Bildschau, die optische Mitgift, die gut ausgebildete Ekphrasis! (Hierzu weiß Heinrich Dilly einiges!) Das Ex und popp, ein dunkles Nachtverlies für Verlorene und einsame Trinker mit Stil, fragte damals an, ob ich so einen Vortrag mal bei ihnen machen wolle. Es drehte sich dort eher um Musik. Blixa Bargeld stand bisweilen hinterm Tresen, Nick Cave oft davor. Und nun sollte auch mal der Lichtbildonkel da rumstehen. Ich sagte zu, denn das Ex und popp steht in der magischen Genealogie von Mr. Go, wo ich schon als Schüler rumstand, und Risiko und siedelte wie diese im genius loci der westlichen Yorkbrücken. Das Ex und popp anverwandte sich der tiefen Nacht, und so war ich, der Frühmensch, seltener Gast. Ich trinke lieber zeitig, habe es gern hell und lese gern zum Bier am Tisch Zeitung bei gar keiner Musik. Deshalb verlief ich mich allenfalls bei Vollmond und stark vorbehandelt ins Ex und popp. Ich habe kaum ja erinnern können, wie ich von dort nach Hause gekommen war. Je nun, ich sagte zu, denn man muß als Mann im Leben einen Mist gebaut, einen Baum gefällt und im Ex und popp aufgetreten sein! Sofort aber gereute es mich wieder. Der blöde Aufwand, mitten in der Nacht! Das Gewarte bis es los geht, die vielen Wartebiere! Die ewig gleichen Dias. Das Vorturnen. Diese ganzen Strapazen! Der Zweifel. Was tun? – Warten! Einige Tage noch warten!
26. September 2009
Frische Hemden
Armin Hundertmark war ein ruhiger, unscheinbarer Mann, der in Berlin ganz hinten links im Westteil der Stadt eine Gartenlaube ohne Telefon bewohnte und Kunst sammelte. Er tat das sehr geschmackssicher. Der späte Verkauf eines einzigen Bildes von Dieter Roth soll ihm ein passables Landhaus mit Garten und Telefon eingetragen haben. Damals gab es diese unbekümmerten Sammler, so welche wie ihn, wie Block, Petersen. Man hielt sie für irre, weil sie Polkes oder Roths für tausend Mark kauften anstatt Autos oder Telefone. Nun wissen wir, daß sie alles richtig machten - und wissen immer noch nicht, wie man heute alles richtig macht. 1987 fragte mich Armin Hundertmark, ob ich nicht mal eine Edition bei ihm machen wollte. Na klar! Nach zwei Wochen lieferte ich ab. Hundertmark refüsierte. Gefiel ihm nicht. Als der Scheiß wieder bei mir angekommen war, habe ich den Scheiß im Bierfuror auseinandergerissen, irgendwie betont schlampig, bemüht pfuschig wieder zusammengesetzt, Hundertmark verflucht und dann den Mist noch 14 Tage in die Scheißluft ins Klo zum Räuchern aufgehängt. Und wieder nach Köln geschickt. Jetzt gefiel es ihm! Das Heft hieß 'Frische Hemden'. 14 Tage später kam die ganze verwunschene Ladung frisch gedruckte 'Frische Hemden' in einem kläglichen Karton wieder retour. (Armin kaufte nie Briefumschläge oder Kartons! – er verschickte stets beachtlich vernutzte Emballagen - auch das muß ihn vermögend gemacht haben.) - Was ist denn nu wieder los? - Ich sollte numerieren und signieren. Also saß ich vier Stunden wie ein Geisteskranker und schrieb meinen mir mit der Zeit immer seltsamer vorkommenden Namen und Nummern: „... Kapielski 296/300, Kapielski 297/300, Kapielski 298/300, Kapielski 299/300, Kapielski 300/300, feeertig!!! - Aber: Warum heißt du Kapielski? Und nicht Kurz? Oder kürzer?" Mir fehlte das Kunststudium, dort lernt man so was! Ich beriet mich damals beiläufig bei fortgeschritteneren Kollegen und Lehrherren: "Schmiddy, wie machst du das?" Thomas Schmit machte "t.s." Sehr gut, da mache ich in Zukunft "TK" ohne Punkte. Nun war 'Frische Hemden' fertig und reifte in den Hundertmarkschen Regalen zu einem unscheinbaren aber famosen Ladenhüter heran. Das Ding geht nochmal ab, versicherte ich allen Käsefreunden! Wenns alle ist, wirds die Sammler den Verstand kosten! Ja, und nun ist es so gekommen. Alle muß frisch erschwitzt oder gleichmütig erwartet werden.
8. September 2009
Richtungswahl
Die leichte Links-Rechts-Asymmetrie bei Wirbeltieren, in Folge einer bevorzugten Händigkeit, läßt uns, die wir Wirbeltiere sind, orientierungslos, bei Nebel etwa oder in weiten Wüsten, im Kreise gehen oder inmitten uferloser Gewässer im Kreise schwimmen, obgleich wir fest entschlossen waren, uns geradeaus und hinaus aus der Verirrung zu bewegen. Rechtshänder laufen und schwimmen Links-, Inverse Rechtskreise, vermutlich, weil die kreisäußere Muskulatur kräftiger entwickelt ist. Auf Karten eingezeichnet, sehen die orientierungslosen Irrwege wie mählich abdriftende Spiralen aus, die in großen Bögen an ihren Ausgangspunkt zurückkreiseln. (Rechte Gonade, vulgo Ei, liefert männchen-, linke weibchenbestimmende Keimlinge. - Dachte man mal, ist aber Unfug.) Sobald Städte nicht mit geraden Straßengittern ausgestattet sind, sondern, wie die Altstädte, mit Rundläufen und krummen Gassen, fange ich mich zu verirren an und finde dabei stets die vorzüglichsten Gaststätten oder Friedhöfe, kleine Parks, reife rotschimmernde Stachelbeerbäumchen darin oder Brunnen. Neulich in Hamburg einen uralten Hutladen mit eigener Manufaktur. Am 12. September muß ich dieses Jahr den Weg in die Feldstraße zur Fa. Übel & Gefährlich finden. Da gibt es eine Lesung!
31. August 2009
Einst knappes Knipsen, nun ausschweifendes Abschweifen
Bis vor nicht allzu ferner Zeit, fotografierte ich gern. Ich schleppte stets eine kleine Automatik mit Diafilm herrum. Insbesondere pirschte ich auf Lampen, Tisch/Stuhl-Ensembles, Hafthaken und Tieratrappen. Menschen fotografieren, das mied ich strikt. All dies steht kompakt begründet in meinem Fotokatalog „Verduten, Lampen, Tierchen" von 2008. (Hier kann man was angucken: http://www.zeit.de/online/2008/51/bg-kapielski) Seit es diesen Katalog gibt und vor allem die Digitalfotografie, bin ich es leid! Als noch gewöhnliches Filmmaterial verwendet wurde, überlegte der Fotograf noch halbwegs gewissenhaft, was er denn knipsen wolle. Heute wird draufgehalten, was die Gigaspeicher herhalten! Doch schon damals wucherte die Knipserei, so daß ich 1999 bemerkte: „Es sollen, lese ich, weltweit pro Sekunde durchschnittlich 2300 Fotos geschossen werden. (Fotoindustrie hat's glaubhaft geschlußfolgert, da sie wissen, wieviel Film sie verkaufen.) Bei einer Belichtungszeit von einer 2300stel Sekunde wäre die fotografische Beaufsichtigung und Aufnahme der Weltzeit folglich lückenlos, (nee, Lücken gibt's noch, also sagen wir:) komplett; weltweit wäre immer gerade ein und nur ein Objektiv der Welt geöffnet; da aber im Durchschnitt 125stel Belichtungen vorgenommen werden, gebiert das Fotografieren durch sich überschneidende Weltaufnahme einen Zeitüberschuß mit dem Faktor 18,4 pro Zeiteinheit. In einem Jahr, realen, irdischen Werdens, werden mithin 18,4 Jahre fotografisch entnommen (aufgenommen) und in negatives und positives Sein umgeformt (flach gemacht). Gewisse Weltausschnitte, schiefe Eiffeltürme, Schiffers Ausschnitte, irgendwelche Hamburger Häfen und so was, werden dabei aber sehr bevorzugt platt gehauen (Fotoplatte), weswegen der Verewigungsfaktor (Verflachungsfaktor) bei manchen Weltansichten verblüffend gegen unendlich, bei anderen gegen Null zu veranschlagen ist." Das waren Zeiten! Heute gibt es überhaupt mehr fotografische Abbilder als wirkliche Bilder. Die Abbilder verstellen die Bilder! Hinzu kommen die Wucherungen des digitalen Films. Jeder Geburtstag, jede Hochzeit wird von wenigstens drei Personen lückenlos gefilmt. Für das Anschauen der Filme braucht die Festgesellschaft dreimal mehr Zeit als für das Fest selbst. Vor Jahren war ich mal zu einer Gala eingeladen, die im Fernsehen übertragen wurde. Nicht wenige der leibhaftig anwesenden Gäste schauten sich ihre Nobelfeier in eigens eingerichteten TV-Nischen mit Sofas und Sesseln lieber doch am Bildschirm an. (Die Medienfritzen wissen genau und selbstgewiß, wie det so looft!)
23. August 2009
Ach, Kinners, nee!
Soviel, so Viel! - steht ja hier allerorten im Weltweitnetz Tag für Tag. Deshalb zur Entlastung heute bei mir mal goa nix! Außer wieder diese, also DIESE zwanghaft pflichtversessene, nee, nee! - versessen nun gerade nicht - also pflichterfüllende Mitteilung, daß nix mitgeteilt wird heuer. Gut. Und nun sofort wieder zu "Zettels Raum" oder "Quackel.de" oder zum dumpf-forschen "Spiegelonline" oder auch zu "Kicker", wo es an den Mitteilungen nichts ideologisch zu beugen gibt! 1:0 ist Eins zu Null! Baschta! Bitte umschalten!
20. August 2009
Dem Gut des Gutes- gut!
„Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Kabarett und Comedy?" „Der Comedian macht es wegen dem Geld, der Kabarettist macht es des Geldes wegen." Lese ich auf einer Netzseite: Flache Erde. Großartig!
15. August 2009
Motorisierung, Mütter, sonder Sächsin!
Heute im Park Weizenbierobachtungen: Mensch! Wir wurden doch früher in den Kinderwägen so geschoben, daß wir der Mutter zärtlich ins Gesicht schauen konnten. Und die Mutter wollte ihre Wonne und deren Befindlichkeiten im Blick haben. Verliebt sahen wir uns an. Und selbst schoben wir unsere Gören auch so. Heute sitzen die Schnoppels umgedreht: sie schauen alle wie Autofahrer in die Welt, sich auf die Einsamkeiten der Zukunft einstellend. Hinterdrein traben telefonierende, tätowierte, genagelte (-piercte) Mamas und sind mit ihren eigenen Lebenszumutungen und sich selbst beschäftigt. Ein paar Jahre noch, dann schieben die rückwärts! Die Liebste, stellt sich heraus, eine an Nebenwurzeln: Sächsin! eine bosnische Bergarbeitersnachfahrin, damals die besten Bergleute Europas aus Sachsen geworben. - Das erklärt einiges: der Sachse gilt als gemütlich, naiv, leidensfähig, humorvoll. Und sie mögen kein Sushi, wie meine Liebste, die Sächsin: Ehepaar bestellt im Zeitzer Hof "Sauerbraten mit Klöße", die Sachsenspeis schlechthin! Doch der Ober bringt Forelle blau. Nach einiger Zeit des andächtig-bedächtigen Schweigens sagt die Frau zum Mann: "Gomm, mach mor geen Offschdand un wärchn das Zeich nund'r!" Sachen und auch Thüringer, ich liebe euch!
8. August 2009
Pi
Heute nacht zur Gewissheit geronnen: Wäre Pi endlich, gäbe es kein Pleuel! Dann stockte das Lineare, sich ins Zirkuläre zu verströmen! Welch unglaubliche Konsequenzen!
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