Mathias Bröckers
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Home > Writersblogs > Writersblog von Mathias Bröckers.
Writersblog von Mathias Bröckers.
26. Juli 2010
Die Afghanistan War Logs
Es ist erst acht Jahre her, doch es kommt einem vor wie die Steinzeit, als Verleger ihre Buchautoren noch darum baten, den Lesern zu erklären, was Google ist. Als ich das Buch "Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9." bei Zweitausendeins veröffentlichte - zuvor waren große Teile davon als Serie schon auf Telepolis erschienen - brach der große Mediensturm gegen "Verschwörungstheorien" los. Das in nahezu jeder Kritik auftauchende Hauptargument gegen das Buch war, dass das ja alles "nur aus dem Internet" stamme - und schon von daher nicht ernst zu nehmen sei. Wie sich die Zeiten ändern, jetzt erscheint das ehemalige Nachrichtenmagazin schon extra einen Tag später, um zusammen mit der NY Times und dem Guardian Dokumente des Afghanistan-Kriegs zu veröffentlichen - die zuvor bei Wikileaks, im Internet, publiziert wurden. Während der "Spiegel" aus dem Material aber nur ein paar Stories generiert, zeigt der Guardian, wie Internet geht und präsentiert die Dokumente auf einer interaktiven Karte : The Afghanistan War Logs. . Nachdem ich etwa zwei Stunden in dem Material gestöbert hatte war mir noch nichts aufgefallen, was wirklich neu wäre: dass Special Forces der USA nicht dem ISTAF-Kommando unterstehen sondern auf direkten Befehl aus dem Pentagon "Böse" killen (und dabei reichlich Zivilisten ermorden) ist nicht sonderlich überraschend - sie mußten ja Osama aus Tora Bora auch auf direkten Befehl laufen lassen. Dass der pakistanische Geheimdienst ISI die Taliban unterstützt ist ebenfalls überhaupt kein Geheimnis - es war u.a. schon 2002 in dem oben erwähnten Buch nachzulesen. Heroin ist die wichtigste Einnahmequelle Pakistans und das Opium wächst nun mal bei den Talibs in den Bergen. Das wissen auch die USA - und weil Pakistan anders seine Einkäufe amerikanischer Waffen nicht bezahlen kann ist das jetzt in Washington anhebende Bashing der Pakis wohl eher eine Farce - und keine Exit-Strategie. Dass die Großmedien nun dennoch ein paar schreckliche Details aus einem sinnlosen, ungewinnbaren Krieg veröffentlichen verdankt sich indessen nicht irgendwelchen investigativen Rechercheleistung, sondern dem Vertrauen, das Whistleblower in das Internet, in Publikationsplattformen wie Wikileaks setzen - und das "Spiegel" und Co. mittlerweile verloren haben.
24. Juli 2010
Die Drogenlüge: 100 Jahre Prohibition
Im Jahr 1909 wurde das erste Globalisierungsgesetz auf den Weg gebracht: die Prohibtion von Drogen.Ein Jahrhundert später ist dieses Verbot nicht nur sozial- und gesundheitspolitisch gescheitert, sondern unterminiert durch seine Nebenwirkungen die Rechtsordnung und Gesellschaft in vielen Regionen der Welt. Das ist das Thema meines nächsten Buchs, das im September erscheinen wird: Die Drogenlüge - Warum Drogenverbote den Terrorismus fördern und Ihrer Gesundheit schaden. Im Folgenden ein Auszug aus der Einleitung: Am Anfang war das Drogendelikt. Eva und Adam nahmen von der verbotenen Pflanze und wurden mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft. Theologen mögen einwenden, dass dies eine allzu profane Deutung des Sündenfalls sei, doch wenn wir die Geschichte aus dem Buch Genesis beim Wort nehmen, kann kein Zweifel daran be stehen, dass es sich bei der verbotenen Frucht um eine psychoaktive, bewusstseinsverändernde Pflanze – eine Droge – handelt. Und ebenso klar ist, dass Eva und Adam über ihre Eigenschaften im Dunkeln gelassen wurden: Die Autorität im Garten Eden hatte die Pflanze verboten, weil ihr Genuss angeblich tödlich sei. Mit dieser noblen Lüge – »nobel«, weil Gott per se nur das Beste für seine Ge- schöpfe im Sinn hat, und »Lüge«, weil es sich um Desinformation handelte – steht und fällt die ganze Dramaturgie der Geschichte. Denn was wäre geschehen, wenn Gott die Paradiesbewohner über »Risiken und Nebenwirkungen« des Präparats vom »Baum der Erkenntnis« sachgemäß aufgeklärt hätte? Eines kann man mit Sicherheit sagen: Der Menschheit wäre viel Ärger erspart geblieben. Vielleicht hätten die beiden es erst einmal bei einer homöopathischen Kostprobe belassen, anstatt gleich den ganzen »Apfel« zu essen. Aber selbst wenn sie sich – des ewig harmonischen göttlichen Einsseins überdrüssig – mit einer gezielten Überdosis in die rauhe (aber spannende) Dualität des Erdenlebens geworfen hätten, stünden wir heute besser da. Ohne mythologische Schuld, ohne Erbsünde und ohne einen zürnenden Gott. So aber war Eva auf Arzneimittelinformationen von der Straße angewiesen – Gerüchte einer Schlange statt Aufklärung von einem Arzt oder Apotheker –, und die Katastrophe nahm ihren Lauf. Wir müssen dem Herrn im Garten Eden keine bösen Absichten unterstellen, als er den Baum der Erkenntnis als tödliches Gift deklarierte. Er wollte vermutlich nur das Beste für seine Geschöpfe, doch er erreichte das Gegenteil. Nicht der Genuss der Pflanze, sondern die mit ihrem Verbot einhergehende Desinformation sorgte für den Absturz aus dem Paradies.
Der Rausch und seine Mittel sind so alt wie die Menschheit. Hätte »Ötzi«, der in den Südtiroler Alpen Anfang der neunziger Jahre gefundene »Gletschermann«, die italienisch-österreichische Grenze nicht schon vor mehr als 5000 Jahren, sondern in unseren Tagen passiert – er hätte außer einem Wetterumsturz auch die Drogenfahndung fürchten müssen. In den Taschen des tiefkühlkonservierten Steinzeitmenschen wurden halluzinogene Pilze gefunden, deren Wirkstoffe heute auf dem Betäubungsmittelindex stehen. Hätte unser Gletschermann den Zollkontrolleuren freimütig gestanden, dass er die Pilze regelmäßig konsumiere und einen größeren Vorrat zu Hause hätte, er wäre nach erfolgter Höhlendurchsuchung einem Haftrichter vorgeführt worden. Auf seine Einwendung, dass er auf die Pflanze angewiesen sei – aus medizinischen Gründen oder um spirituellen Kontakt mit dem »Geist der Vegetation« zu halten –, hätte man ihn in die Psychiatrie überwiesen und mit legalen Drogen vollgestopft – aus Ötzi wäre ein »Fall« geworden, eines jener Opfer, zu deren Rettung die Drogenkrieger ausgezogen sind. Ihre grundlegende Idee einer drogenfreien Gesellschaft, so zeigt dieser kurze Rückblick in die Steinzeit, war nicht erst seit den Zeiten der Puritaner falsch, sie widerspricht den Grundtatsachen der menschlichen Zivilisation. Zu allen Zeiten haben Menschen bewusstseinsverändernde, geistbewegende Substanzen zu sich genommen. Zu allen Zeiten gab es Regeln, wie mit ihnen umzugehen ist, und Methoden, wie Missbrauch und Schäden durch diese Substanzen zu vermeiden sind. Doch erst seit etwa hundert Jahren sind einige dieser Substanzen international gea?chtet und werden mit den Mitteln des Strafrechts weltweit verfolgt. Auch diese Verbote waren, wie damals im Garten Eden, durchaus von guten Intentionen getragen, dem Wunsch, die Bevölkerung vor den Gefahren des Missbrauchs und der Sucht zu schützen. Die Beschluesse, die auf dem ersten Treffen der Diplomaten der »Opiumkommission« in Shanghai (1909) und in den anschließenden Konferenzen in Den Haag (1911/12) und Genf (1925) gefasst wurden und später in die »Single Convention on Narcotic Drugs« der Vereinten Nationen (1961) einflossen, waren beseelt von dem Wunsch nach einer »drogenfreien Gesellschaft« und der Überzeugung, diese mit den Mitteln der Kontrolle und des Strafrechts erreichen zu können.(....) Würde man die Väter des Drogenverbots heute mit den Ergebnissen konfrontieren, zu dem ihre Beschlüsse ein Jahrhundert später geführt haben, würden sie wahrscheinlich erschrecken: Was sie als institutionellen Segen der Menschheit auf den Weg gebracht hatten, um zahllose unschuldige Opfer vor der Heimtücke der Drogenabhängigkeit zu retten, hat sich als Fluch erwiesen. Sie haben ein Monster in die Welt gesetzt, das sich, seit US-Präsidenten Richard Nixon es 1971 »War on Drugs« (Krieg gegen Drogen) taufte, zu einer der gefährlichsten Plagen des Planeten ausgewachsen hat. Der Krieg gegen Drogen bedroht die Bürgerrechte und Freiheiten in aller Welt und erschüttert demokratische Strukturen und die gesellschaftliche Ordnung in vielen Regionen – von den Andenstaaten und Mexiko wo rivalisierende Banden derzeit ganze Provinzen in bürgerkriegs- ähnliche Zustände stürzen, bis nach Afghanistan und Pakistan, wo sowohl die »Taliban« wie auch ihre Gegner vom Drogengeschäft profitieren . So finanziert und fördert dieser Krieg gegen Drogen nicht nur den internationalen Terrorismus und die organisierte Kriminalität, sondern produziert darüber hinaus mit Abertausenden von »Drogentoten« die Opfer, zu deren Rettung er eigentlich erfunden wurde. Die Lebenserfahrung, dass eine »gut gemeinte Absicht« ins Gegenteil umschlagen kann, trifft auf die Drogenprohibition zu wie auf keinen anderen Bereich der Politik. Was die Diplomaten 1909 auf Anregung der USA in Schanghai auf den Weg brachten und 1925 in der Genfer Drogenkonvention mu?ndete, war eines der ersten Experimente einer globalisierten Politik und stellt praktisch das erste globale Gesetz der Welt dar. Hundert Jahre später nun haben die desaströsen Folgen dieser Politik eines der größten Probleme der globalisierten Welt geschaffen Dass das Desaster, welches der Krieg gegen Drogen anrichtet, tatsächlich monströse Ausmaße angenommen hat und es deshalb kaum einen dringenderen Punkt auf der Agenda der internationalen Politik geben kann, als diesen Krieg sofort zu beenden – diese Behauptung speist sich nicht aus ideologischen Gründen. Es kann nicht mehr länger darum gehen, eine ideologische Debatte fortzuführen, die seit nunmehr einem Jahrhundert festgefahren ist zwischen den Extremen einer religiösen Moral, die Drogen schlechthin als »Sünde« betrachtet, und eines libertären Individualismus, der sich jede Bevormundung durch Staat und Autoritäten verbittet. Worum es gehen muss, ist der nüchterne Blick auf die Empirie – auf Zahlen, Daten und Fakten – und die objektive Bewertung der Gewinne und Verluste, um eine Grundlage zu schaffen für eine pragmatischen Entscheidung über eine Beibehaltung oder eine Änderung der bisherigen Strategie. Für einen ersten grundlegenden Befund freilich braucht es keine detaillierten empirischen Belege, sondern nur ein wenig Menschenverstand: Das »Drogenproblem« ist nicht lösbar. Vielmehr produziert die Prohibition das Problem, als dessen Lösung sie sich ausgibt.(....)
19. Juli 2010
Spion vs. Spion
"Spy vs. Spy" war ein berühmter Cartoon in "Mad" und später ein Computerspiel auf dem C 64 - und kam mir in den Sinn, als ich die Meldung über eine Serie der "Washington Post" las, der sich mit der seit 9/11 nahezu unkontrollierten Aufblähung der Geheimdienste in den USA befaßt: "A hidden world growing beyond control" : "Die beiden Autoren haben 1.271 Behörden und 1.931 Firmen ausgemacht, die für Programme arbeiten, die mit dem Antiterrorkampf, der Inneren Sicherheit oder geheimdienstlicher Aufklärung verbunden sind. 854.000 Personen wurden für Top-Secret-Bereiche mittels Sicherheitsprüfungen zugelassen. 33 Gebäude für Top-Secret-Arbeit mit einer Fläche von 1,6 Millionen Quadratmetern wurden nach dem 11.9. in Washington und Umgebung gebaut oder befinden sich noch im Bau. Angesichts dieser aufgeblähten Apparate an Stasi oder Gestapo zu denken liegt durchaus nahe - viel spannender jedoch scheint die Frage, inwieweit es sich bei dieser "Enthüllung" über außer Rand-und Band geratenden Geheimdienste um ein "limited hangout" handelt, der selbst von einem der Dienste lanciert ist. Als Carl Bernstein, einer der beiden Reporter, die 1972 die Watergate-Affäre aufdeckten, nach seinem Weggang bei der "Washington Post" 1977 einen Artikel darüber recherchierte, wieviele Journalisten bei den großen Zeitungen und Sendern in den vergangenen 25 Jahren auf der payroll der CIA standen, kam er auf die stattliche Anzahl von über 400. Dass es nach dem Ende des Kalten Kriegs weniger geworden sind ist eher unwahrscheinlich, dass es nach dem 11.9.2001 eher mehr wurden liegt auf der Hand. Deshalb wird die WaPo in dieser Serie wohl auch nicht auf die Idee kommen, die Recherche ihrer Reporterlegende 30 Jahre später zu wiederholen...
13. Juli 2010
WTC 7 - ein neues Weltwunder.
"Wunder geschehen nicht im Gegensatz zur Natur, sondern im Gegensatz zu dem, was wir von der Natur wissen." Diese wunderbare Defintion des Hl. Augustinus hatte ich als Motto meinem Buch "Das sogenannte Übernatürliche" (1998) vorangestellt, in dem die These ventiliert wird, dass es vielleicht gar nichts "Übernatürliches" gibt, sondern nur wir Menschen eher zu "unternatürlich" sind, um die "Wunder" dieses Kosmos - von der Quantenphysik über die Homöopathie bis zu diversen Himmelserscheinungen - wirklich zu verstehen. Und man deshalb - mit der Philosophin Katja Ebstein - eigentlich nur sagen kann "Wunder gibt es immer wieder - wenn sie Dir begegnen mußt Du sie auch sehn." Seit dem 9. Juli nun ist ein recht profanes Ereignis - der Einsturz eines 47-stöckigen Wolkenkratzers - in den Status eines offiziellen Wunders erhoben worden. Der Direktor des "National Institute of Standards and Technology" (NIST), dass den Einsturz der drei Türme des World Trade Centers jahrelang untersucht hatte, teilte mit, das die Ergebnisse der Untersuchung über die technischen Ursachen des Einsturzes von WTC 7 - des ersten Stahlskelettbaus aller Zeiten, der durch ein Feuer völlig zerstört wurde - nicht veröffentlicht werden dürfen. Dies könnte "die öffentliche Sicherheit gefährden.(pdf)" ( via Fefe) In der Tat - wenn Fakten die öffentliche Sicherheit bedrohen hilft nur noch Wunderglaube. Wenn die physikalischen Naturgesetze nicht mehr gelten muß Übernatürliches im Spiel sein. Die Magie von Osama und den 19 Teppichmessern, nicht nur zwei Türme zu treffen und drei zum Einsturz zu bringen, sondern sie auch noch allesamt im freien Fall zu pulverisieren, kann somit als erstes Weltwunder des 21. Jahrhunderts gelten...
8. Juli 2010
Hop, Holland, Hop!
Dass Yogis Buben gegen Spanien rausgeflogen sind lag nicht am blauen Pulli aus "Baby-Kaschmir" - der hat bei den beiden vorherigen großen Siegen funktioniert; es lag auch nicht daran, dass Jungstar Müller wegen einer idiotischen Sperre fehlte - der hätte allein auch nichts ändern können. Es lag wahrscheinlich daran, das Yogi sich nochmal angeschaut hat wie sein Quasi-Nachbar Ottmar Hitzfeld mit der Schweiz 1:0 gegen Spanien gewonnen hat: 9 Mann hinten rein stellen und irgendwie auf Konter hoffen. Von der ersten Minute an verlegte sich das deutsche Team auf's Verteidigen - kein Pressing, kein Forechecking, kein Versuch selbst das Spiel zu machen. Fast über 90 Minuten überlies man dem Gegner 2/3 des Spielfelds und ließ ihn geruhsam bis hinter den Mittelkreis kommen. Die Schweizer dagegen hatten schon weiter vorne unermüdlich mit massivem Zerstörungswerk begonnen um die spanischen Ballzauberer Xavi und Iniesta erst gar nicht ins Spiel kommen zu lassen. Gestern abend hatten die beiden stets genug Raum und Zeit zum Schalten und Walten und ihre Mitspieler in Szene zu setzen. Dass das einzige Tor nach einer Ecke fiel sagt nichts über den Spielverlauf, aus dem heraus leicht zwei oder drei weitere Tor hätten fallen können. Das 1:0 ist insofern schmeichelhaft für die mutlose und schlaffe Boygroup, als die sich die deutsche Mannschaft gestern präsentierte. Dass sie es anders kann, hat sie gegen Argentinien und England gezeigt. Die Holländer werden es vielleicht besser machen, wenn ein bissiger van Bommel im Mittelfeld mit der nötigen Härte verhindern kann, dass Spaniens Regisseure richtig ins Spiel kommen... ich drücke ihnen die Daumen.
6. Juli 2010
"Wenn es der Wahrhheitsfindung dient..."
Vor wenigen Minuten erhielt ich die Nachricht, dass Fritz Teufel heute mittag gestorben ist. Er litt schon seit Jahren schwer an der Parkinson-Krankheit, hatte sie aber noch im Frühjahr so weit unter Kontrolle, dass er sich mit Freunden zum Tischtennis im Tiergarten verabredete. Wie der unlängst verstorbene Dennis Hopper mit "Easy Rider" war Fritz Teufel für mich als Jugendlicher zum Helden geworden, mit jenem berühmten Satz vor Gericht, als er - angeklagt wegen eine der vielen politischen Aktionen der "Kommune 1" - sitzen blieb und weiter Zeitung las als die Richter den Verhandlungssaal betraten. Der Aufforderung sich zu erheben, leistete er dann mit dem Kommentar Folge: "Na ja, wenn es der Wahrheitsfindung dient...". Das war - und ist - ein Statement, das die Haltung der antiautoritären Bewegung auf den Punkt bringt wie kein anderes - und Fritz Teufel zu einer Koryphäe dieser Bewegung und ihres Humors machte, zum ersten Spaßguerillero der Republik. Zu einem freilich, der seine Widerständigkeit nicht als Spaß verstand. Ende der 70er Jahre saß er fünf Jahre in Untersuchungshaft ab, weil er wegen der Entführung des Berliner CDU-Chefs Peter Lorenz angeklagt war. Erst als die Staatsanwaltschaft ihn als Kopf der "Bewegung 2. Juni" und Entführer abgestempelt und eine hohe Haftstrafe gefordert hatte, präsentierte er sein hieb-und stichfestes "B-Libi": er hatte zur Tatzeit unter falschem Namen in einer Essener Klodeckeldabrik gearbeitet. Ich kenne niemanden, der der Wahrhheitsfindung und der Entlarvung der Staatsanwaltschaft in politischen Prozessen stoischer gedient hat als Fritz Teufel. Nach seiner Entlassung lernten wir uns kennen, er schrieb Kolumnen für die taz und begleitete mich öfter bei den Besuchen unseres "Chefkolumnisten" Wolfgang Neuss. Anders als dieser, der seinem Namen stets alle Ehre machte und Noise und Neues heraussprudelte, war Fritz alles andere als ein wilder Teufel: im Auftreten eher zurückhaltend, statt krachender Pointen eher leise Wortspiele, statt diabolischem Lachen eher spöttisches Grinsen. Und doch wird heute im Himmel die Hölle los sein, denn zu den dortigen Schweijk-Typen, den Neuss-Typen, den Lampenputzern und Revoluzzern gesellt sich jetzt einer aus der ersten Liga der Freiheitskämpfer und Humorsoldaten. Farewell Fritz!
29. Juni 2010
"I wer' narrisch" auf Arabisch.
Edi Fingers "I wer' narrisch" bei Hans Krankls Siegtor gegen Deutschland 1978 in Cordoba bleibt legendär, aber die arabischen Reporter beim Match Deutschland/England waren diesmal wahrlich auch nicht ohne: "Allah, Allah...Gooooooool".
27. Juni 2010
Unser Messi heißt Mesut
Vierundvierzig Jahre und eine kaputte Blumenvase später kann man nur sagen: und es gibt ihn doch, den Fußballgott und seine ausgleichende Gerechtigkeit. Das Match gegen England war eines der besten Fußballspiele, das ich von einer deutschen Nationalmannschaft je gesehen habe - und dass die Schmach von Wembley so wunderbar ausgeglichen wurde das absolute Sahnehäubchen. Die hier getätigte Ansage, dass unsere Jungs gegen Argentinien wohl rausfliegen, muss nach den beiden Spielen heute revidiert werden. Argentinien hat gegen Mexiko wenig gezeigt. Ein Abseitstor, ein krasser Abwehrfehler und ein Sonntagsschuß sorgten für die Tore gegen Mexiko, von Kombinationsfußball und Klasse kaum eine Spur, von Superstar Messi nichts zu sehen. Müller, Özil, Schweini & Co. dagegen demontierten das Mutterland des Fußballs mit Tempo und Technik - einer Taktik mit der sie auch gegen Argentinien weiterkommen können. Dann heißt der neue Messi endgültig Mesut und das Traumfinale gegen Holland rückt in Sicht...
24. Juni 2010
Ciao Italia !
Hach, wenn doch die hier im Blog geäußerten Wünsche alle so schön in Erfüllung gingen wie "Keinesfalls Italien"!" Ein sehr gutes Spiel der Slowakei und abgesehen von der letzten Viertelstunde ein grottenschlechter Ex-Weltmeister haben die erste tolle WM-Überraschung perfekt gemacht. Am Sonntag jetzt müssen Yogis Buben gegen das finstre Albion antreten und haben mich 100 % auf ihrer Seite. Die Schmach von Wembley 1966 - dass England durch ein geschenktes Tor Weltmeister wurde - kann ich schon deshalb nicht vergessen, weil ich damals - auf dem Fußboden vor dem Fernseher liegend - vor Wut derart mit den Beinen ausschlug, das Mutters zweitbeste Blumenvase zu Bruch ging. Schon deshalb kann England gegen Deutschland gar nicht oft und haushoch genug verlieren. Gegen Argentinien im Viertelfinale fliegen unsere Buben dann wohl raus - aber das ist in Ordnung...
15. Juni 2010
Keinesfalls Italien!
Auch wenn einem das dumpfe Deutschgetümel ebenso auf den Keks geht wie das ganze Fangetümmel - wenn die Jungs gut spielen sollen sie gewinnen. Nur einer soll das auf keinen Fall: Italien! Nach dem elenden Gegurke gestern gegen Paraguay stehen die Chancen dafür nicht schlecht.
13. Juni 2010
Kein Fußball...
...geht natürlich nicht. Und wenn so schön gespielt wird wie es die deutsche Mannschaft eben gegen Australien zeigte macht das Zuschauen wirklich Spaß. Dass schön gespielt wird ist ja schon selten genug, und von deutschen Nationalmannschaften hat man es lange nicht mehr gesehen. Das könnte also ein tolles Turnier werden in den kommenden Wochen.Wenn allerdings die ZDF-Moderatorin Müller-Hohenstein gleich von einem "inneren Reichsparteitag" für Miroslav Klose spricht, nur weil der mal wieder gut gespielt und getroffen hat - da wünscht man sich doch glatt ein 0:8 gegen Ghana...
8. Juni 2010
Hofmann's Elixir
3. Juni 2010
Die fleischgewordene Schlaftablette.
Nach Super-Horst, dem bürgernahen Sparkassendirektor, nun also Wulff, die fleischgewordene Schlaftablette aus Hannover. Jener Stadt, die großartige Pferde und die halbe englische Monarchie hervorgebracht hat und von der mein verstorbener Freund Tornado-Günther Thews einst konstatierte: "Wer Hannover kennt, dem gefällt's überall!" So ähnlich verhält es sich auch mit Christian Wulff: wer ihn einmal gesehen hat, der hat ihn beim nächsten Mal schon wieder vergessen. Der Mann ist die absolute Mitte, das Neutrum schlechthin, ein Hybrid aus Enke und Lena, den nur eine Stadt Hannover hervorbringen konnte. Da gehört er hin und da regiert er prima. Aber als Bundespräsident mit dem Schloß Bellevue als Wulffsschanze - das ist doch immerhin fraglich. Wie überhaupt dieser Auswahlprozeß des Staatsoberhaupts doch eher ein peinliches Spektakel ist. Man sollte es dem Casting-Experten Stefan Raab überlassen. Drei Shows bis Ende Juni - nicht mit Jux-Figuren und Showstars, sondern mit seriösen Kandidaten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft.Zum Abschluß public vote auf ARD und Pro Sieben - und die drei Besten kommen dann zur Wahl in die Bundesversammlung. Das scheint der gern zitierten Würde des Amts als Repräsentant aller Deutschen jedenfalls angemessener als das Pöstchengeschiebe, wer denn nun die nächsten Jahre den nationalen Grüßaugust und Frühstücksdirektor mimt... P.S.: Arno Frank weist heute in der taz daraufhin, warum es aus der Landeshauptstadt an der Leine eigentlich nur einen geben kann, der dem Amt wirklich gewachsen ist; einer der durchgreift, der sehr volksnah pinkeln gehn kann und eine glamouröse First Lady mitbringt: Ernst August Prinz von Hannover
1. Juni 2010
Israel Über Alles
Die nach Deutschland zurückgekehrten Teilnehmer der Gaza-Mission sprechen mittlerweile von mindestens 18 Totenund zahlreichen Schwerverletzten bei dem israelischen Überfall auf die Hilfsgüter-Flotte. Man muß sich nur für einen Moment vorstellen was passiert wäre, wenn die iranische Armee einen solchen Angriff auf Schiffe eines NATO-Mitglieds verübt und danach verlautbart hätte (wie jetzt der Vizeaußenminister Israels) "dass wir uns nur selbst verteidigt haben". Wahrscheinlich würde Teheran schon in Schutt und Asche liegen - und weil der "Bündnisfall" natürlich sofort eingetreten wäre, müsste die Bundeswehr dabei mitmischen... Insofern haben unsere Soldaten Glück, dass "Israel über alles" mittlerweile die Staatsdoktrin des Westens ist und auch dieses Kriegsverbrechen außer einer kleinen UN-Rüge keine Konsequenzen nach sich ziehen wird.
31. Mai 2010
Super-Horst macht schlapp...
In diesem Blog hatten wir Köhlers Klartext zu Bundeswehreinsätzen zur Förderung der Wirtschaft schon frühzeitig gelobt: endlich einmal ein Politiker der statt windelweichem Geschwalle die wahren Gründe für die Auslandspräsenz des deutschen Militärs nennt. In der Verfassung der Bundesrepublik ist derlei zwar nicht vorgesehen, wird aber seit dem Kosovo-Krieg (courtesy of Joschka Fischer & Hufeisenplan) munter praktiziert, und wäre Schwarz-Gelb ein bißchen früher ans Ruder gekommen stünde die Bundeswehr heute auch im Irak. Die jeweiligen Bundespräsidenten haben diese Verfassungsbrüche jeweils durchgewunken, auch kein Verfassungsgericht hat die von Parlamentsmehrheiten verfügten Truppenentsendungen unterbunden und so wurden Auslandseinsätze deutscher Soldaten schleichend zum status quo. Nicht weil die Bundesrepublik vom Balkan, vom Hindukusch oder der libanesischen Küste angegriffen worden wäre und ihre Verteidigungsarmee verfassungsgemäß gegen Aggressoren einsetzt, sondern weil... wie unser Bundeshorst in pfingstlicher Erleuchtung klarstellte, dort Wirtschafts,- und Handelsinteressen auf dem Spiel stehen. Nun tritt er beleidigt ab, weil dieses pragmatische Ja zum Verfassungsbruch kritisiert wurde und er aus den eigenen Reihen angeblich zu wenig Rückhalt fand. Ein denkbar schwacher Abgang, aber von einem blaß und amtsmüde wirkenden Ex-Sparkassendirektor vielleicht nicht anders zu erwarten. Angebracht für eine starke Abschiedsrede wären vielmehr die Worte gewesen, die US-Präsident Eisenhower 1961 bei seinem Fair Well fand: "In der Regierung müssen wir uns in unserem Denken vor dem Eindringen von unberechtigten Einflüssen des militärisch-industriellen Komplexes hüten, seien sie gewollt oder auch nicht. Die Gefahr eines unheilvollen Anwachsens unbefugter Macht existiert und wird fortdauern. Wir dürfen nicht zulassen, dass das Gewicht dieser Kombination unsere Freiheiten und demokratischen Prozesse gefährdet. (..)Nur eine wachsame und informierte Bürgerschaft kann eine ausgeglichene Verbindung der gewaltigen industriellen und militärischen Maschinerie der Verteidigung mit unseren friedlichen Methoden und Zielen gewährleisten, so dass Sicherheit und Freiheit gemeinsam gedeihen können...." P.S.:Der nächste Job wartet schon: hier
29. Mai 2010
Easy Rider R.I.P.
27. Mai 2010
Tablett für Sofasurfer.
Heute kam das Gerät, von dem sich die darbende Printbranche die Rettung verspricht und auf das in den letzten Wochen von den Keynotes der Verlagsoberen bis zum Geschwurbel der Feuilletonisten ein derartiger Schwall von Aufmerksamkeit und Lobpreis niederprasselte wie er ansonsten nur letzten Strohhalmen zuteil wird. Aber genau das ist Apples ipad für die Verlagsbranche nicht und nach ein paar Stunden mit der Wunderflunder muß man kein Prophet sein um vorherzusagen, dass kein Mensch zB für den Download des ehemaligen Nachrichtenmagazins 3,99 Euro zahlen wird – und damit 19 Cent mehr als für einen gedruckten "Spiegel" – so wenig wie auch die anderen Angebote der Verlage, die für ihre ipad-Ausgaben ähnliche Mondpreise aufrufen. Warum sich die schwindende Holzauflage nicht durch hochpreisige ipad-"Apps" ersetzen lassen wird, ist denkbar simpel: durch das Format, den gestochen scharfen Bildschirm und den praktischen Touch-Screen des ipads lassen sich alle herkömmlichen Nachrichtenwebsites damit wunderbar surfen und lesen. Kein Grund also, für irgendeine Nachrichten-"App" jetzt etwas zu bezahlen. Dass man mit dem Ding nicht viel mehr mit anstellen kann als surfen, lesen, emails schreiben und youtube-Videos gucken und 500 EU für die einfachste Version ein sehr stolzer Preis ist, wird einem Markterfolg nicht entgegenstehen. Die Preise werden fallen wie beim I-phone, das in den US-Walmarts jetzt nur noch 99 Dollar kostet – und wie dieses Handy wird auch das neue Tablet dem Apple-Konzern einen Vorsprung vor der Konkurrenz verschaffen, die mit "me too"-Geräten hinterhinkt. Dass der Börsenwert von Apple dieser Tage den des jahrzehntelangen Giganten der Computerbranche Microsoft überholt hat, ist kein Zufall, denn Apple betreibt dieselbe propriertäre Geschäftspolitik wie einst das Gates-Imperium. Steve Jobs ist also nicht der "Erlöser" (so unlängst der irre Springer-CEO Döpfner), sondern einfach nur ein neuer Imperator. Bis sich die IT-Welt mit offenen Systemen wenigstens ein Stück aus der Windows-Diktatur freigeschaufelt hatte, vergingen noch Jahrzehnte, die Apple-Tyrannei aber wird sich nicht so lange halten. Die ersten offenen Tablets sind schon in der Pipeline...
26. Mai 2010
Pentagon-Neusprech
Im Blog des taz Nahost-Korrespondenten Karim Al Ghawary fand ich gerade eine Hinweis auf einen empfehlenswerten Artikel des Korrespondenten-Urgesteins Robert Fisk über die "Wortwahl der Mächtigen" und den Neusprech des Pentagon schreibt: "Journalisten argumentiert er, seien zu „Gefangenen der Sprache der Mächtigen" geworden. Dann nimmt er sich einiger Phrasen an, die Generäle gern verbreiten und Journalisten bedenkenlos kopieren. Etwa der „spike of violence" Das englische Wort „spike" steht für eine kurze Spannungsspitze im Stromkreis. Immer wenn es bei Anschlagserien in Bagdad verwendet wird, ist damit ein „kurzes Aufflammen der Gewalt" gemeint. „Wir verwenden damit buchstäblich eine Wortkreation des Pentagon", schreibt Fisk. Denn, so argumentiert er: ein Spike, der geht kurz hoch und dann wieder herunter". Mit dieser Kreation vermeidet man, von einer „Steigerung der Gewalt" zu sprechen. Das klingt schon viel schlechter, denn eine „Steigerung" bleibt möglicherweise genau eine solche und geht nicht mehr zurück."
Journalism and 'the words of power'
23. Mai 2010
Klartext vom Bundeshorst.
An Pfingsten wird bekanntlich daran erinnert, dass die Jünger Jesu, nachdem der "heilige Geist" in sie gefahren sei, "in Zungen redeten" - was auf die Anwesenden wirkte als hätten sie zuviel vom "süßen Wein" getrunken. Zweitausend Jahre und eine Reformation, Aufklärung und Säkularisierung später haben sich die Verhältnisse insofern gedreht, als nunmehr die obersten Jünger des Staats, die das Jahr über Phrasen und Allgemeinplätze in die Mikrofone lallen, zu Pfingsten ausnahmsweise Klartext reden. Wie unser Bundeshorst gestern im Deutschlandradio: "Den deutschen Soldaten in Afghanistan sollte nach den Worten von Bundespräsident Köhler mit mehr Respekt begegnet werden. Die Bundeswehr leiste dort Großartiges unter schwierigsten Bedingungen, sagte Köhler im Deutschlandradio Kultur nach einem Besuch im Feldlager Masar-i-Scharif. Es sei in Ordnung, wenn kritisch über den Einsatz diskutiert werde. Allerdings müsse Deutschland mit seiner Außenhandelsabhängigkeit zur Wahrung seiner Interessen im Zweifel auch zu militärischen Mitteln greifen. Als Beispiel für diese Interessen nannte Köhler 'freie Handelswege'. Es gelte, Zitat 'ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auf unsere Chancen zurückschlagen' und sich somit negativ auf Handel und Arbeitsplätze auswirkte." Derart pfingstlicher Klartext freilich scheint unseren säkularen öffentlich-rechtlichen Anstalten genausowenig ins ins Konzept zu passen wie der Klartetxt von Pharmalobbyisten (siehe unten) - in der Abschrift des Köhler-Interviews wurde die Aussage über "freie Handelswege" rausgekürzt Womit für den gebührenzahlenden Hörer klargestellt ist, dass die heldenhafte Bundeswehr am Hindukusch natürlich "unsere Freiheit" insgesamt verteidigt wird und nicht nur ein paar schnöde "Handelswege"...
22. Mai 2010
Gebührenfinanzierte Werbung.
Martin Sonneborn, Ex-Kapitän der "Titanic", hat den Bordellbetrieb des Medien-und Politgewerbes ja schon des Öfteren großartig vorgeführt. Bei seinem jüngsten Coup ließ er einen Lobbyisten der Pharmaindustrie vorgestanzte PR-Sätze in ein ZDF-Mikrofon sprechen und sich erklären, warum bestimmte Informationen doch besser nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollen. Um genau diese Erklärungen dann zu senden - was den ZDF-Oberen allerdings gar nicht gefiel. Uns dagegen umso besser:
19. Mai 2010
Heuschrecken-Regulierung.
Ob es jetzt was wird, was EU und Finanzaufsichtsbehörden gegen Hedgefonds-Heuschrecken unternehmen, bleibt abzuwarten - wir empfehlen noch einmal die Lektüre eines Postings aus dem September 2009, in dem schon jeder nachlesen konnte, was es mit den nackten Leerverkäufen auf sich hat - jenem Betrugsschema, mit dem die Investmenthäuser Lehman Brothers und Berar Stearns 2008 zu Fall gebracht wurden. Jetzt endlich hat die BAFIN dieses "naked short selling" definitiv verboten..
13. Mai 2010
Ölpest und Deregulierungs-Cholera.
Für das Bohren und den Transport von Öl auf dem Meer gibt es strenge Notfallvorschriften, von denen die wichtigste die ständige Verfügbarkeit einer schnellen Eingreiftruppe betrifft, die im Falle eines Lecks die Ausbreitung eines Ölteppichs verhindert. Bohrinseln müssen zusätzlich mit einem fernsteuerbaren Ventil gesichert sein, die im Falle eines Defekts der Leitung das weitere Austreten von Öl verhindert. Auf beides hat BP, der Betreiber der gesunkenen Bohrinsel im Golf von Mexico, aus Kostengründen verzichtet. Wie schon vor 20 Jahren, als der havarierte BP-Tanker "Exxon Valdez" die Küsten Alaskas verpestete. Greg Palast, der diese Katastrophe 1989 recherchierte, fühlt sich heute in fataler Weise daran erinnert: – "In the end, this is bigger than BP and its policy of cheaping-out and skiving the rules. This is about the anti-regulatory mania which has infected the American body politic. While the "tea baggers" are simply its extreme expression, US politicians of all stripes love to attack "the little bureaucrat with the fat rule book." It began with Ronald Reagan and was promoted, most vociferously, by Bill Clinton and the head of Clinton's de-regulation committee, one Al Gore. Americans want government off our backs ... that is, until a folding crib crushes the skull of our baby; Toyota accelerators speed us to our death; banks blow our savings on gambling sprees; and crude oil smothers the Mississippi. Then, suddenly, it's, "where was hell was the Government!" Why didn't the government do something to stop it? The answer is, because government took you at your word they should get out of the way of business, that business could be trusted to police itself. It was only last month that BP, lobbying for new deepwater drilling, testified to Congress that additional equipment and inspection wasn't needed." Ein fernsteuerbares Ventil war für Tiefseebohrungen vorgeschrieben – bis der Ex-Chef des größten Lieferanten von Ölfördereinrichtungen Halliburton, Dick Cheney, ins Weisse Haus einzog und sogleich geheime Meetings mit den Ölkonzernen abhielt. Dort nahm er ihre Wunschlisten zur "Deregulierung" entgegen und besetzte die Aufsichtsbehörde "Minerals Management Service" neu, die dann 2003 erlaubte, auf die akustische Fernsteuerung der Ventile zu verzichten "because they tend to be very costly" Schon einige Stunden vor der Explosion am 20. April hatte ein fehlgeschlabgener Sicherheitstest Probleme an der Anlage aufgezeigt, die Operationen waren jedoch nicht unterbrochen worden, denn auch das hätte ja unter Umständen dazu tendieren können "to be very costly". Die Kosten der Ölpest werden mittlerweile auf 14 Milliarden Dollar geschätzt – doch wie wir Big Oil kennen wird wie bei den Big Banks der Deregulierungsspieß dann wieder mal kurz umgekehrt: Profit bleibt privat, die Kosten werden verstaatlicht... P.S.: Die total überregulierten "Kommunisten" in Venezuela haben gerade auch eine Bohrinsel vor ihrer Küste verloren. Alle 95 Arbeiter wurden gerettet und die Sicherheitsventile geschlossen - wie Präsident Chavez über Twitter bekannt gab.. Aber wie wir diese gefährlichen Linksextremisten kennen ist das natürlich alles nur gelogen...
12. Mai 2010
"Wer hat uns verraten....
...Sozialdemokraten!" Der Spruch stammt aus der Novemberrevolution 1918, als "Bluthund" Noske (SPD) sich an die Spitze derer setzte, die die demokratischen und anti-militaristischen Arbeiter-und Soldatenräte niedermetzelten. Fünfzehn Jahre später wurde er erneut aktuell, als die SPD im Reichstag lieber der Fraktion eines gewissen Herrn Hitler den parlamentarischen Durchmarsch gewährte, als mit der anti-faschistischen KPD zu koalieren. Dies alles, um dem Stigma der "Vaterlandsverräter" zu entkommen, die der Sozialdemokratie schon zu Bismarckzeiten so erfolgreich angeheftet worden ist, dass sie auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht davon wegkam. Und wenn man die SPD nach den jüngsten Wahlverlusten in NRW herumeiern sieht - als gefühlter Sieger, der mit allen kann nur nicht mit der Linken – wird klar, dass sie dieses Stigma auch nach 100 Jahren nicht abschütteln kann. Warum eigentlich ?
5. Mai 2010
Neues von WTC 7 ?
Redet ein Fox-News-Reporter, ehemaliger Staatsanwalt und Augenzeuge am Ground Zero am 11. Septmeber 2001 namens Jeffrey Scott Shapiro in seinem Bashing des zum 9/11-Truther gewandelten Ex-Wrestlers und Ex-Gouverneurs Jesse Ventura nur Unsinn - oder wie ist seine Aussage zu verstehen, dass WTC-Besitzer Larry Silverstein mittags mit seiner Versicherung telefoniert und sich ein Okay eingeholt hat, das Gebäude zu sprengen ??? "Governor Ventura and many 9/11 "Truthers" allege that government explosives caused the afternoon collapse of Building 7. This is false. I know this because I remember watching all 47 stories of Building 7 suddenly and silently crumble before my eyes. Shortly before the building collapsed, several NYPD officers and Con-Edison workers told me that Larry Silverstein, the property developer of One World Financial Center was on the phone with his insurance carrier to see if they would authorize the controlled demolition of the building – since its foundation was already unstable and expected to fall."
Ich habe mich mit den Einstürzen der WTC-Türme nicht wirklich intensiv beschäftigt - aber von diesem angeblichen Telefonat und einer am Tatort zuvor bekanntgewordenen Entscheidung zur "controlled demolition" war meines Wissens vorher noch nie Rede. Dass die BBC den Einsturz von WTC 7 schon 20 Minuten zu früh meldete, scheint aber dazu zu passen. Andererseits aber kann ein Ex-Staatsanwalt und Bediensteter des Ober-Propaganda-Kanals Fox eigentlich nicht so blöde sein, so etwas aus Versehen zu behaupten - sodass es sich hier auch um einen "Roten Hering" handeln könnte. Oder die Vorbereitung einer Rückfall-Linie, wie man zum 10. Jahrestag das einmalige Luftfahrt-Wunder erklärt, bei dem zwei Flugzeuge drei Stahlskelett-Hochhäuser dem Erdboden gleich machten...
29. April 2010
Psilicon Valley.
Es macht schon Sinn, eine Konferenz über 'Psychedelic Science in the 21st Century' in San José im Silicon Valley stattfinden zu lassen – wie es MAPS am vorvergangenen Wochenende tat. Leider konnte ich nicht dabei sein, aber seit ich vor 20 Jahren an der "Cyberthon"- Konferenz über virtuelle Realität mit Tim Leary, Terence McKenna, John Perry Barlow u.v.a. teilnahm und morgens um vier in San José im Büro eines jungen Musikers und VR-Bastlers – des heute weltberühmten Jaron Lanier – das erste mal in den Cyberspace eintauchen konnte, ist mir die Verbindung zwischen digitaler Magie und magischen Pilzen ziemlich bewußt. Der Schamane, der das Tal südlich von San Francisco verzaubert hatte, war der Ingenieur Myron Stolaroff, der nach seiner ersten LSD-Erfahrung seinen Job als Chef-Designer des Audio-Herstellers "Ampex" aufgegeben und 1961 das "International Institute for Advanced Studies" eingerichtet hatte, das sich der Erforschung von Psychedelika und ihrem Einfluss auf kreative Problemlösungen widmete. Bis zu seiner mit dem Verbot von LSD 1966 angeordneten Schließung hatte das Institut Sitzungen mit 350 Personen durchgeführt – darunter zahlreiche Techniker, Mathematiker und Ingenieure der nahen Stanford-Universität. Viele aus dieser Gruppe gehörten dann 10 Jahre später zu den Pionieren, die aus dem zentralen "Elektronengehirn" der Großkonzerne den vernetzen PC entwickelten – und aus den Nachrichtenverbindnungen für das Militär, das sie in Stanford entworfen hatten, das zivile Internet und email: "Tune in, Turn on, Boot up!" Und so überrascht es auch nicht einer der Internet-Pioniere – John Gilmore, ehemaliger SUN-Chefprogrammierer - auf der diesjährigen Konferenz darüber berichtet, dass er mit Logik allein bei seinen Problemen nicht weitergekommen wäre: "My experiences with psychedelics convinced me that there was more mystery in the world than that and that our perceptions are not as closely matched to reality as we believe." Dieser Blick über den Tellerrand verhalf Gilmore vermutlich auch zu der Formulierung, die zum Leitsatz der Netzfreiheit wurde: "The Net interprets censorship as damage and routes around it." Neben derlei historischen Verdiensten von Psychedelika in der Technikentwicklung ging es bei der Konferenz aber vor allem auch um ihr aktuelles Potential – wie beispielsweise die überaus positiven Ergebnisse von Therapien mit MDMA ("Ecstasy") bei post-traumatischen Stress-Disorders (PTSD) ("Party Drug could ease trauma long term", so Nature, weitere Links dazu hier ). Dass unlängst die New York Times auf ihrer Titelseite ausführlich über die erstaunliche anti-depressive Langzeitwirkung von Psilocybin berichtete wird als Zeichen für eine Renaissance der psychedelischen Forschung gesehen, die jahrzehntelang zumindest offiziell kaum stattfinden konnte. So scheinen nun bizarreweise die massenhaft traumatisiert aus dem Krieg heimkehreneden Veteranen dafür zu sorgen, dass der "Krieg gegen Drogen" zumindest an der Front der "Friedensdrogen" etwas gelockert wird...
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