Mathias Bröckers
|
![]() |
|
Kalender
|
|
|
|
| | | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 |
|
6
|
7
|
8
|
9
|
10
|
11
|
12
|
|
13
|
14
|
15
|
16
|
17
|
18
|
19
|
|
20
|
21
|
22
|
23
|
24
|
25
|
26
|
|
27
|
28
|
29
|
30
|
| | |
|
|
|
![]() |
|
 |
Home > Writersblogs > Writersblog von Mathias Bröckers.
Writersblog von Mathias Bröckers.
14. April 2007
Cogito Ergo Bum.
Ende nächster Woche wird mein neues Buch ausgeliefert. Es handelt von der Unausweichlichkeit des Scheiterns und hat den Titel Cogito Ergo Bum. Im Folgenden ein Auszug aus dem Vorwort:
Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als unsere Zwillinge laufen lernten. Hannah hatte es ein bisschen vor ihrem Bruder raus, ein Ziel ins Auge zu fassen und auf zwei Beinen draufloszuwackeln. Sie stolperte oft und fiel auf den Teppich, aber lernte schnell, wieder aufzustehen und den Weg fortzusetzen. Bei Boris klappte das noch nicht so, aber um den Geschwindigkeitsgewinn seiner Schwester wettzumachen, entwickelte er neue, schnellere Techniken, um auf allen Vieren voran zu kommen. Keines der Kinder hat sein Versagen – das Stolpern und die Stürze oder die Langsamkeit des Krabbelns – als Scheitern empfunden, es war einfach eine natürliche Entwicklung, dass man beim Laufen öfter mal hinfiel oder dass plötzlich jemand schneller unterwegs war und man sich beim Krabbeln etwas einfallen lassen musste. Wenn Kinder Angst vor dem Scheitern hätten, würden sie nie laufen lernen, nur ihrer Furchtlosigkeit, dem Gefühl, dass Hinfallen genauso normal ist wie Aufstehen, verdanken sie den aufrechten Gang.
Aus dieser Perspektive betrachtet ist Scheitern nicht nur selbstverständlich, sondern absolut unverzichtbar für jede Entwicklung, denn ohne die Erfahrung des Misslingens kann sich Erfolg gar nicht einstellen, nur aus Fehlern lernen wir. Um so erstaunlicher mutet es dann an, wenn Soziologen wie Richard Sennett das Scheitern als »ein großes Tabu der Moderne« bezeichnen. Wie kommt es, dass ein Verhalten, das für jedes Lernen, für jede Weiterentwicklung unverzichtbar ist, zum Tabu erklärt werden kann? Die Soziologie erklärt das mit dem dröhnenden Heilsversprechen der Konsumgesellschaft, die allen Tüchtigen Wachstum, Wohlstand und Glück zu garantieren vorgibt und die Schattenseiten dieses Ideals systematisch ignoriert und ausblendet. Im Blick auf die Selbstverständlichkeit des Scheiterns für lernende Kinder könnte man die Tabuisierung des Versagens auch als Kennzeichen einer Gesellschaft sehen, die glaubt, sie hätte schon alles gelernt und könne auf die Erfahrung des Scheiterns gut und gerne verzichten. Dass es sich freilich bei der Spezies, die sich Homo sapiens nennt und für die Krone der Schöpfung hält, um eine den domestizierte Primatenart handelt, die sich häufig abgrundtief dumm gebärdet – diesen Beweis werden wir in diesem Buch mit zahlreichen Beispielen antreten. Diese deuten alle darauf hin, dass das Scheitern in das Betriebssystem »Leben« gewissermaßen eingebaut ist und Murphys Gesetz, dem zufolge alles schiefgeht, was schief gehen kann, keine Scherzformel von Technikern ist, sondern eine Art universelles und unabänderliches Naturgesetz.
Ein weiterer Grund für die Tabuisierung des Scheiterns könnte im Religiösen liegen. Von Martin Luthers »Du bist schon gerettet, wenn du nur daran glaubst« über die von dem Philosophen und Psychologen William James beschriebenen »Mind-Cure«-Religionen des 19. Jahrhunderts bis zu den TV-Evangelisten, Motiviationstrainern und »Tschaka-tschaka«-Hypnotiseuren unserer Tage ist die Ideologie des positiven Denkens, der Glaube, dass Glauben Berge versetzt, ungebrochen. Da die Rede von der Unausweichlichkeit des Scheiterns diese Selbsthypnotiseure aus ihrer Trance aufwecken könnte, gilt sie in ihren Kreisen als reine Ketzerei. Denn brauchen wir nicht alle ein bisschen Optimismus? Natürlich brauchen wir den, und wir haben ihn von Geburt an, als Lebensenergie, die uns beim Laufenlernen hinfallen, stolpern, stürzen und wieder aufstehen lässt. Denn wenn wir nicht aufhören würden mit dem Stürzen und das Scheitern unter allen Umständen vermeiden wollten, entwickelten wir uns nicht weiter – wir blieben stehen. Nur das Scheitern zwingt uns, das Leben neu zu erfinden, Neues anzufangen, Aufbrüche zu wagen; seine Unausweichlichkeit auszublenden, bedeutet Stagnation und Stillstand. Lernende können nicht scheitern, sondern nur Erfahrungen machen, aus denen sie weiter lernen. Erst die »Ausgelernten«, die meinen, sie wüssten schon alles und müssten nichts mehr dazu lernen, entwickeln Angst vor dem Scheitern. Sie geraten ins Nachdenken darüber, wie sie es vermeiden können, und scheitern dann eben daran.
Diesem Paradox – kaum grübelt man, schon knallt’s – verdankt dieses Buch seinen Titel: Cogito ergo bum. Ich habe mich auch selbst an diese Warnung gehalten und mich nicht hingesetzt und groß über ein Buch über das Scheitern nachgegrübelt, dessen Spektrum von den Schwarzen Löchern des Weltalls über die globale Schuldenkrise bis zu Begebenheiten vor meiner Berliner Haustür reichen sollte. Doch über all diese Spuren des Scheiterns und Facetten des Misslingens hatte ich in den letzten Jahren schon so oft geschrieben – für die taz, das Internetmagazin Telepolis, die Berliner Zeitung und andere –, dass sich die umfangreiche Themenliste dieses Buchs wie von selbst ergab. Sie reicht sogar noch weiter als das, was auf den folgenden Seiten abgehandelt wird. Wenn der erste Band also nicht scheitert, könnte zu gegebener Zeit ein zweiter mit dem Titel Cogito ergo bum bum folgen.
Ich widme dieses Buch meinen beiden Kindern, die gerade mit Bravour ihr Studium abgeschlossen haben. Dass ihnen das scheinbar genauso leicht und selbstverständlich gelang wie vor 24 Jahren das Laufenlernen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie sich ihre Furchtlosigkeit vor dem Scheitern bewahrt haben. Dass sie auch künftig Defizite, Rückschläge und Niederlagen nicht als persönliches Versagen, sondern als Lernerfahrung begreifen, wünsche ich nicht nur ihnen, sondern allen Leserinnen und Lesern dieses Buchs.
Lesezeichen setzen.
Kommentare
Beitrag von FNORD / Veröffentlicht um 22:00 - 14.04.07
Passend dazu auch folgendes Video: http://www.ted.com/index.php/talks/view/id/66
Das Problem beim Scheitern ist dummerweise, dass man, wenn man nicht gerade im Künstlermilieu oder alternativen Bereich tätig ist (wobei selbst da das gute "Verkaufen" des Selbstimages dazu gehört), das "kreative", weil bewusstseinserweiternde Scheitern im Lebenslauf gar nicht gut ankommt.
Was bringt's mir also, in dem Punkt d'accord zu sein? - Ich kann dem nächsten schleimigen Personalchef ja "cogito ergo bum" sagen. Oder ein wenig Jonglieren. Auch Sinnieren über die Ungerechtigkeiten dieser Welt dürften gut ankommen.
Beitrag von Reinhard / Veröffentlicht um 00:08 - 15.04.07
Natürlich kann man aus Fehlern lernen, und für gewöhnlich tut man das auch. Anders aber ist es mit dem Irrtum. Während man Fehler nur macht, ist Irrtum etwas, worin man sich befindet! Aus Irrtum lernt man nicht. Man kann ihm nur durch Erkenntnis und Einsicht entrinnen. Dass andererseits Irrtum zwangsläufig auch Fehler nach sich zieht, lässt ihn oft nur als simplen Fehler erscheinen, den man durchaus Willens ist zu berichtigen. Deshalb gibt es ja auch jene enormen Anstrengungen z.B. in der Wirtschaft, DIE magische Formel zu entdecken, welche alle Krisen vermeiden helfen könnte, ohne vom grundlegenden Irrtum lassen zu müssen. Diese magische Formel wird aber innerhalb des Irrtums, in dem man sich nun einmal befindet und auch verharren WILL, gesucht - wo sie natürlich nie und nimmer zu finden sein wird.
Laufen lernen ist ein schönes Beispiel dafür, wie der Mensch durch Beharrlichkeit schließlich doch zum Ziel kommt. Leider lernt er nicht nur laufen sondern auch, dass Beharrlichkeit zum Ziel führt. Das mag wohl der Grund dafür sein, dass wir Menschen so beharrlich an unseren Irrtümern festhalten...
Beitrag von Andreas / Veröffentlicht um 01:36 - 15.04.07
na, da haben wir ja eine autobiographie durch die hintertür. ich gratuliere deinen sprösslingen zum bestandenen studium, doch wär ich nicht hier, so wär ich nicht hier! scheitern, wie du es hier kurz beschreibst, ist immer etwas von außen impliziertes. erst die niederträchtige geste der eltern, das augenrollen, das verschmitzte lächeln des vaters, wenn er ein kind bei den ersten gehversuchen beobachtet, impliziert ein gefühl des scheiterns. wenn man ein kind völlig wertfrei, abenteuerlich, mit freude beobachtet, erkennt man, dass ein kind das gefühl des scheiterns nicht kennt. es versucht zu stehen, zieht sich an einem stuhl hoch, verliert die ballance, knallt auf den hintern und weiter gehts. ein kind hat, wenn man es nur läßt, freude an der entdeckung des immer wieder aufstehens. kein gefühl von scheitern, kein gefühl von niederlage. auch jede ach so nett gemeinte geste von mama oder papa ( guchi guchi, bist auf den popo gefallen, armes kind ) impliziert das gefühl des versagens-scheiterns usw.
auch wenn ein kind beim ersten versuch des stehens auf den hintern fällt und anfängt zu weinen, ist es ein rein physiologischer ablauf der streßbewältigung im körper. kind fällt, hat schmerz, weint, die atmung vertieft sich, entspannung setzt ein. das erfährt jeder erwachsene, wenn er schmerz empfindet ( sowohl körperlich als auch psychisch ). die tränen führen zur entspannung und hat immer mit der erweiterung des zwerchfells zu tun. scheitern ist ein erwachsenes phänomen, meist mit schuld behaftet. und das ist scheiße so!!!!
Beitrag von jonas / Veröffentlicht um 02:44 - 15.04.07
erster !
Beitrag von demo48 / Veröffentlicht um 03:16 - 15.04.07
Alle Achtung, geschätzter MB!
Bin gespannt und mir fast sicher, daß der Inhalt interessant und nachvollziehbar sein wird. Meine Vermutung wird insbesondere auch dadurch untermauert, weil ich Ihre Anwesenheit und die Ihrer Tochter Hannah in einer Diskussion im Deutschlandfunk erinnere, die ich inhaltlich für sehr gehaltvoll erachtete, soweit es die Sendezeit zuließ.
Wäre sehr gut, wenn Sie alsbald auch die ISBN-Nummer annoncieren würden, um unnötiges Rätselraten beim meinem Buchhändler zu vermeiden. Vielen Dank im voraus.
demo48
Beitrag von Bin jetzt wieder grolo (aka. karsten) / Veröffentlicht um 14:13 - 16.04.07
"Ich widme dieses Buch meinen beiden Kindern, die gerade mit Bravour ihr Studium abgeschlossen haben. Dass ihnen das scheinbar genauso leicht und selbstverständlich gelang wie vor 24 Jahren das Laufenlernen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie sich ihre Furchtlosigkeit vor dem Scheitern bewahrt haben. Dass sie auch künftig Defizite, Rückschläge und Niederlagen nicht als persönliches Versagen, sondern als Lernerfahrung begreifen, wünsche ich nicht nur ihnen, sondern allen Leserinnen und Lesern dieses Buchs."
Das geht eben vielen nicht in die Birne.
Beitrag von Reinhard / Veröffentlicht um 16:02 - 16.04.07
Dieses Thema wurde bereits in brillianter Form von Erasmus von Rotterdam behandelt. Hat aber ebenso wenig gebracht, wie auch dieses neue Buch bringen wird. Das hat einen guten Grund: Vernunft stellt sich ein bei Abwesenheit jedweden egoistischen Interesses. Von diesem abzulassen, fällt dem Menschen aber nicht ein...
Gesunder Menschenverstand (common sense), also Vernunft, stellt sich ein, wenn sich das Denken am Gemeinwohl(common wealth) ausrichtet. Egoistisches Interesse steht dem aber entgegen und ist somit das Gegenteil von gesundem Menschenverstand, nämlich kranker Menschenverstand, also garkeiner. Es ist nicht schwer, zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Schwerer ist es, zur folgerichtigen Einsicht zu gelangen, denn man muss dann ja nicht mehr wollen, was man will. Wer aber will das schon? ;)
Beitrag von gf / Veröffentlicht um 16:23 - 17.04.07
Schönes Buch, werd ich mir kaufen. Danke für den Hinweis! Das ist doch mal eine sinnstiftende und konstruktive Interpretation des "Scheiterns" abseits der blöden Mainstream-Definitionen.
Beitrag von Alexander Dill / Veröffentlicht um 22:49 - 19.04.07
Mensch, Herr Brökers - können Sie sich noch an mich in Berlin erinnern? Philosophische Praxis? Voltaire? Taubes&Kamper? Und jetzt haben wir beide große Kinder und haben beide Bücher über das Scheitern geschrieben, ich gerade bei Goldmann "Die Erfolgsfalle" (http://www.erfolgsfalle.de) Ich bin schon auf Ihr Buch gespannt! Beste Grüße von Alexander Dill http://www.whatiseconomy.com
|