- Über uns
- Über uns
- Ansprechpartner
Der große Merkheft-Roman
- Presse
- Jobs
Der große Merkheft-Roman der Bundesrepublik liegt jetzt in 156 Folgen vor. Von Matthias Politycki
Ein Schriftsteller rezensiert das ,Merkheft‘ von Zweitausendeins im Kulturteil der Frankfurter Rundschau.
Seit nunmehr 25 Jahren ist das Merkheft der große Roman der (alten) Bundesrepublik, gewissermaßen Döblins „Frankfurt am Main, Postfach“. Wer im nächsten Jahrtausend einmal wissen will, was wir wirklich gelesen, gehört, gesehen, gekauft, verschenkt, verwünscht, verflucht und gepriesen haben - die mittlerweile 156 Nummern werden es ihm sagen. Und nicht nur sagen, sondern vorposaunen, eintrommeln, abfiedeln, mit Pauken & Trompeten vorspielen und, vor allem, mit jeder Menge E-Gitarren: Die regelmäßige Lektüre des Merkhefts war schließlich nichts weniger als das Pop-Ereignis unsres Lebens.
Starke These, nicht wahr? Versuchen wir also, sie Punkt für Punkt wieder abzuschwächen:
„Lektüre des Merkhefts? Wie kann man bei einem Reklameheftchen, das im Grunde bloß aus einer Liste von Titeln, Bestellnummern und Preisen besteht, wie kann man da von Lektüre reden?“
Aber was wäre’s denn sonst, das da alle zwei Monate - sobald das aktuelle Heft aus dem Briefkasten geholt ist - in plusminus einer Million bundesdeutscher Haushalte anberaumt wird: als Lektüre im besten Sinne des Wortes, frei von jedweder bildungs-bürgerlichen Verpflichtung, vorangetrieben allein „aus Spaß an der Freud“, und zwar über 200 engbedruckte Seiten?! In einem Stil verfaßt, der sich bereits in Zeiten tiefster deutscher Innerlichkeit der Ironie verschrieben hatte, ist der Entwicklungs- und Bildungsroman mit dem lakonischen Titel „Merkheft“ schon in seinen allerersten Forsetzungslieferungen ein Vorkämpfer all dessen, was wir jetzt als Neue Lesbarkeit bejubeln: Sein in verschiedensten Erzählsträngen vorangetriebner Plot spielt mit vielfältig herbeirecherchierten Zitaten aus der Gesamtwelt des gedruckten Wortes; schnelle Schnitte zwischen den einzelnen Abschnitten sorgen für eine sorgfältig akzentuierte Dynamik des Romangeschehens; seine freischwebende Heiterkeit hält den in der Tiefe eines deutschen Buches lauernden Tiefsinn ebendort, also dem Leser vom Leib; die Doppelbödigkeit jedes einzelnen Kapitels, das sich ebensogut als funktionaler Gebrauchstext wie als selbstreferenzielles Kunstwerk lesen läßt, verleiht dem Ganzen eine durchgängig schillernde Mehrfachcodierung; die Bandbreite der angeschlagnen Themen sucht in der restlichen Gegenwartsliteratur ihresgleichen und … der Effekt auf den Leser ist entsprechend durchschlagend: Die Lektüre dieses kleinen Merkhefts führt durchs gesamte Spektrum menschlicher Emotionen, vom plötzlich eintretenden Glücksschock bis zum nagenden Dauerärger - sie ist wahrhaft kathartisch.
„Aber regelmäßig wird man die 156 Nummern ja wohl nicht gelesen haben?“ - Welch engherziger Begriff von „Regelmäßigkeit“! Das periodisch verläßliche Erscheinen des Merkhefts simuliert auf beeindruckende Weise Dauer im Wechsel - ein diesseitiger Vorgeschmack auf das, was uns ein besseres Leben einmal zumuten wird: Egal, ob man ein, zwei, drei, zehn Nummern verpaßt hat, bei jedem neuen Merkheft weiß man bereits vor dem Aufblättern der ersten Seite, was die weiteren 199 zu bieten haben: Gesänge der Buckelwale, der Atomkraftgegner und Bachblütensammler, die Botschaft der Irokesen an die westliche Welt und eine nahezu komplette CD-Liste der Stones. Das sanfte Gesetz der minimalistischen Programmvariation, es weiß selbst die Lebensgestaltung von Chaoten mit einem feinmaschigen Korsett alternativer Weltweisheit zu stützen. Das Merkheft als Trostbüchlein - schon sein unbeirrt puristisches Design kämpft beherzt gegen die Schnatter- und Flatterhaftigkeit des Seins. Und da uns jedes neue Merkheft bereits auf den ersten Blick ganz alt und vertraut in den Händen liegt, als hätten wir’s längst durchgefleddert und seine verborgensten Geheimnisse gelüftet: haben wir, in einem höheren Sinne, mit einem einzigen Merkheft auch alle anderen, die wir verpaßt haben und noch verpassen werden, haben wir immer bereits sämtliche Merkhefte gelesen. Ist das nicht beruhigend?
„Für wen? Wer soll mit diesem ‘Wir’ denn beruhigt werden?“ Niemand anderes als: wir, die 78er. Bezeichnenderweise ist das Projekt des 2001-Versands eines der 68er-Generation und unsre massenhafte Bereitschaft, es via Rezeption und monetärer Selbstausbeutung zu unserm eigenen zu machen, belegt die Fixierung, die wir auf unsre sogenannten geistigen Väter hatten: Das Merkheft ist unser generationsprägendes Ereignis, keines der Auflehnung oder der großen Geste, gewiß, sondern eines der seriellen Befriedigung von Bedürfnissen - und insofern nicht in erster Linie politisch, sondern musikalisch korrekt.
„Aber die 70er und 80er, das waren Rock und Punk und Disco - wie kann das Merkheft da ein, sogar das Popereignis jener Jahre sein?“
Gegenfrage: Was überhaupt ist Pop? Zur Zeit, als das Merkheft erfunden wurde, war ich mir noch ziemlich sicher: Pop ist all das, was (von Heintje bis Esther und Abi Ofarim) im Merkheft nicht vorkommt. Inzwischen hat sich der Pop-Begriff nicht nur in sein Gegenteil verkehrt, in gelehrt popistischen Kreisen unterscheidet man bereits zwischen „Pop I“, „II“, „III“ und - so ist zu vermuten - steht kurz davor, die gesamte Welt einschließlich ihrer SPD-Parteitage zum Pop-Phänomen zu erklären. Das beginnt, selbstredend, mit der Präsentation der Musik: Schon auf den ersten drei Seiten, in einer Rubrik, die in der guten alten susemihlschen Vinylzeit einmal „Platten. Frisch ausgepackt“ hieß, zeigt das Merkheft, wie ernst es seinen Anspruch nimmt, nichts mehr ganz ernst zu nehmen: Von der Biermösl Blosn über U2 und Björk zu Sheryl Crow, von Hole über Hubert von Goisern zu Zappa und einer Roma-Kapelle namens Taraf de Haidouks - das muß man in dieser Selbstverständlichkeit erst mal hinkriegen! Und so geht es natürlich weiter, Wolfgang Neuss steht neben Mikis Theodorakis steht neben Bill Wyman steht neben … Madredeus, den Beatles, Gheorghe Zamfir. Im weiteren Verlauf des Heftes kommen deutscher Walzer, italienischer Schmalzer, Philip Glass, Kurt Weill und Klezmer, kommen Fußballschlachtengesänge, Frauenchöre des Staatlichen Bulgarischen Fernsehens, burundische Trommler und jede Menge „Meilensteine der Rockgeschichte“ dazu - einschließlich 4 CDs „Naturgeräusche“ und 6 CDs Vogelstimmen: Ja, das ist der Soundtrack unsres Lebens, und während wir, vom Wunsch zu besitzen vorangetrieben, die Listen der Interpreten und ihrer Werke lesen, hören wir all die Vogelstimmen, Frauenchöre, Meilensteine in uns erklingen: als eine Abfolge akustischer Glücks- und Unglücksmomente, denen bereits die Buchstabenbotschaften eines Merkheftchens genügen, um sie als tief verinnerlichte Melodien und Rhythmen in uns ertönen zu lassen. Das Merkheft als sentimentalisches Tagebuch einer ganzen Generation.
Und erst die literarische Welterfassung! Potentiell die gesamte Weltliteratur als Ramsch enttarnt und zum Teil bereits zu großen Überraschungspaketen geschnürt, dazu ein bißchen Kirchenbau im Mittelalter, „Insektenbilder von erschütternder Schönheit“, die Mongolen, König Artus, Douglas Adams, Robert Crumb, diverse Hanf-Sagas, Frauenkrimis, praktische Ratgeber für alle Art Schreibwilligen, Schauspielwilligen, Photofexe, nicht zu vergessen Tibet, den Holocaust, die Sexualgeschichte des Christentums … und hier sind wir erst auf S.100 des aktuellen Katalogs! Wer soll das alles lesen? Natürlich niemand - es reicht ja, daß man darüber lesen kann, einschließlich all des Esoterik- und Matriarchat- und Mein-Tier-versteht-mich-Krams, vor dem sich das Merkheft noch in keiner seiner Ausgaben gedrückt hat.
Das Merkheft als Weltbibliothek in nuce - ein atemberaubend enzyklopädischer Mix, eine monumentale Halde aus zweitausendundeiner Literatur, Abfall für alle, Recyclingglück für viele. Wenn diese genial getürmte Halde an Literatur, genial vermittelt durch gesampelte Denksprüche aus Rezensionen und sonstiger Sekundärliteratur, nicht wieder selbst Literatur ist, und zwar reinste feinste Tertiärliteratur, dann: fehlt auch dieser Würdigung der grüne Punkt. Egal. Solang es begründete Hoffnung auf ein neues Merkheft gibt, kann nichts Wesentliches schiefgehen. Kanzler stürzen, Währungen werden abgeschafft, Bundestrainer treten zurück, das Merkheft bleibt.






