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Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas.

Selten ist ein Zweitausendeins-Buch so kontrovers diskutiert worden wie Ilan Pappes „Die ethnische Säuberung Palästinas". Im Folgenden dokumentieren wir diese Diskussion, die international die Gemüter erhitzt.


Das sagt die Presse


Platz 3 der Sachbuch-Bestenliste 3/2008

Pflichtlektüre.
„Pappes Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Vorbereitung eines gerechten Nahostfriedens, den die Menschen dort und die ganze Welt so dringend brauchen. Pflichtlektüre für alle, die sich in der Verantwortung sehen, einen Beitrag zu diesem Frieden zu leisten.“
Hermann Kuntz, Evangelische Aspekte 3/2009

Ein veritabler publizistischer Paukenschlag .
„Der Autor bietet einen breit angelegten historischen und ideologiegeschichtlichen Überblick, argumentiert wissenschaftlich und erzählt den Stoff dennoch beinahe wie eine epische Form. Die Lektüre des Buches erschüttert, mehr noch, schockiert an vielen Stellen. Überwältigend ist allerdings auch, mit welcher Schonungslosigkeit sich Pappe den konventionellen Wissenschaftsbetrieb in Israel vornimmt.“
Clemens Mild, Der Bayernwald-Bote, 10.1.2009

Pappés detaillierte Darstellung geht unter die Haut.

„Pappé zufolge war der Exodus der Palästinenser keine unglückliche Begleiterscheinung des Krieges, sondern eine von langer Hand geplante ethnische Säuberung. Wie bei jeder ethnischen Säuberung, ob in Ex-Jugoslawien oder anderswo, spielten ideologische und sozioökonomische Faktoren auch in Palästina eine wesentliche Rolle im Vorfeld der eigentlichen Vertreibung. Dieses geistige und ökonomische Umfeld hat Benny Morris unlängst in einer Publikation skizziert.

Pappé hingegen konzentriert sich auf die logistischen und operativen Aspekte der Vertreibung. Ein wichtiges Instrument waren dabei die sogenannten ‚Dorfdossiers‘. In diesen Akten hatten die Jewish Agency und der Jüdische Nationalfonds seit den 1930er Jahren akribisch alle arabischen Dörfer und ihre Bewohner erfasst. Bereits 1943 erklärten jüdische Geheimdienstler stolz, der Katalog sei nun vollständig. 1948, so Pappé, seien die Dossiers dann genutzt worden, um palästinensische Dörfer leichter evakuieren und jeden Widerstand im Keim ersticken zu können - unter anderem durch gezielte Hinrichtungen unter der männlichen Bevölkerung. Ilan Pappé beschreibt detailliert das Vorgehen der jüdischen Militärs in den arabischen Orten zwischen 1947 und 1949, das vielfach dem Schema des sogenannten ‚Plan Dalet‘ folgte:

Angriff, Gefangennahme und teilweise Tötung der Männer, Vertreibung der restlichen Bewohner, Plünderung und anschließende Zerstörung der Gebäude, Verminung der Trümmer, um eine Rückkehr zu verhindern. Anschließend wurde den flüchtenden Frauen und alten Menschen oft noch Geld und Schmuck abgenommen. Ob ein Dorf sich an kriegerischen Handlungen beteiligt hatte, war dabei nicht entscheidend. Ziel war, in Britisch-Palästina (und nach der Staatsgründung in Israel) eine jüdische Bevölkerungsmehrheit zu schaffen.

Pappés detaillierte Darstellung geht unter die Haut, gelegentlich bis zur Unerträglichkeit. Er räumt auch einmal mehr mit der immer noch verbreiteten Vorstellung auf, jüdische Soldaten hätten keine Vergewaltigungen begangen. Aus den Tagebuchaufzeichnungen ranghoher Militärs geht hervor, dass es bei Überfällen jüdischer Soldaten auf PalästinenserInnen offenbar regelmäßig zu Vergewaltigungen kam. In einem besonders krassen Fall wurde eine Zwölfjährige entführt, tagelang von mehr als 20 Soldaten vergewaltigt und schließlich getötet. Dies war einer der ganz wenigen Fälle, wo beteiligte Soldaten später von einem israelischen Gericht verurteilt wurden - zu maximal zwei Jahren Haft. Viele andere Fälle wurden zwar bekannt, aber nie verfolgt.

Kritische Fachkollegen wie der inzwischen zum rechtszionistischen Lager gewechselte Benny Morris werfen Pappé vor, dass er sich bei seiner Schilderung der Ereignisse zu stark auf mündliche Augenzeugenberichte stütze. Doch solche Kritik wirkt deplaziert, denn Pappé ist ein sorgfältiger Wissenschaftler, der die Verlässlichkeit seiner Quellen wohl zu gewichten weiß. Die wesentlichen Aussagen seiner Studie basieren auf autorisierten schriftlichen Quellen, seien es Dokumente aus israelischen Militärarchiven oder persönliche Aufzeichnungen führender israelischer Militärs und Politiker.

Das Buch schließt mit einer Betrachtung über den gescheiterten Oslo-Friedensprozess und die aktuelle Situation nach dem Libanon-Krieg im Sommer 2006. Pappé fordert, die Tragödie der Palästinenser nicht länger zu leugnen. Pappés Buch macht deutlich: die palästinensische Flüchtlingsfrage gehört ins Zentrum jeglicher Friedensverhandlungen im Nahen Osten. Sie ad acta legen zu wollen ist ein sinnloses Unterfangen.“
Matrina Sabra, www.qantara.de, 30.1.2008


„Ilan Pappe kritisiert das Handeln von Politikern und Generälen, weil er sein Land liebt.
Dabei polemisiert er auch. Doch wenn man jede Kritik an Israel als Antisemitismus bezeichnet, sei das verwerflich, schrieb Uri Avnery im Freitag. Pappe hat eine schlechte Nachricht ausfindig gemacht und übermittelt. die Nachricht bleibt. Auch wenn mancher den Boten lieber schweigen sähe.“
T. Klaus, Dresdner Neueste Nachrichten, 17.12.2007

Pappe könnte seine These bereits untermauern, wenn nur ein Bruchteil seiner Schilderungen wahr ist.

„Ilan Pappes Vorwürfe sind heftig, starker Tobak für eine Gesellschaft, die sich selbst seit sechzig Jahren als permanent bedroht wahrnimmt, eine Gesellschaft auch, die zum Gutteil aus Überlebenden des Holocaust und deren Nachkommen besteht. Sie hat den Autor ausgegrenzt, ihn von der Universität verbannt. Er lebt heute in England. Aber sind seine Vorwürfe haltbar? Auffallend sind die starken Schwarz-weiß-Bilder in seinen Schilderungen - und das tut keiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung gut. Pappe stützt sich oft auf mündliche Zeugenaussagen, bei nicht wenigen Vorwürfen jedoch fehlen die Quellenangaben. Englische Archive oder UN-Archive wurden nicht herangezogen, wohl aber israelische und gelegentlich Berichte des Roten Kreuzes. Doch Pappe könnte seine These bereits untermauern, wenn nur ein Bruchteil seiner Schilderungen wahr ist.“
Irene Etzersdorfer, ORF, Dezember 2007

„Die Gründung Israels und die Vertreibung der Palästinenser: Es ehrt Israel, dass einer seiner Forscher solch ein notwendiges Buch schreiben kann.“
Rolf Michaelis, Die Zeit, 13.12.2007

Brutaler Angriff auf die historische Wahrheit
„Pappe behauptet, schon vor der Gründung ihres Staates 1948 hätten jüdische Politiker die Massenvertreibung der Araber beschlossen - also eine ethnische Säuberung. Nach diesem Plan sei Israel seitdem vorgegangen, im Grunde bis heute. Das ist ein brutaler und in seiner Wirkung enorm schädlicher Angriff auf die historische Wahrheit … Ob Pappe nun ein Eigenbrötler ist ein verirrter Idealist oder ein nützlicher Idiot, das ist unerheblich. In England und jetzt auch in Deutschland lässt er sich aber zum Kronzeugen für antiisraelisches und auch antisemitisches Vorurteil machen, und Rezensenten rühmen sein ‚mit viel Herzblut geschriebenes Buch‘. Das ist ein Skandal.“
Manfred Lahnstein, Wirtschaftswoche, 10.12.2007


„Ilan Pappes Vorwürfe sind heftig,
starker Tobak für eine Gesellschaft, die sich selbst seit 60 Jahren als permanent bedroht wahrnimmt, eine Gesellschaft auch, die zum Gutteil aus Überlebenden des Holocaust und deren Nachkommen besteht. Sie hat den Autor ausgegrenzt, ihn von der Universität verbannt. Er lebt heute in England, doch sind seine Vorwürfe haltbar?
Auffallend sind die starken schwarz-weiß Bilder in seinen Schilderungen – und das tut keiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung gut. Pappe stützt sich oft auf mündliche Zeugenaussagen, bei nicht wenigen Vorwürfen aber fehlen die Quellenangaben. Englische Archive oder UN Archive wurden nicht herangezogen, wohl aber israelische und gelegentlich Berichte des Roten Kreuzes. Doch Pappe könnte seine These bereits untermauern, wenn nur ein Bruchteil seiner Schilderungen wahr ist. Warum werden die palästinensischen Übergriffe in einer Bürgerkriegssituation vor dem Einrücken der arabischen Armeen verschwiegen? Warum werden die späteren palästinensischen Terroristen wie etwa George Habbash nur als engagierte Ärzte und Befreiungskämpfer bezeichnet? In Anerkennung des Unrechts, das ihnen geschah, haben sie dennoch in der Wahl der Mittel falsch entschieden. Warum wird ein israelischer Künstler, der Araber nur im Hintergrund malt, gleich zum Rassisten gestempelt? Ilan Pappe läuft  verbissen gegen die Mauer des zionistischen Konfliktnarrativs Sturm, das auch keine Grauzonen kennt. Er riskiert dabei, selektiv zu interpretieren und als Wissenschafter seiner – wohl berechtigten – Wut gegen die Leugnung der ethnischen Säuberungen zu unterliegen.
Aber vielleicht ist ihm die wissenschaftliche Distanz weniger wichtig als die Solidarität mit den Opfern, in deren Namen er Geschichte schreibt. Denn er ist, wie er selbst betont, ein Produkt der Gesellschaft, über die er berichtet.“
Irene Etzersdorfer, ORF, 30.11.2007


„Bücher wie das vorliegende unterstützen
den Friedensprozess zwischen Israel und Palästinensern."

Ein Gespräch zwischen Jürgen Albers mit dem Historiker Klaus Trenz im Saarländischen Rundfunk.

„1. In vielen Publikationen über die Staatsgründung Israels ist zu lesen "Die Araber verließen das Land". Der Titel des Buches "Die ethnische Säuberung Palästinas" klingt da doch befremdlich. Welchen Zeitraum beschreibt der Autor?

Im wesentlichen die Zeit zwischen Ende des britischen Mandats, der Gründung des Staates Israel und des ersten Jahres nach der Staatsgründung, also von 1947-1949.

2. "Ethnische Säuberung" gilt heute als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und nach den noch nicht lange zurückliegenden Erfahrungen in Ruanda und in Serbien/Bosnien/Herzegowina während des Jugoslawienkrieges wissen wir was damit gemeint ist. Der Autor behauptet letzten Endes mit diesem Titel dass zunächst die Zionisten und danach der Staat Israel mit gleichen Methoden gearbeitet haben. Hat es diese angebliche ethnische Säuberung tatsächlich gegeben? Oder waren es einfach nur sogenannte Kollateralschäden wie in jedem Krieg.

Nein das waren keinesfalls Kollateralschäden sondern ein geplantes Vorgehen welches
ideologisch, militärisch und politisch vorbereitet worden war und von den Führungspersonen wie Ben Gurion ausdrücklich erwünscht und gedeckt worden ist. Das Buch beschreibt detailliert den sogenannten Plan DALET der unter Anleitung von Ben Gurion und wenigen Beratern entwickelt und durchgesetzt wurde und der nur ein Ziel hatte: Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat mit jeder dazu nützlichen Methode

3. Welche Methoden der Säuberung wurden angewandt und vom Autor mit Beispielen belegt?

Es wurden alle auch aus dem späteren Jugoslawienkrieg bekannten Methoden angewandt: Massaker wie das von Deir Yassin und Kafr Kassem, viele weitere werden im Buch angeführt, terroristische Anschläge durch die jüdischen Terrororganisationen IRGUN und STERN, Einkreisung und Vernichtung von Dörfern nach der Methode der verbrannten Erde, jahrelang vorbereitet durch die Erstellung sogenannter Dorfdossiers Erschießung der Dorfbewohner – Frauen und Kinder eingeschlossen, Plünderung und Raub, Vergewaltigungen, Psychologische Kriegsführung, Einrichtung von Lagern für arabische Zivilpersonen (Männer zwischen 15 und 50), Verweigerung des Rückkehrrechts für die Vertriebenen

4. Woher hat der Autor diese Informationen?

Er hat sie zumeist aus offiziellen israelischen Quellen (Armee, Hagana, Ben Gurion Tagebücher etc) und Augenzeugenberichten, manche aus UN Berichten und einige wenige aus arabischen Quellen. Letzteres halte ich übrigens für einen Mangel des Buches, da zB die Berichte aus den israelischen Militärarchiven sicher nicht objektiv sind. Das Buch besitzt aber einen ausführlichen Anmerkungsteil zu den in den einzelnen Kapiteln genannten Quellen.

5. Der Titel "Ethnische Säuberung Palästinas" ist demnach keine Übertreibung eines Aussenseiters?

Mitnichten. Sie hat stattgefunden und wird bis heute in Israel offiziell totgeschwiegen. Nach offizieller Lesart haben die Menschen das Land freiwillig verlassen.
Die Verantwortlichen für das Verbrechen gegen die Menschlichkeit kamen nicht vor Gericht und sind israelische Helden wie z.B. Ben Gurion, Menachim Begin, Moshe Dayan. Und wie der Autor in den Schlusskapiteln seines Buches nachweist ist die Säuberung nicht beendet, das "hässliche Gesicht der Besatzung" vertreibt nach wie vor Palästinenser, sprengt ihre Häuser, erschießt Unbeteiligte. Nach wie vor wird das Rückkehrrecht verweigert. Damit ist dem Friedensprozess sicher nicht gedient und die HAMAS erhält neuen Zulauf.

6. Warum kommt dieses Buch erst jetzt?

1. Angesichts des Holocaust haben sich alle zurückgehalten Israel für seine Kriegsverbrechen anzuklagen.
2. Zudem hatten die alten und neuen Großmächte natürlich eigene Interessen in der Region die mit einem israelischen Staat ihrer Ansicht nach besser geschützt waren und sind.
3. Der israelische Propaganda ist es außerdem gelungen in aller Welt das Bild eines kleinen wehrlosen Staates zu vermitteln der von Araberhorden angegriffen wurde. In Wirklichkeit standen damals 50 000 militärisch trainierten gut bewaffneten jüdischen Streitkräften nur 7 000 schlecht bewaffnete unorganisierte Palästinenser gegenüber. Hinzu kam die sogenannte arabische "Freiwilligenarmee" mit etwa 5000 Soldaten welche schnell zurückgeschlagen war.

7. Wie wurde das Buch in Israel aufgenommen?

Zwiespältig. Einerseits wurde Pappe natürlich sofort als "Nestbeschmutzer" diffamiert und sich mit seinen Argumenten nicht auseinandergesetzt. Andererseits wurde es von einer Minderheit begrüßt und die Diskussionen über die ethnische Säuberung ist inzwischen in der Gesellschaft voll entbrannt. Und ich bin der festen Überzeugung dass Bücher wie das vorliegende den Friedensprozess zwischen Israel und Palästinensern unterstützen. "Wer die Vergangenheit nicht bewältigt, ist für die Zukunft nicht geeignet" heißt es. Die Arbeitung dieses dunklen Kapitels in der israelischen Vergangenheit steht erst am Anfang. Ilan Pape hat mit seinem Buch einen wertvollen Beitrag geleistet.“
Saarländischer Rundfunk, 6.10.2007.


Die provokanten Thesen des Historikers Ilan Pappe
1947 bis 1948 hieß es in Israel offiziell, das Land sei quasi leer gewesen. Eine andere Variante lautet: Die Palästinenser hätten sozusagen freiwillig, in vorauseilendem Gehorsam, ihre Häuser verlassen. Eine neue Generation israelischer Historiker, wie Benny Morris oder Tom Segev, räumten mit diesen Mythen auf. Sie gingen aber nicht weit genug, meint der jüdische Historiker Ilan Pappe aus Haifa.
   
Auch er gehört zu den so genannten neuen israelischen Historikern, und weil es ihm, sagt er, von der Universitätsleitung immer schwerer gemacht worden sei, unterrichtet er jetzt in Großbritannien. Er will belegen, David Ben Gurion und seine Arbeiterpartei hätten Verbrechen gegen die Menschlichkeit geplant und gegen das Völkerrecht verstoßen.
   
Freiwilliger Rückzug oder Vertreibung
Israel und Palästina, das ist eine erbitterte Auseinandersetzung um den Anspruch auf Dasein und das Recht auf Territorium. Es ist ein Konflikt, der nicht zur Ruhe kommt, so alt wie der Staat Israel. Ende der 1930er Jahre wurde Palästina zum gelobten Land für jüdische Flüchtlinge, die den Nazis entkommen waren. 1948 folgte die Staatsgründung unter David Ben Gurion, die einen autonomen Staat und die Fähigkeit der Juden, sich selbst zu verteidigen, brachte. Doch die Gründung des Staates Israel, der große Teile von Palästina einschloss, war auch der Grundstein für einen der längsten Konflikte der Nachkriegszeit. Streitpunkt der Historiker: Sind die Palästinenser 1948 freiwillig gegangen oder vertrieben worden?
   
Der Historiker Ilan Pappe hat mit seinem Buch "Die ethnische Säuberung Palästinas" diese Diskussion erneut angeheizt. Schon der Gebrauch des Begriffes "ethnische Säuberung" im Zusammenhang mit dem Vorgehen Israels ist eine Provokation. Die von Pappe bewusst gewählte Begriffsanalogie zur tatsächlichen "ethnischen Säuberung" im letzten Balkankrieg ist ein zusätzlicher Affront. Anders als die israelische Regierung, die vom "freiwilligen Transfer" spricht, behauptet Pappe, dass die Palästinenser aus ihren Gebieten vertrieben worden seien - und zwar systematisch, nach einem Masterplan, dem so genannten Plan Dalet. Dieser Plan diente laut Pappe nicht ausschließlich der Verteidigung Israels gegen Feinde, sondern wurde für die Legitimation der systematischen Vertreibung der Palästinenser genutzt.
   
Vorwurf brutaler Gewalt
Demnach soll die Israelische Armee im Jahr 1948, kurz vor dem Rückzug der britischen Schutzmacht aus Palästina, die palästinensische Bevölkerung mit brutaler Gewalt und Massakern aus ihren Dörfern und Städten in die Flucht getrieben haben. Pappe beschreibt in seinem Buch unter anderem das Massaker von Deir Yassin, einem Dorf in der Nähe von Jerusalem. Dort sollen am 9. April 1948 mehr als 100 Menschen - darunter zahlreiche Frauen und Kinder - brutal ermordet worden sein. Pappe wird für seine Thesen vor allem in Israel massiv angegriffen. Kritiker sehen ihn als "Anti-Zionisten" und als Verräter, der die Geschichte des Jüdischen Volkes und besonders den Holocaust der Nationalsozialisten ausblende.
3sat Kulturzeit, 16.11.2007

Alles aus Pappe
Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch Ilan Pappe in der “kulturzeit” auf 3sat aufschlagen würde, wo man schon Israel Shamir (alias Jöran Jermas alias Adam Ermash) interviewt hatte, eine der obskursten Gestalten in der an Aufschneidern, Hochstaplern und durchgeknallten Rentnern reichen Nahost-Experten-Szene. Pappe freilich ist ein professioneller Historiker, mindestens so professionell wie die kulturzeit-Moderatorin Tina Mendelsohn (keine Angst: sie heißt nur so), die auf der Frankfurter Buchmesse von einem “älteren Herrn” gefragt wurde, warum Pappes Buch über  “die ethnische
Säuberung Palästinas” vom deutschen Fernsehen nicht erwähnt werde, worauf sie beschlossen habe, diesem Missstand abzuhelfen. Was dabei herauskam, sehen Sie, wenn sie auf das kleine Bild unter “Mediathek” klicken:
http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/115767/index.html
Wir wüssten gerne, wer der “ältere Herr” war, der Frau Tina zu diesem Beitrag inspiriert hat. Hajo Meyer? Abi Melzer? Norbert Blüm? Rupert Neudeck? Johannes Heesters?
Gerne wüssten wir auch, warum Frau Tina Pappes Behauptungen ungeprüft übernimmt, u.a. die, er werde in Israel ausgegrenzt, ohne auch nur zu erwähnen, dass es Ilan Pappe ist, der seit langem einen internationalen Boykott israelischer Akademiker und Wissenschaftler fordert und dafür von der israelischen Gesellschaft offenbar gelobt und
geliebt werden möchte. So war es auch nur konsequent, dass Pappe einen Ruf an die Uni Exeter in GB angenommen hat, ohne dass ihn jemand aus seinem Job an der Uni Haifa gedrängt hätte, wo er seit vielen Jahren Geschichte according to Ilan Pappe unterrichtet.
Und was seine sensationellen Enthüllungen angeht: Natürlich hat es Gewalt, Vertreibungen und auch Massaker (wie das von Deir Yassin) gegeben. Es gab aber auch Pogrome wie das von Hebron im Jahre 1929 (!), bei dem die jüdische Gemeinde der Stadt weggesäubert wurde. Davon sagt Pappe nichts und davon hat auch Frau Tina keine Ahnung. Wie erfolgreich “die ethnische Säuberung Palästinas” war, von der Pappe schwafelt, kann man am besten daran erkennen, dass 2o% der Israelis keine Juden sind - Moslems, Christen, Drusen und Tscherkessen.
Dass man das Thema auch anders behandeln kann, ohne die Opfer der Palästinenser zu schmälern, bewies “ttt” zwei Tage später. Pappes exklusivste Beweise sind diejenigen, die er erfunden hat. Seltsam, dass niemand vor ihm auf den Plan D gestoßen ist, nicht einmal der superkritische Tom Segev, der alle Archive durchforstet hat. http://www.daserste.de/ttt/beitrag_dyn~uid,pp0jdhkdj561bthf~cm.asp
Und hier Pappes Website. Beachten Sie bitte die Abteilung Middle East Scholars mit Links zu Finkelstein, Chomsky und Shahak. Ein Irrer kommt selten allein.
http://www.ilanpappe.org/external%20links.html

Henryk M. Broder,  19.11.2007,
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/print/004068


Diffamierung Israels als Selbstzweck
„Ilan Pappe hat ein Anliegen: Der Geschichtsprofessor aus Haifa möchte die Gründungsmythen des jüdischen Staates zerlegen. Diesen Job haben vor rund zwanzig Jahren Israels ‚neue Historiker‘ wie Benny Morris oder Tom Segev zwar schon erledigt, aber nach dem Motto ‚Je radikaler, desto mehr Aufmerksamkeit‘ beschreibt Pappe die Flucht eines Großteils der Palästinenser aus dem Territorium, das 1948 zum Staatsgebiet Israels wurde. Durch den Gebrauch von Wörtern wie ‚ethnische Säuberung‘ sowie zahlreicher Zitate aus dem Mund der Verantwortlichen für die Massaker de Jugoslawienkriegs sollen auf Biegen und Brechen Analogien zu den Gemetzeln auf den Balkan hergestellt werden. Zudem suggeriert der Autor, dass es eine Art Masterplan zur gewaltsamen Vertreibung aller Palästinenser gegeben hätte. Das ist weder wissenschaftlich, noch seriös. Aber wenn es Pappe um die Diffamierung Israels geht, ist ihm jedes Mittel recht - auch ein schlecht geschriebenes Buch.“
Ralf Balke, Handelsblatt, 2.11.2007


Israel ist für Juden heute das unsicherste Pflaster der Welt.
„Das historische Unrecht, das Israel den Palästinensern antat, zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk dieses Autors. Das er darob zum Rufer in der Wüste wurde, ist ihm bewusst. Eine Botschaft mag er seinen Landsleuten dennoch nicht ersparen. ‚Israel ist für Juden heute das unsicherste Pflaster der Welt. Das wird sich erst ändern, wenn wir das Zusammenleben mit unseren Nachbarn von Grund auf neu organisieren‘“.

Marlène Schnieper, Tagesanzeiger, 3.9.2007


„Ilan Pappe hat ein mutiges Buch geschrieben und ein Tabu entzaubert, das von der politischen Elite in Israel bis heute verteidigt wird: Es habe 1948 keine Vertreibungen gegeben. Diese bahnbrechende Arbeit entzaubert diesen Mythos. Das die israelische Gesellschaft am Vorabend ihres 60jährigen Bestehens einen solchen Wissenschaftler nicht ertragen will, zeigt von einem ergingen demokratischen Selbstbewusstsein“
Ludwig Watzel (Autor des Buches
„Menschenrechte. Dokumente und Deklarationen“. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1991)


„Wo man in diesem Buch hinliest,
wird man von einem Schauer ergriffen. Schließlich kann man das Buch jetzt deutsch lesen, obwohl der eingeweihte Leser das nicht für möglich gehalten hat … Im ersten Moment meint man, aus politischer Korrektheit (oder auch aus politischer Feigheit) müsse man das Coverbild, das Titelbild des Buches verstecken. Denn es steht dort ohne Anführungszeichen: Ilan Pappe: Die ethnische Säuberung Palästinas. Der Titel wirkt noch wagemutiger, da er nicht mal durch einen Untertitel gemildert ist …Die drei letzten Kapitel führen historiographisch weiter.  Sie beschreiben den Memorizid, also die Ermordung der Erinnerung der Palästinenser an die Nakba. Und die Leugnung der Nakba durch Israel und den Friedensprozess.Wie brutal das in den Herzen, dem Gedächtnis und den Ohren der Palästinenser klingen muss, was Ben Gurion am 24. Mai 1948 seinem Tagebuch anvertraute, muß man wohl nicht mehr erklären: ‘Wir werden einen christlichen Staat im Libanon schaffen, dessen Südgrenze der Litani sein wird. Wir werden Transjordanien brechen, Amman bombardieren und seine Armee vernichten, und dann fällt Syrien. Und wenn Ägypten immer noch weiter kämpft, dann bombardieren wir Port Said, Alexandria und Kairo. Das wird die Vergeltung für das, was sie (die Ägypter, die Aramäer und die Assyrer) unseren Vorfahren in biblischer Zeit angetan haben.‘

Ein verstörendes Buch. Es wird wahrscheinlich in ganz wenigen Radiosendern und Zeitungen besprochen werden. Warum? Es könnte, so meinen es viele in den pädagogischen Journalistik-Gremien, falsche Reaktionen und Gefühle hervorbringen, Triumphgeheul der Art: Seht mal, habe ich das nicht immer schon gewusst, die Juden sind wie wir.Das erinnert mich an die Schlüsselkontroverse, die Albert Camus 1948 mit seinem Weggefährten Jean-Paul Sartre in Frankreich hatte. Damals wurden die ersten Informationen bekannt über die schrecklichen Arbeits- und Vernichtungslager Stalins in Sibirien. Es ging um die Frage, ob man solche Nachrichten veröffentlichen sollte oder nicht. Und ob man sie publizieren dürfte, auch dann, wenn sie möglicherweise falsche oder kritische Gefühle produzieren würden. Sartre war gegen die Veröffentlichung, weil diese Nachrichten nicht etwa – wie er damals sagte - Trauer produzieren würden darüber, was Menschen Menschen antun können, sondern das Triumphgeheul der Bourgeoisie, die sich sagen würde: Seht mal, haben wir es nicht gewusst?

Albert Camus aber war wie Ilan Pappe der Meinung: Man muss die Wahrheit immer an den Tag bringen, auch wenn es das Risiko falscher oder unangemessener Reaktionen gibt.“
Rupert Neudeck, Das Palästina Portal, 18.9.2007


„Wer den Kernkonflikt im Nahen Osten besser verstehen will, sollte das mit viel Herzblut geschriebene Buch von Ilan Pappe lesen.“

Marcel Pott, Deutschlandfunk, 3.9.2007

 






Kommentar von Hans-Martin Lohmann: In der Diskursfalle


Der Pressespiegel offenbart es: Keines unserer Bücher wird derzeit so kontrovers diskutiert wie dieses. In einigen Blogs hagelt es wüste Beschimpfungen gegen Autor und Verlag. Zugleich halten sich die Zentralfeuilletons dieser Republik vornehm zurück und ziehen es vor, das heiße Eisen Pappe besser nicht anzupacken. Angesichts dieser Erörterungslage haben wir Hans-Martin Lohmann, einen der reputiertesten Buchkritiker und Sachbuchrezensenten, um einen Kommentar zur Befindlichkeit der deutschen Öffentlichkeit gebeten. Hier ist er:


In der Diskursfalle. Von Hans-Martin Lohmann (freier Publizist, einer der führenden Sachbuchkritiker in Deutschland).

Der israelische Historiker Ilan Pappe hat im Jahre 2006 in Großbritannien ein Buch veröffentlicht, das ein Jahr später auch in deutscher Übersetzung erschienen ist: Die ethnische Säuberung Palästinas. Der Titel des Buches, bei dem man sich unwillkürlich der Greuel erinnert, die in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts während der Kriege auf dem Territorium des ehemaligen Jugoslawien verübt wurden, ist in der Tat ebenso schockierend wie provozierend: Er unterstellt, daß es in der Phase der Gründung des Staates Israel, also 1947/1948, von jüdischer Seite die systematische Anstrengung gegeben hat, die indigene Bevölkerung Palästinas notfalls mit Gewalt aus jenen Gebieten zu vertreiben, auf denen dann der Staat Israel entstehen sollte. Er unterstellt, daß die verbreitete Ansicht, derzufolge es nach dem UN-Teilungsplan vom November 1947 zu einem mehr oder weniger freiwilligen Exodus bzw. ›freiwilligen Transfer‹ von Hunderttausenden von Arabern gekommen sei, falsch ist. Er unterstellt, daß die Entstehung des Staates Israel auf einer historischen Untat beruht.
Lassen wir zunächst einmal das Problem beiseite, ob es sich bei Pappes Buch um eine Untersuchung handelt, die über alle wissenschaftlichen Zweifel erhaben ist, sondern fragen wir uns einfach nur, ob es in Deutschland überhaupt möglich ist, ›sine ira et studio‹ über ein Buch zu diskutieren, welches unser scheinbar gesichertes Wissen so radikal über den Haufen wirft wie dieses.

Die Beziehungen von uns Deutschen zu den Juden und zum Staat Israel sind aus bekannten Gründen mit so schweren historischen, politischen und moralischen Hypotheken belastet, daß uns ein unvoreingenommener und unparteiischer Blick auf den jüdischen Staat, auf seine Entstehungs- und Existenzbedingungen auch heute noch kaum möglich ist. Wir können zunächst einmal gar nicht anders, als Israel jeden nur denkbaren Kredit einzuräumen. Nach den ungeheuren Verbrechen des Nationalsozialismus an den europäischen Juden erscheinen uns Deutschen die Gründung und die gesicherte Existenz des jüdischen Staates nicht nur als die logische politische und historische Konsequenz aus der vorausgegangenen Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte, der das europäische Judentum in der Diaspora ausgesetzt war, sondern auch als eine unvermeidliche moralische Konsequenz, für welche wir auf Dauer zu haften haben. Niemals in der Geschichte der Bundesrepublik stand auch nur für einen Augenblick die deutsche Selbstverpflichtung infrage, sich in jedem Fall auf die Seite Israels zu stellen. Daß wir in dieser Sache befangen sind und stets hochsensibel reagieren – auch und gerade in der Symbolpolitik –, wenn es um jüdische Belange geht, ist im übrigen keineswegs ein Makel, sondern im Gegenteil eine Garantie gegen den Rückfall in ältere deutsche Muster.

Vor diesem Hintergrund mag es zwar als nachvollziehbar erscheinen, daß wir Israel gegen allzu heftige Kritik immunisieren, zumal die Befürchtung berechtigt ist, daß solche Kritik immer auch Beifall auf der falschen Seite findet – dennoch ist diese Haltung auf Dauer moralisch unglaubwürdig und politisch unproduktiv. Viel zu lange ist hierzulande darüber hinweggesehen und geschwiegen worden, daß der seit sechs Jahrzehnten schwelende Konflikt im Nahen Osten nicht nur auf dem Vernichtungswillen arabisch-islamischer Nationalisten, Fanatiker und Antisemiten (gegenwärtig von Hamas und Hisbollah bis hin zum iranischen Präsidenten Ahmadinedschad) beruht, sondern auch auf der brutalen Landnahme-Ideologie Israels. Viel zu lange wollte man nicht wahrhaben, daß Israel, schon bei seiner Gründung 1948 weit davon entfernt, der ›David‹ unter lauter arabischen ›Goliaths‹ zu sein, aus einer Position absoluter militärischer Stärke handelt und daß es im Gegensatz zu seinen Nachbarn über ein nukleares Waffenarsenal verfügt, das es jederzeit als Droh- und Abschreckungspotential einsetzen kann. Und spätestens seit dem Sechstagekrieg weiß sich Israel der so gut wie bedingungslosen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Unterstützung der USA sicher, was dafür sorgt, daß Israels Expansions- und Sicherheitsinteressen stets Vorrang vor den Interessen der Palästinenser haben.

Aus solcher Position der Stärke war Israel in der Vergangenheit und ist bis in die Gegenwart in der Lage, die Landkarte des alten Palästina fortlaufend zu seinen Gunsten zu verändern – etwa auf der Westbank, wo durch den Bau des Sicherheitszauns und neue, legale und illegale, Siedlungsprojekte Fakten geschaffen werden, die einseitig auf Kosten der Palästinenser gehen. Daß es dabei immer wieder zu polizeilichen und militärischen Übergriffen gegen die palästinensische Zivilbevölkerung, zu eklatanten Menschenrechtsverletzungen und ›Maßnahmen‹ kommt, welche die Lebensbedingungen der Menschen auf unerträgliche Weise einschränken, ist hinreichend bekannt und wird von verschiedenen Menschenrechtsorganisationen seit langem protokolliert.

Der amerikanische Historiker Fritz Stern, ein aus Breslau stammender deutsch-jüdischer Emigrant, schreibt in seinen jüngst erschienenen Erinnerungen Fünf Deutschland und ein Leben, anläßlich eines Besuches in Israel Ende der siebziger Jahre habe er bemerkt, daß man dort begonnen habe, sich kritisch mit der eigenen Geschichte zu befassen. Aber, so fährt Stern fort, über die »während des Unabhängigkeitskrieges an Palästinensern begangenen Greuel« werde »immer noch nur hinter vorgehaltener Hand« gesprochen.
Der Historiker Ilan Pappe, heute in England lebend, hat diese »vorgehaltene Hand« nun weggezogen und ein Buch veröffentlicht, das die israelische Öffentlichkeit auf äußerst schmerzhafte Weise daran erinnert, daß es sich bei jenen »Greueln«, von denen Stern spricht, nicht einfach nur um die üblichen ›Unkosten‹ handelt, die ein Unabhängigkeitskrieg nun einmal mit sich bringt, sozusagen um die unvermeidlichen Kollateralschäden (»Man kann kein Omelett machen, ohne ein Ei zu zerbrechen«), sondern um ein geplantes und durchorganisiertes Kriegsverbrechen an der einheimischen palästinensischen Bevölkerung. Gegen die offizielle israelische Lesart, wonach der Kampf um die Gründung des Staates Israel Opfer auf beiden Seiten gefordert habe und die Palästinenser einerseits aus Angst, andererseits aufgrund der arabischen Propaganda geflüchtet seien, die ihnen die baldige Rückkehr versprach, setzt Pappe seine aus den Quellen geschöpfte Lesart, die ganz andere Schlußfolgerungen zuläßt. Die von ihm befragten Quellen belegen, daß die zionistische Führung unter dem späteren Ministerpräsidenten David Ben Gurion von Anfang an einen Plan (»Plan Dalet«) mit dem Ziel verfolgte, die einheimische Bevölkerung aus ihren Dörfern und von ihrem Land systematisch zu vertreiben. Die dabei eingesetzten Mittel – Einschüchterung mit den Waffen psychologischer Kriegsführung, Einkreisung und Vernichtung von Dörfern, Erschießung der Dorfbewohner, terroristische Anschläge, Plünderung, Raub und Vergewaltigung – entsprachen dem, was wir heute als »ethnische Säuberung« und Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnen. Wenn es sich bei den von Pappe ausgewerteten Quellen (Archive der Hagana und der Armee, die Tagebücher Ben Gurions, mündliche Augenzeugenberichte etc.) nicht um plumpe Geschichtsfälschungen handelt, kann an der Seriosität seiner Befunde kein vernünftiger Zweifel bestehen.

Als Pappes Buch 2006 in Großbritannien erschien, schrieb Rupert Neudeck, es bestehe leider wenig Aussicht, daß es in deutscher Übersetzung auf den Markt komme. Nun liegt das Werk seit ein paar Monaten in einer deutschen Ausgabe beim Verlag Zweitausendeins vor, und man durfte von Anfang an gespannt sein, wie das politische Feuilleton darauf reagiert. Außer beredtem Schweigen in den meisten führenden Blättern lassen sich drei typische Reaktionsmuster ausmachen. Es gibt, erstens, professionelle Leser, die sich bemühen, den Inhalten des Buches gerecht zu werden und Pappes Thesen sorgfältig zu wägen – es handelt sich dabei allerdings um eine Minderheit. Eine zweite Gruppe von Kritikern will gar nicht erst den Anschein kaschieren, daß sie das Buch, wenn überhaupt, nur flüchtig gelesen hat und im Grunde von seinen brisanten Inhalten nicht behelligt werden will – man könnte es Abwehr aus Indolenz nennen. Drittens gibt es die notorischen selbsternannten ›Freunde Israels‹, die jede Kritik an Geschichte und Politik Israels, zumal in Deutschland, grundsätzlich für unzulässig erklären – im Fall Pappes wird das mit Beschimpfungen wie ›Nestbeschmutzung‹, ›jüdischer Antisemitismus‹ und ›jüdischer Selbsthaß‹ besiegelt. Aber gerade diese letztere Gruppe, die Solidarität um jeden Preis mit Israel einfordert, unterschätzt Israel und seine demokratische Öffentlichkeit. Längst gibt es dort nämlich, von einer Minderheit angestoßen, eine Diskussion über die Anfänge des jüdischen Staates, über ethnische Säuberungen und Kriegsverbrechen, und es steht zu erwarten, daß diese Diskussion an Breite und Tiefe zunimmt.
Jede deutsche Debatte über Israel leidet unter einer schweren Deformation. Weil sich hinter einer scheinbar ›objektiven‹ und ›sachlichen‹ Kritik an Israel häufig antisemitische Inhalte und Motive verbergen, läuft jede begründete und berechtigte Israel-Kritik Gefahr, als antisemitisch wahrgenommen zu werden. Offenbar ist es kaum möglich, zwischen rationalem und irrationalem Diskurs zu unterscheiden - und das ist vielleicht das zentrale Problem, um das es hier überhaupt geht: daß beim Stichwort Israel die Abgrenzung zwischen dem Realen und dem Imaginären versagt und sich beide Bereiche in verheerender Weise ineinander verschränken. Leider sieht es ganz so aus, als kämen wir aus dieser Diskursfalle so schnell nicht heraus.






Die "Deutsche Nationalzeitung" und die falsche Häme seiner Kritiker



Während seines jüngsten Deutschlandbesuches gab Ilan Pappe mehrere Interviews, darunter eines, bei dem er sich leider nicht groß vergewisserte, wo das erscheinen sollte. Bestürzt mußte er feststellen, daß er damit am 21.3.08 ausgerechnet in der »Deutschen Nationalzeitung« gelandet war. Pappe reagierte darauf mit folgender E-Mail, die er an die großen Presseagenturen verschickte:

"Dear Friends,
As a point of clarification, it came to my notice that among the
many interviews I gave while being in Germany one of them was
copied to the National Zeitung. Had I known that I would appear in this
newspaper, I would have not agreed to do that. I do not blame that
paper, but myself from not inquiring to whom I am giving press
conferences and interviews. I would like to stress that my ideology
and moral stance are in total contradiction to what this newspaper
represent and the unfortunate appearance in it has nothing to
associate myself or the cause of Palestine with the paper and the
political party behind it.

Yours faithfully,
Professor Ilan Pappe«
Chair
Department of History
University of Exeter
UK."

Seine Kritiker wuschen ihre Hände in Häme. Sie hatten immer schon gewußt, dass eine Kritik am Staatsgründungsmythos Israels nichts anderes sein kann als getarnter Antisemitismus. Henryk M. Broder ließ es sich nicht nehmen, auf seiner Internetseite "Die Achse des Guten" Pappes Unachtsamkeit zum Sündenfall hochzujazzen:

"Ich heiße Pappe und treib's mit jedem …
... auch mit der Nachgeburt des Völkischen Beobachters.

Jetzt hat das 'Gewissen Israels', Prof. Dr. Ilan Pappe, der 'Deutschen Nationalzeitung' ein Interview gegeben. Alles Wichtige steht schon im Vorspann, nämlich, dass es im Grunde nicht um die armen Palästinenser, sondern um die noch ärmeren Deutschen geht, die schon viel eher Palästina verlassen mußten. Weswegen Deutsche und Palästinenser heute im selben Boot sitzen. Besonders originell ist die Feststellung, dass die Gründung Israels ›das Ende der Ära eines liberalen Islam‹ einläutete. So wie mit den Ereignissen von 1945 in Deutschland das Ende der Ära eines Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz begann. Echt tragisch das Ganze."





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Pappe, Ilan "Die ethnische Säuberung Palästinas" Buch Bücher > Sachbücher > Politik & Zeitgeschichte Pappe, Ilan
Die ethnische Säuberung Palästinas

"So etwas wie ein Palästinenservolk gibt es nicht, es hat nie existiert" (Golda Meir, 1969). Der israelische Historiker Ilan Pappe zeigt in seiner erschütternden Dokumentation, wie es der Führung des gerade gegründeten Staates Israel gelang, die arabische Bevölkerung in den Augen des eigenen Volkes und der Welt zu entmenschlichen, zu vertreiben und eigene Greueltaten zu legitimieren. "Nach unserer Vorstellung muss die Kolonisierung Palästinas in zwei Richtungen erfolgen: jüdische Ansiedelung in Eretz Israel und Umsiedlung der Araber aus Eretz Israel in Gebiete außerhalb des Landes" (Leo Motzkin, Funktionär des Zionistischen Kongresses, 1917. Eine israelische Stadt ist nach ihm benannt). "Ich bin für Zwangsumsiedlung; darin sehe ich nichts Unmoralisches" (David Ben Gurion). Mehr Info. 22,00 €. Nr. 200320. Fehlt, wir liefern innerhalb einer Woche nach.  Bestellen | Wünschen


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