Laudatio
Laudatio von Martin Mosebach anlässlich der Verleihung des Italo-Svevo-Preises an Eckhard Henscheid am 26.3.04 in Leipzig.
Als ich die ehrenvolle Aufgabe erhielt, den diesjährigen Italo-Svevo-Preis zu vergeben, und als ich mich dann entschied, diesen Preis Eckhard Henscheid zu überreichen, habe ich mich, bei aller Verehrung, Bewunderung und Liebe, die ich für Italo Svevo empfinde, doch nicht gefragt, ob es zwischen ihm und dem Preisträger Henscheid Gemeinsamkeiten gebe, die diese Preisverleihung zu rechtfertigen vermochten. Peter Hacke hat die Germanistik als die Wissenschaft des "und" bezeichnet; demgemäß wäre die germanistische Behandlung meiner Lobrede, an dieser Stelle über "Svevo und Henscheid" zu sprechen. Ich tue es nicht, obwohl man das tun könnte, Stoff dazu gäbe es, und erinnere nur an Goethes Wort: "Wer sich Sankt Georgi-Ritter nennt, denkt nicht gleich Sankt Georg zu sein."
Henscheid ist ein Erdteil, das zeigt allen, die das vergessen haben möchten, die soeben entstehende Werkausgabe aus vielen dicken Bänden auf dünnem, edlem Papier, und obwohl dieser Preis seinem ganzen Werk gilt, ist es unmöglich, in einer kurzen Rede mehr als nur eine atmosphärische Ahnung dieses Werkes zu vermitteln. Schweigen muß ich vor dem gewaltigen sprachkritischen, literaturkritischen und kulturkritischen Werk, das täglich anwächst, ein Zeugnis unversieglicher Arbeitskraft und Lebenslust. Wahrheitsbessenheit und die Fähigkeit, die Lüge und die falschen Töne unfehlbar herauszuhören, zeichnen diese Aufsätze aus - besonders unverträglich wird die Lüge, wenn sie in hohem Ton daherkommt, wenngleich hoher Ton keineswegs immer Lüge bedeuten muß - hier gestatte ich mir, etwa im Hinblick auf Botho Strauß etwas anderer Ansicht als der verehrte Preisträger zu sein. Viele haben geglaubt aus der Gnadenlosigkeit, mit der Henscheid politische Korrektheit und linke Phrasen verfolgt, politische Schlüsse ziehen zu sollen. Ich habe aber den Eindruck, daß Henscheid sich bis heute eher als links empfindet; es gehört einfach zu seinem Anstand, der alten Devise zu folgen: Ein jeder kehre vor seiner Türe - und seine Türe ist eben die linke Tür.
Schweigen auch muß ich über den Musikliebhaber Henscheid, obwohl die Musik und sein spezifisches Verhältnis zu ihr womöglich die unergründliche Facette am blitzenden Edelstein seiner Begabung ist. Henscheid verbringt viele Stunden am Klavier, scheut vor den gewaltigen Partituren nicht zurück und brummt sich ganze Wagner-Opern selber vor. Ingres spricht einmal von "jener schrecklichen Liebe, die Rubens und Raphael gleichermaßen umfaßt" und so könnte ich denn von Henscheids "schrecklicher Liebe, die Wagner und Millöcker, Mozart und Lehár, Verdi und Puccini gleichermaßen umfaßt" sprechen. Pathos und Rhetorik, holder und unholder Wahnsinn finden, von seinen Lieblingssängern gesungen, den unmittelbaren Weg in sein Herz, da gibt es nur Kennerschaft und Leidenschaft, aber kein modisches Relativieren und intellektuelles Augenzwinkern. Der literarische Niederschlag dieser Leidenschaft ist groß - die italienische Oper bildet das große Untergrundrauschen unter den bizarrsten Szenen seiner Romane.
Nicht sprechen muß ich von seiner Rolle als Protagonist der Neuen Frankfurter Schule, die den Geschmack einer ganzen Generation geprägt hat, denn Henscheids Einfluß auf diesen Kreis beschäftigt inzwischen die Literaturwissenschaft.
Und auch auf die Romane, Henscheids Hauptwerk, kann ich im einzelnen hier unmöglich eingehen. Jeder von ihnen lohnte die akribische Untersuchung. Nur dem Stoff, aus dem sie alle mehr oder weniger gebildet sind, dieser dem Künstler höchsteigenen Substanz will ich wenige Gedanken widmen, vor allem am Beispiel von "Geht in Ordnung - sowieso - - genau - - -" - einem Buch, das hier für alle übrigen stehen soll.
Henscheid stammt aus Amberg in der Oberpfalz, und als sei dieses Städtchen nicht schon klein und provinziell genug, denkt er sich als Dandy des Provinzialismus immer noch obskurere Geburtsorte aus: gegenwärtig darf sich mit seiner Autorisation der Flecken Mimbach-Mausdorf rühmen, einen Henscheid hervorgebracht zu haben. In Deutschland ist es immer ein wenig gewagt, von Provinz und Provinzialität zu sprechen - welche Stadt und welche Region unseres Landes ist denn nicht provinziell? Jeder, der eine zu nennen wagt, droht sich lächerlich zu machen. Aber es gibt natürlich graduelle Unterschiede. Amberg ist auf besonders augenfällige Weise von jedem Metropolentum weggerückt. Es liegt in Bayern, aber zugleich weit weg vom Lederhosen- und Weißwurstbayern, vom Lüftelmalerei- und Skiliftbayern. In Amberg ist Böhmen schon spürbar. Wodurch wird Böhmen spürbar? Da muß ich auf meine Privatmythologie zurückgreifen: bei Böhmen denke ich an ein uraltes Märchenland voll Glashütten, Renaissanceschlössern und düsteren Wirtshäusern, in denen ein dunkles, süßes Bier fließt. Nach Amberg ist das hysterische bayrische Rokoko nicht hingelangt: Amberg ist eine ernste würdige Stadt mit vollständig erhaltener Stadtmauer, gotischen Häusern und Kirchen, von einem flachen Fluß durchrauscht. Labyrinthisch winden sich seine Gassen. Man fädelt sich durch ein Stadttor ein und nähert sich dem Kern in konzentrischen Kreisen. Am Rande erhebt sich auf einem Berg eine Wallfahrtskirche, die so klassisch und kostbar aus dem honiggelben Stein gemauert ist, daß sie in Sizilien stehen könnte. Um Amberg lagern sich sanfte Hügel, auf jedem steht eine Kirche. Die Apfelbäume um Amberg tragen ein köstliches Obst, Äpfel, die nach Pfirsichen und Johannisbeeren schmecken. Es ist schön, beneidenswert schön, aus Amberg zu stammen, beinahe so schön wie aus Venedig.
Und Henscheid bewahrt diesem schönen, ins feuchte, atmende Grün gedrückten Geburtsort denn auch eine vorbildliche Dankbarkeit, wie man sie den eigenen Eltern und der eigenen Herkunft eben schuldet. In Amberg mag es Zeiten gegeben haben, in denen man die Henscheid-Romane "bewildered", wie die Engländer sagen, gelesen hat, aber diese Zeiten sind vorbei. Wenn Henscheid seine Stadt betritt, eilt man herbei, ihn zu begrüßen. Heftige Kundgebungen mögen den Ambergern nicht liegen, dafür umso mehr eine nachdrückliche gedämpfte Zustimmung auf dem festgemauerten Fundament ehrbewußter Landsmannschaftlichkeit. Henscheid könnte, so ist mein Eindruck, jetzt über Amberg einfach alles schreiben: wenn es gar zu haarsträubend wäre, ließe man das Buch dort zugeklappt und versicherte ihn eben ganz allgemein eines unbeschränkten Wohlwollens. Gestandene, gesunde Provinz. Gewachsene, organische, harmonische Provinz. Kunsthistorisch bemerkenswerte, historisch erhaltene Provinz. Schönheit, Geschichte, Landleben. Gotik und gute Luft. Kernige Menschen mit einer prachtvollen Sprache. Nun, wir wissen, dies alles ist nicht die Provinz des Eckhard Henscheid. Das Gegenteil allerdings auch nicht: verhockte, dämonische Provinz. Grausame, bösartige Provinz. Provinzunterdrückung, Provinztraumata, die für eine Marieluise Fleißer ihr bayrisches Ingolstadt weit mehr zur Hölle als zum Fegefeuer gemacht haben, menschenverachtende niederbayrische Jagdszenen - alles das ist an der Henscheidschen Provinz vorübergegangen. Und dabei hat er sich in sein Amberg mit ganzer Energie hineingebohrt. Was hat er dort Eigentümliches gefunden?
Man gestatte mir eine Abschweifung. Ich möchte von Gegenständen sprechen, von denen Menschen mit höherer Lebensart wenig Kenntnis genommen haben mögen. Ich möchte von den Schnapssorten sprechen, mit denen sich in Deutschland die Eckensteher und Clochards, die Kneipenhocker und Feierabendalkoholiker zu berauschen pflegen. Es gibt diese Schnäpse natürlich in großen Flaschen, aber auch und vor allem in kleinen Fläschchen. Auf ihren Etiketten ist das altertümliche Deutschland, das Deutschland der Butzenscheiben und der Frakturschrift, das Postkutschen- und Spitzwegdeutschland zitiert. Aus ehrwürdigen Klosterbrennereien, von in der Alchimie erfahrenen Mönchen scheinen diese Wasserhäuschenschnäpse destilliert worden zu sein. Hirschgeweihe und Kreuze, Ordenssterne und Kronen, Kupferstichartiges, Adliges und Gediegenes strahlen die Fläschchen aus in ihrer puppenhaften Winzigkeit. Die Namen evozieren das Uralte. Als Gymnasiast in Abiturnähe kannte ich im Wirtshaus einen Mann, der gern große Runden ausgab. Wenn ich in der Nähe war, wenn er zehn "Fürst Bismarck" bestellte, sagte er stets - vermutlich, weil er mich nicht zu Unrecht konservativer Neigungen verdächtigte: "Das ist ja wohl schon vom Namen her gebongt." Andere Schnäpse heißen noch schöner: Malteser, Mariacron, Jägermeister. Man sieht, wie ich mich an das Getränk heranpirsche, das durch Henscheids Prosa rinnt und gluckert, was darin tropft und braust: der Sechsämtertropfen. Dreiundfünfzig Fläschchen Sechsämtertropfen werden einem Henscheid-Helden einmal aus der Plastiktüte in den Schoß geschüttelt. Wenige Autoren, die den Rausch beschrieben haben, können sich brüsten, so wie Henscheid allein mit den Mitteln der Sprache im Leser ein Karussell im Kopf mit Nausea und gefährlichem Taumel erzeugen zu können: bei den Vernichtungsfeldzügen gegen den Sechsämtertropfen, die Henscheid beschreibt, habe ich in stocknüchternem Zustand alle Phänomene bedrohlicher Betrunkenheit an mir wahrnehmen können. Und so wie mit dem Sechsämtertropfen mit seinem gravitätischen Namen, der an die alten Institutionen des Heiligen Römischen Reiches erinnert, verhält es sich nun auch mit dem alten, vom Krieg verschonten, ehrwürdigen Amberg. Die Verwandtschaft zwischen beiden ist eng. Die Stadt steht noch, alles ist da, und alles ist zugleich fürchterlich verändert. Es gibt Kenner, die unter der industriellen Verwüstung unserer Gemeinwesen leiden, die darauf schwören, daß die schlimmsten Verwüstungen nicht im Herzen der zu Klumpatsch gehauenen Großstädte, sondern in den eigentlich in ihrer Substanz erhaltenen Kleinstädten und Dörfern anzutreffen sind. Wenn Bausparkassen und Sanierungsprogramme sich einer erhaltenen historischen Häuserzeile annehmen, stehen die alten Häuser nachher wie geschändet da. Rote Fallerhäuschendächer ersetzen die wie lebende Körper gewölbten alten Dachhäute. Aluminiumfensterrahmen schützen Barockhäuser vor Zugluft. Kunststeinpflaster bewahrt die Autos vor Unebenheiten. Am schlimmsten sind, für mich jedenfalls, die Wirtshäuser der alten Städtchen. Im Zeichen des Sieges der Behaglichkeit hat man sie in ästhetische Wüsteneien verwandelt. Und es sind genau diese Wirtshäuser, in denen große Partien der Henscheidschen Romane spielen. In solchen von Brauerei-Innenarchitekten zugrunde gerichteten und jeglichen Charakters beraubten Interieurs treffen die Henscheid-Helden auf ein Weizen oder eine Runde Piccolo zusammen. An solchen dumpfen, muffigen Orten mit vom Zigarettenrauch vergilbten Nylongardinen, mit Friteusengestank und Kunstblumengesteck versammeln sie sich zum Einschlürfen und Hinunterkippen des Sechsämtertropfens. Es müßte einem bei der bloßen Vorstellung eigentlich Augen, Ohren und den Magen zukleben. Da hat freilich von den Helden noch keiner den Mund aufgemacht.
Deutlich ist geworden: Henscheid findet in der tiefen Provinz, der er entstammt, eine literarische Nahrung, den Lehm, aus dem er seine Menschen backt. Er ist Provinzler mit Haut und Haaren und deshalb muß er zwei Dinge nicht tun: Er muß die Provinz nicht feiern und verherrlichen und er muß die Provinz nicht schmähen oder verfluchen. Beides tun nur Möchtegern-Provinzler oder Möchtegern-Großstädter. Schön und scheußlich umgibt ihn die Provinz, er hängt an ihrem Busen und kümmert sich nicht darum, ob der frisch gewaschen ist. Amberg ist sein Athen und weil es das Zentrum der Welt ist, braucht man es auch nicht zu beschreiben. Die alten Türme und die gotischen Häuser und Mauern sind sowieso da, die müssen nicht geschildert werden. Die Gotik und das Barock gehören zu den Dingen, die Amberg vom Rest der Welt unterscheiden. Darauf aber kommt es nicht an. Es kommt darauf an, was Amberg mit allen vorstellbaren Orten Deutschlands gemeinsam hat, denn es sind Weltromane, die der Autor schreibt, keine Regionalidyllen, wenn auch die Idylle zu ihren wesentlichen ästhetischen Reizen gehört. Welch besseres Gleichnis war für einen Ort, der die ganze Bundesrepublik in sich birgt, vorstellbar als der bei Henscheids Lesern legendär gewordene ANO-Teppichladen. Ein Realsymbol ist dieser Laden wohlgemerkt, an vielen Orten ähnlich zu finden, aber in Amberg von dem leidenschaftlich beobachtenden Henscheid akribisch studiert. Was kann die ästhetische Realität Deutschlands besser verkörpern als der Teppichboden, der über jeden Beton draufzupappende Textilmüll, die widerwärtig flauschig-samtige Haut, die sich auf Gummigrund über alle verkorkste und auch über erhalten gebliebene gelungene Architektur herüberziehen läßt. Mit atombombenfesten Kleistern festgeklebte Teppichböden sind der Inbegriff der in Deutschland heute noch möglichen Dekorationsleistung. Es gibt inzwischen sogar schon Kirchen mit Teppichböden, wobei es gewiß der Mühe wert wäre zu untersuchen, ob auf Teppichboden gespendete Sakramente überhaupt gültig sind. Als die Henscheid-Romane entstanden, war der Teppichboden noch eine Revolution, alle mit erfolgreichen Revolutionen verbundenen Hoffnungen auf ein neues, von alten Zwängen befreites Leben hefteten sich damals auch an den Teppichboden. Gerade solche entzückenden Stadtkostbarkeiten wie Amberg wurden mit Teppichböden innerlich überzogen wie bei bestimmten lebensgefährlichen Krankheiten die inneren Organe des Leibes mit Pilzkulturen sich bedecken. So wurde der ANO-Teppichladen zum wirklichen Kultort der neuen deutschen ästhetischen Religion und die Tausenden von Sechsämtertropfen-Fläschchen, die zwischen den von chemischen Staub bedeckten Tora-Tufting-Rollen geleert wurden, waren ihre Salbung und spirituelle Gnadengabe.
Dies betrifft den satirischen und politischen Aspekt in den Erzählungen Henscheids, die nicht im Reich der Phantasie angesiedelt sind, sondern durch den Ort und die Zeit ihrer Handlung am Schicksal der Nation teilhaben. Gern charakterisiert man Henscheid als Satiriker und tut damit nichts grundsätzlich Falsches. Aber es gibt in seinen Romanen noch ein anderes Element als das Satirische, etwas, das womöglich viel wichtiger ist, das Fundament dieser Bücher, auf dem deren große Komik ruht, der Resonanzboden all der überwältigend absurden Dialoge, der ihnen erst zur nachhaltigen Wirkung verhilft. Es ist nicht leicht, dieses Element zu fassen zu bekommen und es gar zu beschreiben. Weil Henscheid Künstler ist, vertraut er sein Werk dem Schutz der Poesie an. Und die Poesie fügt der satirischen Groteske etwas hinzu, das sich alsbald als der eigentliche Schatz erweist, der sich in den Henscheid-Romanen verborgen hält.
Wirtshausszenen kennt man auch aus der Malerei, ich denke hier vor allem an die großen Holländer. Ich meine nicht die wilden Gehege, die Schilderungen der Trunkenheit und der Unordnung, der umgefallenen Stühle und umgekippten Krüge, sondern das stille Zusammenhocken in weichem, die Figuren plastisch umfließendem Licht. Da sitzt dann etwa ein junger Mann mit großem weiten Kragen und leicht verstrubbeltem Haar mit der Hand am Weinglas und blickt zu einem Mädchen herüber, das ihn ganz vergessen zu haben scheint und sich in angelegentlichem Gespräch mit einem dritten mit großem Hut befindet. Im Weinglas funkelt es. Die gelbe Jacke der Frau umrahmt ihre Haut am Ausschnitt wie ein weiches Fell. Die Spannung zwischen den drei Menschen scheint alle Welträtsel zu enthalten. Der Duft dieser Szene ist geheimnisgesättigt. Man kann den Blick nicht davon abwenden, man wird in das Bild hineingezogen in einer während der versunkenen Betrachtung immer anwachsenden Bewegung und weiß doch, daß man niemals in dieser verzauberten Welt ankommen wird, in der eigentlichen Wirklichkeit, in der alle Gegenstände schwerer und bedeutungsvoller sind und aus sich heraus leuchten. Wenn man sich nun aber vorstellt, was die drei gemalten Personen wohl sagen, dann wird man davon überzeugt sein dürfen, daß sie keine Hugo-von-Hofmansthal-Dialoge von wehmutgesättigtem Zartsinn austauschen, sondern das dümmste und flachste Zeug von sich geben - "was man halt so sagt!" wie es in Wien heißen würde, was wir alle eben so sagen, wenn das Geschwätz uns widerstandslos aus den Mäulern herauspurzelt. Hier ist nun der Punkt erreicht, an dem sich der zweitrangige vom erstrangigen Künstler unterscheidet. Für den zweitrangigen Künstler ist die Tatsache, daß die an der verzaubert schönen Szene Beteiligten Trivialitäten austauschen, Anlaß zu Bitterkeit und Desillusionierung - solcher Schönheit muß die Maske vom Gesicht gerissen werden. Für den erstrangigen Künstler bleibt das Faktum der Magie und der Schönheit des Anblicks durch die Hinfälligkeit der Reden, die die dort um die Weinkaraffe versammelten Personen führen, völlig unberührt. Wie durch ein Photoobjektiv schaut Henscheid auf seine Wirtshausszenen: Er sieht sie als Gesamtansicht und er geht nahe heran und erlebt, wie sich aus den dümmsten Mosaikbröckchen ein unwiderstehlich anziehendes Bild zusammensetzt. Er gehört zu wenigen Epikern, die der Dodererschen Forderung nach dem Erzähltempo Null genügen können. Immerfort erzählend über ein und derselben Stelle schweben zu können gehört zu seinen Kunstfertigkeiten. Schönheit, Verzauberung, Wirklichkeitsrausch sind für ihn nicht Kategorien, die der stumpfen Realität entgegengesetzt sind, sondern Ereignisse, die aus eben dieser stumpfen Realität herauswachsen, wenn sie nur richtig traktiert, geknetet und elektrisch aufgeladen sind. Solche Erlebnisse mit ihm teilen zu dürfen hat nicht nur mich, sondern viele andere zu Henscheid-Lesern gemacht.
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Pressestimmen
Auf der Sachbuchbestenliste 7/2005.
Reichlich Tiefsinn, aber niemals Hochnebel.
„So einen wie Eckhard Henscheid nannte man früher vermutlich einen Connaisseur. Also einen Kenner der Materie, der sich zudem als genuss- und bewunderungsfähig erweist. Die Materie ist im vorliegenden Fall die Musik, vor allem die Oper, aber beileibe nicht nur sie. Es gibt auch in die Jugendzeit zurückreichende Reflexionen über die Verführungskraft eines Schlagers wie ‚Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein‘ oder gegen den Zeitgeist strömende Verteidigungstexte der Operette und sogar Analysen alpenländischer Volksweisen.
Henscheids Kennerschaft geht aber noch weiter. Denn er - Romancier, Schriftsteller, Satiriker des Jahrgangs 1941 - versteht sich auf den wahrlich virtuosen Umgang mit der Sprache. Kritisch und selbstkritisch bis in die letzte Satz- und Sinnverästelung. So findet der Leser reichlich Tiefsinn, aber niemals Hochnebel … Dank der vorbildlichen Gliederung des Buchs mit kleinteiligem Inhaltsverzeichnis und zwei Registern - nach Werken und nach Personen - kann man übrigens jederzeit finden und wiederfinden, wonach es einem gelüstet.“
Kirsten Lindenau. Das Orchester, 1.4.2006
Nicht zu überbieten.
„Der Frankfurter Humorist und unbestechliche Adornit erweist sich als ein Besserwisser, der dummerweise meistens auch Recht hat, sich aber keinen Deut um Gerechtigkeit schert. Eine gewisse Tendenz zur Polemik wohnt den Schriften Henscheids immer inne, insbesondere gegen die von ihm hassgeliebten ‚Kulturbetriebsschnallen‘. Aber das verzeiht man ihm gerne, denn kurz darauf kommt er wieder zu so überraschenden Einsichten in so witzigen Formulierungen, dass ein zustimmendes Lachen die einzige Reaktionsmöglichkeit bleibt. Unvergesslich sind natürlich auch seine Versuche der Definition der Gattung Oper - ‚Oper ist, wenn er raufsingt, dass sie runterkommen soll‘ oder ‚Oper ist organisierter Krach‘, das ist an Schlüssigkeit und humoristischer Prägnanz einfach nicht zu überbieten.“
Deutscher Chorverband, Februar 2006
Ein kleines Wunder.
„Diese achthundert Seiten musikalischer Glossen, Essays, Polemiken, Quertreibereien und Extravaganzen summieren sich zu einem kleinen Wunder; Eckhard Henscheid demonstriert, dass aus jahrzehntelanger kritischer Tagesarbeit das Klangbild einer Epoche sich abzuzeichnen vermag. Er lässt uns erkennen, dass aus Hunderten von hellhörigen Einsprüchen in Zeitungen, Zeitschriften, Radiosendungen und Programmheften so etwas wie ein Urteilsspruch über unseren Kulturbetrieb, unsere Musikszene, unser Konzertwesen herauskommen kann - dank einem unverwüstlichen Temperament, das sich darauf versteht, ganz Ohr zu sein: vor allem für die Oper, für die Improvisationen des Zeitgeistes und für die falschen Töne der Musikkritik … das vielleicht auf- und anregendste Musikbuch seit Adornos nachgelassenem Beethoven.“
Dieter Hildebrandt, Die Zeit, 8.12.2005
Entschieden gegen den Scheiß der Zeit.
"Gerade ist der siebte Band der Werkausgabe erschienen, welcher die musikalischen Schriften vereint - vom lustig-lehrreichen Opernführer Verdi ist der Mozart Wagners' über die Musikplaudertasche' bis hin zu den neuesten, bislang nicht veröffentlichten musikalischen Schriften, und auch hier wird schon beim ersten Schwelgen in den schön gesetzten Seiten klar: So aufopferungsvoll und selbstlos hat sich noch keiner dem Scheiß der Zeit ergeben. Dies freilich, um sich zugleich entschieden gegen ihn zu stemmen: Nur damit das nicht so leicht wieder in Vergessenheit gerät: Gorbi, das macht mir Sorgi (Wolf Biermann, 1989).' Später glaubt einem das ja keiner mehr. Doch kommt der kenntnisreiche Raconteur in all seiner furcht-und höchst fruchtbaren Schimpfwut auch immer wieder zu sympathisch ratlosen Schlüssen: Jaja, die Wirklichkeit ist noch viel blöder als die Polizei erlaubt.'
Und nicht zuletzt ist Henscheid, dem wir eine der schlüssigsten Operndefinitionen überhaupt verdanken (Oper ist, wenn er raufsingt, dass sie runter kommen soll.'), ja auch und bestimmt nicht zuletzt: ein Bayer. Mit allen Konsequenzen, soweit sie das spezifisch Oberpfälzische betreffen, das gemütlich Verschlagene, dickschädelig Gewitzte und dabei doch immer freundlich späthumanistisch Milde, das Werk und Mensch umflort und aus ihm spricht. Wer der lesenden Welt Begriffe wie Hirnschwurbelei' (über eigene Texte), Krampfhenna' (über Hildegard Hamm-Brücher), oder ausgschamte Kopfflachpfeifen' (Karajan und Kollo) und andere munter rumpelnde Bajuvarismen schenkt, kann nur aus dem Texas Deutschlands kommen, dem Uganda Bayerns, dem Deutschland Europas, oder was auch immer, da sind wir uns jetzt nicht mehr so sicher."
Oliver Maria Schmitt, Aviso 4/2005
Brillant.
"Nicht nur diejenigen, die Henscheids brillante Bücher Verdi ist der Mozart Wagners', Musiplaudertasche' und Warum Frau Grimhild Alberich außereheliche Gunst gewährte' noch nicht besitzen, sollten schleunigst zugreifen, denn: Der Sammelband enthält auch eine Reihe musikalischer Schriften neueren Datums!"
Michael Wackenbacher, Neue Musikzeitung, Oktober 2005
Für Musikfreunde unverzichtbar.
"Wen im Opernhaus gelegentlich das Gefühl beschleicht, dass es sich bei der dort gebotenen ernsten Kunst irgendwie auch um eine humoristische Angelegenheit handelt, der ist bei Eckhard Henscheid bestens aufgehoben ... Wenn Henscheid sich über Musik äußert, sind seine Kritik und sein Spott stets verwandelte Liebe und purer Genuss. Im siebten Band der Henscheid-Werkausgabe ist nun das meiste, was der eloquente Opern- und Musikkenner bisher an Ingeniösem über die Welt der Klänge zu Papier gebracht hat ... schön gebunden mit einem Griff verfügbar: die Musikplaudertasche' - Kolumnen aus konkret', die Sammelbände Verdi ist der Mozart Wagners', und Warum Frau Grimhild Alberich außerehelich Gunst gewährte' sowie neuere musikalische Schriften'. Für den lesenden Musikfreund unverzichtbar.
Neue Westfälische, 17./18.09.2005
Respektlos und fachlich tiefgründig.
"Allein für die Entdeckung der Gemütlichkeit bei Verdi lohnt es sich, Eckhard Henscheids kundige und äußerst unterhaltsame Betrachtungen über die Oper im Besonderen und die Musik im Allgemeinen zu lesen. Götter' wie Mahler nimmt er respektlos, fachlich tiefgründig aufs Korn. Oder pfeffert eine Salbe ab gegen die drei Tenöre. Und rückt die oft zitierten Bemerkungen von Komponisten über ihre Werke ins rechte Licht. Henscheid schreibt nie eitel geistreich, sondern immer auf die Musik-(sache) bezogen: eine Fundgrube für Wissbegierige."
Landeszeitung, 27.08.2005
Witzig, streng und bitter nötig.
"Dass der große Schriftsteller Eckhard Henscheid hierzulande notorisch unterschätzt wird, liegt wohl auch an seiner nervensägenhaften Beharrung, die ganze Restwelt für kenntnislos minderbemittelt zu erklären. Zumal wenn es um Musik' geht, wie in dem verdienstvollen neuen Band der überhaupt verdienstvollen Werkausgabe bei Zweitausendeins ... eine witzige, aber unnachgiebig strenge Stil- und Geschmacksschule: bitter nötig."
Holger Noltze, Fono Forum September 2005
Köstliche Stücke.
"Manche Perlen hat Eckhard Henscheid dort vergraben, wo man sie nicht vermutete. Als Nachwort zu einem Kinderbuch hat er eine ziemlich umfassende Analyse der Zauberflöte' geschrieben, die sich in Band 7 seiner Gesammelten Werke wieder findet. Zu den köstlichsten Stücken zählt für mich die Seite über einen Satz aus einer Millöcker-Operette, den Henscheid so lange dreht und wendet, bis ihm nur noch mit Derrida und Gadamer beizukommen ist."
Sigfried Schibli, Südwestfunk Baden-Baden, 8.7.2005
Erinnerungen an Karl Kraus und Alfred Kerr kommen auf
.
"Eckhard Henscheids Texte zur Musik sind verstreut und in Einzelausgaben seit Jahrzehnten der Genießertip für Musikfreunde, die ihre Musik zwar lieben, sie aber nicht allzu bierernst nehmen wollen ... Endlich nun, der Dichter arbeitet anscheinend zielstrebig an einer Gesamtausgabe seiner Werke vorletzter Hand, sind alle diese, dazu die Neuen musikalischen Schriften' und einige bislang unveröffentlichte liebevoll-satirische Betrachtungen zu Oper und Konzert, Jazz und Pop, Schlager und Kammermusik und zum Leben drumherum in einem eleganten Sammelband zu haben ... Dem Leser bietet sich ein unerhörter Fundus, ein wahrer Schatz eloquenter Musikplaudereien, kenntnisreicher wie humorvoller Betrachtungen und scharfzüngiger Hiebe. Erinnerungen an Karl Kraus und Alfred Kerr kommen auf ...
Ein feines Buch für Opernfreunde und -hasser, für Feuilleton-Leser, Sottisen-Genießer und Humorbegabte, Ankedoten-Liebhaber und alle, die endlich mal erfahren wollen, was Oper eigentlich ist, warum sie so ist, wie sie ist, was da passiert und was es mit Tonsetzern und -künstlern so auf sich hat. Wer sich schon mal in einem Konzert oder einer Oper gelangweilt haben sollte - das soll vorkommen! - nach dem therapeutischen Gebrauch von Eckhard Henscheids Prosa zur Musik wird das nicht mehr vorkommen. Von Risiken und Nebenwirkungen, außer unbeschwerter Heiterkeit und homerischem Gelächter, ist nichts bekannt."
Frank Becker, Online Musik Magazin, 23.7.05
So amüsant ist das selten zu lesen.
"Sein Blick auf Musikgeschichte und Musikprominenz, auf Art und Unart der Branche besticht. So amüsant ist das selten zu lesen. In Rezensionen nie. Henscheids Band Musik' vereint alte schöne und schöne neue Texte."
Sächsische Zeitung, 25.6.2005
Hinreißender Rufer.
"Henscheids reiches Wissen um die Musik, die Genauigkeit seines Urteils wie auch dessen Schärfe bis hin zum Besserwissen, dazu dessen Freiheit, die auch den verehrten Adorno nicht verschont, machen den Autor zum einzigartigen, unverwechselbaren, hinreißenden Rufer im ja oft so gleichgeschalteten Klassik-Wesen. Wie es immer so schön heißt: für Klassik-Freunde ein Muss ... auch ein optisches und haptisches Vergnügen."
Rudolf Jöckle, Frankfurter Neue Presse, 14.7.2005
Verblüffend-abwegige Beobachtungen.
"Der Mann versteht viel, ganz viel von Musik. Und er stellt in einem grotesk-witzigen Stil geradezu verblüffend-abwegige Beobachtungen an - auch über Werke, von denen wir glaubten, es sei schon alles gesagt."
Frank Pommer, Die Rheinpfalz, 22.6.2005
Echtes Wissen und Leidenschaft.
"Henscheid, das weiß man sowieso aus seiner Belletristik, ist ein hochgradig begeisterter und informierter Freund der klassischen Musik und hier vor allem der Oper ... Ganz schnell stellt sich die Erkenntnis ein: Der Mann hat wirklich Ahnung von dem, über was er hier schreibt - und vor allem: Der Mann schreibt aus und mit großer Leidenschaft."
Bergsträßer Anzeiger, 23.6.2005
Eloquenter Aberwitz.
"Henscheids geistreiche Sottisen taugen einfach nicht zur Käfighaltung in der bierernst biederen Kulturarena, die er ja gerade seit Jahrzehnten wortmächtig aufs Korn nimmt. Henscheids Qualität ist seine Renitenz. Sein eloquenter Aberwitz, die viel gerühmte Henscheidische Komik, sein erbaulich schräger Ton, ist eine insgeheim Falle - wer seinem spielerisch verspielten Nonsens auf den Leim geht, der verkennt entschieden Henscheids Absicht: Er will den Banausen mit den Mitteln klassischer Satire heimleuchten, die oft für elitär gehaltene E-Musik thematisiert er durch Hereinnahme dessen, was die E-Kritik verschmäht, er verballhornt all das leere Stroh, das oft genug gedroschen wird. ... seine Werkausgabe (Dünndruck, wunderschön gemacht und für den Umfang von 800 Seiten, die die Bände jeweils haben, ausgesprochen wohlfeil, wie gesagt bei Zweitausendeins) wird ein bleibendes Vergnügen sein."
Mannheimer Morgen, 6.6.2005
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